Die anderen wollten Quantität. Sie wollte etwas Dialektisches, die Umwandlung. Eine neue Qualität. War das der Unterschied, der aus ihren Freundinnen wohlgeratene Bürgerinnen und aus ihr eine Mörderin machte? Hatte die kleine Raupe in ihr etwas Faustisches ausgelöst?
Wir sollten daraus nicht schließen, dass Viola flatterhaft und womöglich nicht tüchtig war. Im Gegenteil, sie würde auch in Sachen Quantität erfolgreich werden, eine gute Geschäftsfrau, eine geachtete Künstlerin, eine berühmte Lektorin. Und eine fleißige Mörderin.
Mengenmäßig stand sie den anderen nicht nach, sie war als Erwachsene reicher und bekannter. Die anderen waren gewöhnlich. Viola hatte etwas, das die anderen nicht hatten.
Bücher.
Auf Sylt
Jansen hätte ein Kurzurlaub auf Sylt zusammen mit seiner Freundin Lisa gut gefallen. Nun reiste er allein dorthin, an einem schönen Novembertag, der für die Jahreszeit viel zu warm war. Er freute sich auf einen Spaziergang am Strand und anschließend einen schönen Grog in einer Bar am Strand.
Züge nach Westerland gingen von Hamburg aus ständig, und vier Stunden später war Jansen auf dem Feriendomizil des Mittelstandes. Im Zug ließ er sich die Kreditkartendaten von Dr. Golz übermitteln. Golz hatte auf Sylt nur einmal Bargeld abgehoben, ansonsten hatte er alles mit Karte bezahlt, das Zimmer in einer Pension, Essen in verschiedenen Restaurants, zwei Besuche in einem Golfklub und in Strandbars.
Mehr bezahlt hatte er für Besuche in einem Klub, der sich altmodisch Disco nannte, wie in den 70ern. Das Rote Kliff in Kampen.
In der Pension, in der Dr. Golz übernachtet hatte, war nichts Auffälliges vorgefallen. Er hatte nicht jede Nacht dort verbracht, wusste die Besitzerin zu berichten. Sein Bett war zweimal unberührt geblieben.
Also hatte er die Nacht zweimal woanders verbracht oder durchgemacht. Das passte zu Jansens Theorie. Der Vermisste musste einfach mit einer Frau durchgebrannt sein, anders war sein Verschwinden kaum zu erklären.
Der Barkeeper in der Strandbar, wo Golz sich geprügelt hatte, konnte sich noch gut an den Lektor erinnern. Er hätte depressiv gewirkt, er wäre richtig schlecht drauf gewesen, hätte viel getrunken und äußerst dünnhäutig auf alles und jedes reagiert. Und dann hätte er sofort zugeschlagen, als ihn ein anderer, freundlicher Gast wegen seines massiven Zigarettenkonsums angesprochen hatte.
Wobei Rauchen in der Bar ohnehin nicht erlaubt war. Komischer Typ, einer, dem man lieber nicht begegnen wollte, fand der Barkeeper.
Das passte gar nicht zu dem Dr. Golz, dessen Profil Jansen gelesen hatte. In der Redaktion und von seiner Freundin war er als charmanter Plauderer, netter, geselliger Mensch und hochintelligenter, eher introvertierter Mensch beschrieben worden. Was war ihm hier über die Leber gelaufen? Was hatte ihn schlagartig so stark verändert?
Jansens nächster Anlaufort war der Nachtklub.
Allerdings musste er in diesen Party-Hotspot erst mal reinkommen. Er musste seinen Polizei-Ausweis vorzeigen, um eingelassen zu werden. Peinlich, und wohl fühlte er sich unter den anwesenden Papageien auch nicht.
Der Laden war für ihn viel zu teuer. Eine Flasche von was auch immer kostete mindestens 160 Euro, nichts, was sich ein Polizeistudent eben mal so leisten konnte.
Ein kleines Bier kostete sieben Euro, und das war neben einem Glas Saft das Billigste, was die Typen sich im Roten Kliff genehmigten. Jansen entschied sich für einen billigen Whisky für zehn Euro. Das Eis war immerhin umsonst.
Es war laut in der Disco, auch wenn im Spätherbst nicht mehr so viel los war wie im Sommer. Die letzten Tage waren warm gewesen, und es waren viele Leute unterwegs.
Jansen ging ein wenig umher, nahm sein Foto von Dr. Golz aus der Tasche und fragte den einen oder anderen nach dem Lektor. Der Barmann konnte sich nicht erinnern, da wären doch täglich Hunderte von Promis, meinte er lakonisch. Andere Personen, die er ansprach, schüttelten nur abweisend den Kopf.
