Eines Tages wurde in der Fabrik ein großes Fest mit Musik und Buffet zur Begrüßung des neuen Betriebseigentümers aus Moskau veranstaltet. Michail Sokol, wie der neue Chef hieß, hatte die Kartonagenfabrik gekauft. Die Fabrik hatte zuvor der Stadt gehört, bevor diese nicht mehr genügend Aufträge zur Auslastung der Arbeitskräfte hatte beschaffen können. Der neue Boss dagegen brachte in der Aktentasche einen Stapel von Verträgen mit, die für die Produktion in den nächsten fünf Jahren ausreichen sollten.
Ob es Schicksal oder Zufall war, bleibt dahingestellt, aber als Michail bei dem Fest die schöne Leyla sah, war er dermaßen verzaubert, dass er mehrere Tänze mit ihr tanzte, obwohl er noch nie sentimental gewesen war. Er war jung, kräftig, selbstsicher, sodass Leyla sich in ihn verliebte. Es kam zu einem Verhältnis, von dem nur sie beide wussten. Als Leyla Amir davon erzählte, trat er verständnisvoll zur Seite. Jetzt hatte er Angst um seinen Arbeitsplatz. Die Gefühle, die zwischen Leyla und Michail entstanden, waren so stark, dass die beiden nach einem Jahr unregelmäßiger Telefonate und seltener Treffen beschlossen, zusammenzuziehen. Die Geliebten verabredeten, dass Michail bei seinem nächsten Kommen Alexander alles selbst erklären und Leyla mit ihrer Tochter nach Moskau mitnehmen würde. Der Sohn sollte vollkommen frei entscheiden, bei wem er bleiben und wo er leben wollte.
Diese Pläne sollten allerdings nie verwirklicht werden. Einen Tag vor Michails erwarteter Ankunft wurde Leyla zu Amir gerufen. Er schloss die Tür und bat die junge Frau, sich zu setzen.
„Michail wird nicht kommen. Ich habe gerade einen Anruf erhalten. Man sagte mir, dass er überfallen worden ist. Er wurde schwer verletzt und starb.“ Amir erhob sich vom Stuhl, näherte sich der bewegungslos dasitzenden Frau und legte seine Hand auf ihre Schulter. „Glaub mir, es tut mir leid, Michail war ein echter Kerl.“ Nach einer Pause fügte er hinzu: „Du verstehst doch, dass es zwischen uns wieder so laufen wird wie früher. C’est la vie!“
Und so lief das Leben auf der bekannten Schiene weiter und überrollte abermals die unglückliche und unverstandene Frau.
Die Situation zu Hause war nach wie vor gespannt. Ihr Mann zog sich zurück und lebte in einer nur ihm verständlichen Welt. Die Kinder erreichten das Alter, in dem sie alles selbst entschieden, zumal sie die Hilflosigkeit ihrer Eltern spürten.
Um das Verhältnis zu ihrem Sohn zu verbessern, der seit Langem nicht mehr mit ihnen sprach, unternahmen Leyla und Alexander einen Annäherungsversuch und organisierten zu seinem neunzehnten Geburtstag eine Feier. Viele Gäste waren gekommen, aber mitten im Fest verschwand Grischa unbemerkt und kam erst am nächsten Tag nach Hause zurück. Als Leyla von der Arbeit heimkehrte, teilte Alexander ihr mit, dass der Junge wegen des Verdachts seiner Teilnahme an der Vergewaltigung eines dreizehnjährigen Mädchens aus der Nachbarschaft festgenommen worden war. Es kam zu einer Gerichtsverhandlung, und nach einem halben Jahr wurde Grischa zu vier Jahren Haft verurteilt.
Bei all dem Kummer merkte Leyla zu spät, dass auch Polina sich stark veränderte. Das Mädchen war kaum zu Hause und hatte neue Freunde.
„Polina, Liebes, man trifft dich kaum zu Hause. Wo bleibst du denn, was machst du, mit wem bist du befreundet? Du erzählst nie etwas.“ Die verzweifelte Mutter versuchte, den Vorhang des Schweigens zu öffnen.
„Bei mir ist alles in Ordnung“, erklang die übliche Antwort, hinter der das neue Leben der Tochter, von dem niemand etwas wusste, verborgen blieb.