Wenn er schon da war, konnte er auch eine Weile bleiben, dachte Jansen. Ein wenig abzurocken hatte noch niemandem geschadet.
Zwei Stunden und siebzig Euro später hatte er immer noch keine Idee, wie er im Klub eine Spur und eine Bekanntschaft von Dr. Golz finden sollte. Vielleicht war es besser, den Rückzug anzutreten.
Doch auf dem Weg zur Garderobe hielt ihn eine kleine Rothaarige auf. »Du willst doch nicht schon gehen, Süßer, oder?«, brüllte sie ihm ins Ohr. »Komm doch mit zu uns an den Tisch!«
Was tut man nicht alles im Dienste der Ermittlungen, dachte der junge Polizist, mit der gleichzeitig aufkeimenden Hoffnung auf eine Einladung zu einem weiteren, hoffentlich besseren Drink.
Die Leute am Tisch der Rothaarigen, irgendwelche Filmfritzen aus Berlin, hatten gerade eine Riesenflasche Champagner bestellt, Jerry Beam oder so ähnlich, Jansen hatte den Namen nicht richtig verstanden. Jansen kannte nur Jim Beam, den hatte er gerade gehabt.
Er setzte sich dazu, die Rothaarige grinste ihn süß an, sonst nahm niemand Notiz von ihm. Jansen trank ein paar Gläser, aber auf Party hatte er eigentlich keine Lust. Mittlerweile war ihm das zu oberflächlich, er war wegen einer Aufgabe hier, und er wäre lieber wieder zu Haus bei seiner Lisa gewesen.
Da die Musik gut war, verging die Zeit schnell, und Jansen hatte bald mehr getrunken, als ihm lieb war; seine Blase war übervoll.
Vor dem Männerklo stritten sich gerade zwei Betrunkene und ließen niemanden vorbei. Heutzutage war ohnehin überall Unisex, Metrosex oder eins von den anderen Gendern angesagt, die man auf Facebook kannte, dachte sich Jansen, da kann ich doch genauso gut aufs Damenklo.
Als er dort wieder aus der Box trat, pfiff ihn eine sommersprossige Blonde an, die sich gerade schminkte. »Was machst du denn hier! Das ist das Damenklo, verdammt noch mal, Männer haben hier nichts zu suchen!«
Sie hatte sich gerade den Lippenstift quer durchs Gesicht gezogen. Jansen musste sie gehörig erschreckt haben.
»Tja, eigentlich suche ich jemanden, einen als vermisst gemeldeten Mann «, versuchte er sich rauszureden. Jansen zog sein Suchfoto aus seiner Jackentasche. Die Blonde sah gar nicht hin. »Und den suchst du hier auf der Frauentoilette? Spanner, was?«, fauchte sie, und die Luft um ihren zusammengekniffenen Augen knisterte.
»Den«, sagte Jansen matt, und hielt ihr das Foto vor die Augen. Ihm war durchaus klar, dass das nichts verbesserte. Einen Mann in einer Box auf einer Damentoilette zu suchen, brachte im Allgemeinen eher wenig.
»Einen Mann. Stark suizidgefährdet«, schickte er hinterher. Das erregte scheinbar ihr Mitleid. Sie sah sich das Foto an.
»Den kenne ich doch!«, rief sie. »Der hat hier vor kurzem Golf gespielt, und dann war er hier im Klub mit so einer Überfrau. Moment.«
Sie wischte sich das Gesicht mit einem Papierhandtuch ab und zog Jansen aus der Toilette. »Lass uns mal rausgehen. Hier ist es zu laut zum Reden.« Sie zog ihn am Ärmel aus dem Lokal.
»Hm. Suizid, hast du gesagt? Der? Der war doch gut drauf. Ich habe sogar ein Foto, glaube ich.«
Sie blätterte in ihrem Handy. »Hier. Ist er das? Was ist denn mit ihm?«
Jansen sah sich das Foto an. Tatsächlich. Das war Dr. Golz, und er schien in prächtiger Stimmung gewesen zu sein. Er stand dort mit einem anderen aristokratisch aussehenden Mann im besten Alter und einer tiefausgeschnittenen Frau, die aus ihrer herausragenden Figur kein Geheimnis machte. So eine, an deren Existenz man erst glaubt, wenn man sie sieht.
Jansen hatte bis dahin gar nicht gewusst, dass es Frauen gab, die so gut und so sexy aussehen konnten.
»Kann ich das haben?«, fragte er die Sommersprossige. »Und wieso hast du die fotografiert?«
»Klar«, sagte sie. »Mach mal dein Airdrop an, dann schick ich es dir. Warum, das ist doch wohl klar, ne? Ich wollte meiner Freundin das Kleid zeigen, das die anhat. Habe ich aus einem Video rauskopiert. Geil, oder?«
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