Als Leyla endlich merkte, warum ihre Tochter sich so stark verändert hatte, war es schon zu spät: Polina hing an der Nadel. Für die Mutter bedeutete dies den nächsten Kreis der Hölle. Sie musste dringend eine Klinik finden, die dem Mädchen helfen konnte, ihre Drogensucht zu überwinden. Mit äußerster Mühe konnte die Tochter in einer geschlossenen psychiatrischen Klinik untergebracht werden. Leyla hatte immer weniger Kräfte, all das Unglück, das sie verfolgte, abzuwehren.
Im Laufe der Jahre, in denen Leyla mit Amir verkehrte, verflüchtigte sich allmählich ihr Hass ihm gegenüber. Nach Michails Tod begann sie sogar Spaß an ihren Treffen zu empfinden. Diese Treffen wurden für sie gewissermaßen ein Blitzableiter, eine Unterbrechung, eine Freistellung von den ungelösten Familienproblemen. Außerdem sehnte sich der immer noch junge weibliche Körper, wenn schon nicht nach Liebe, dann zumindest nach körperlicher Nähe. Aber auch hier hatte Leyla Pech. Eines Tages rief Amir sie zu sich ins Büro und sagte:
„Leyla, wir kennen uns jetzt mehr als zwölf Jahre. Du hast mir schon immer gefallen, sonst hätte ich nicht mit dir geschlafen. Reden wir offen: Dich heiraten kann und will ich nicht, das ist dir bekannt. Nächste Woche werde ich eine andere Frau heiraten. Ich liebe meine zukünftige Ehefrau. Mit dir werde ich mich nicht mehr treffen. Ich hoffe, dass du mir nichts von dem übelnimmst, was all die Jahre zwischen uns gelaufen ist.“
„Ich muss dir auch etwas sagen.“ Leyla sah ihn mit ihren klaren blauen Augen an. „Zuerst habe ich dich gehasst, weil du mich gezwungen hast, deine Geliebte zu werden. Dann war es mir egal, ich wollte bloß die Arbeit nicht verlieren, an die ich mich gewöhnt hatte. In der letzten Zeit aber fühle ich mich wohl mit dir, das spürst du zweifelsohne.“ Nach einer kurzen Pause fuhr sie fort: „Du weißt von all dem Unglück, das meine Familie getroffen hat. Wenn ich bei dir bin, vergesse ich wenigstens, dass alles den Bach runtergeht. Ich kann dich nicht dazu bringen, mich zu lieben, aber wollen wir nicht alles beim Alten belassen?“
„Nein, Leyla, ich möchte meine Frau nicht betrügen, ich will mein Familienleben nicht mit einer Lüge anfangen.“
„Aber mich hast du gezwungen …“
„Ich bin ein Mann und entscheide selbst, wann und mit wem ich mich wohlfühle. Deine Zeit ist vorbei und Schluss damit.“
Zum zwanzigsten Geburtstag ihres Sohnes fuhr Leyla in das dreißig Kilometer entfernte Gefängnis, um Grischa zu besuchen. Nachdem sie frühmorgens aufgestanden war und eine Tasche mit Geschenken gepackt hatte, fragte sie ihren Mann noch einmal:
„Willst du nicht mitkommen? Grischa ist doch auch dein Sohn.“
„Er ist nicht mehr mein Sohn. Er ist ein Verbrecher“, sagte Alexander und wandte sich ab.
Innerlich hohl nach dem Wiedersehen mit ihrem Kind, kam Leyla erst spät nach Hause. Das Haus empfing sie mit Dunkelheit und einer unheimlichen Stille.
„Alexander, bist du da?“ Sie rief einmal, dann noch einmal, bekam aber keine Antwort.
„Komisch, wohin konnte er so spät noch gehen?“, dachte die müde Frau, während sie die Tür zur Speisekammer öffnete, um ihre Tasche dort abzustellen. Als sie auf den Lichtschalter drückte, schrie sie vor Entsetzen auf: An einem an der Decke befestigten Haken hing der Körper ihres Mannes, der seine Offiziersuniform trug.
Unter den schwach schaukelnden Füßen in den auf Hochglanz polierten Schuhen lag Alexanders schwarz-weiße Dienstmütze mit dem schweren Emblem, die von seinem Kopf gefallen war.
Конец ознакомительного фрагмента.
Текст предоставлен ООО «ЛитРес».
Прочитайте эту книгу целиком, купив полную легальную версию на ЛитРес.
Безопасно оплатить книгу можно банковской картой Visa, MasterCard, Maestro, со счета мобильного телефона, с платежного терминала, в салоне МТС или Связной, через PayPal, WebMoney, Яндекс.Деньги, QIWI Кошелек, бонусными картами или другим удобным Вам способом.