Jansen erstaunte der Bericht des Arztes, der Dr. Golz untersucht hatte. Der Patient hatte Schwermetalle, Amphetamine und einen sehr hohen Nikotinspiegel im Blut gehabt, die der Arzt sich nicht erklären konnte. Dr. Golz hatte, kaum dass er halbwegs wiederhergestellt gewesen war, das Weite gesucht und stand für Rückfragen nicht mehr zur Verfügung.
Als Erstes nahm Jansen sich den Wohnort von Golz vor, in Barmbek-Süd, einem schönen Teil Hamburgs unweit der Alster.
Von dort war Dr. Golz an seinem letzten Arbeitstag wie jeden Tag zu seinem Verlag in Reinbek gefahren. Golz fuhr meistens mit der S-Bahn, der schnellsten Verbindung. Es war hoffnungslos, dort nach Spuren zu suchen. Nur fuhr diese S-Bahn nicht immer. Es gab eine andere passable Verbindung, bei der er einen Bus nehmen musste. Und die passte zeitlich gut zu seinen Arbeitszeiten.
War Golz mit diesem Bus nach Haus gefahren, nachdem er gekündigt hatte? Konnte man ihn darüber finden? Sein Verschwinden lag schon gut zehn Tage zurück. Jansen versuchte es trotzdem bei dem Busfahrer, der vormittags diese Strecke fuhr.
Er hatte das Glück des Tüchtigen.
Der Busfahrer kannte den Mann mit dem markanten Aussehen, er hatte ihn auch schon mal im Fernsehen gesehen. An den Tag, an dem Dr. Golz verschwunden war, konnte er sich zwar nicht mehr erinnern; er zeigte jedoch auf einen unscheinbaren kleinen Mann mit Hut, der gerade aussteigen wollte.
»Fragen Sie den mal. Der sieht und hört alles. Wenn der es nicht weiß, kann ich Ihnen auch nicht weiterhelfen.«
Der Mann wusste. Oh ja, die Person auf dem Foto würde er kennen, gewiss doch, der saß immer in der dritten Reihe rechts am Fenster, wenn er den Bus um 8.45 h Uhr nahm.
Und er wusste auch, wann dieser Herr das letzte Mal mit dem Bus gefahren war. Und wer neben ihm gesessen hatte. Ein Mann, der im gleichen Haus wie er selbst wohnte, sogar auf demselben Flur, in den Mundsburger Hochhäusern bei der Hamburger Meile.
Der hätte ihn zwar noch nie wahrgenommen, der Herr wohnte da auch noch nicht lange, aber er, der Herr Mahndorf, hätte ihn sehr wohl gesehen. Und höflich gegrüßt, doch der hätte ihn gar nicht wahrgenommen.
Den Namen des Mannes wusste er nicht, der Herr wäre sehr unzugänglich.
Der Unbekannte hätte dem Mann auf dem Foto etwas zugesteckt. Jansen ließ sich erklären, wo der Mann wohnte, der den Zeugen zum Nachbarn hatte. Nicht viel, aber immerhin eine Spur.
Was den Polizeischüler mehr irritierte, war der Umstand, dass Golz eine knappe Woche allein auf Sylt gewesen war. Er hatte sonst nie Urlaub genommen. Die Arbeit war sein Ein und Alles gewesen. Warum war er plötzlich allein nach Sylt gereist?
Wenn er nach diesem Urlaub kurzfristig und kurz angebunden gekündigt hatte und verschwunden war, hatte er seine Entscheidung zu diesem Schritt vermutlich schon während des Urlaubs getroffen. Dort hatte er Zeit zum Nachdenken gehabt. Er war allein gewesen; allein denkt man mehr über alles nach als auf einem gemeinsamen Trip.
Dr. Golz konnte dort jemanden kennengelernt haben, der ihn auf andere Gedanken gebracht hatte. Oder die.
Diese Hypothese erschien Jansen am wahrscheinlichsten. Und das Wahrscheinlichste war meist auch das Richtige.
Das hatte der junge Lukas in einem der Kurse gelernt; man nannte dieses Vorgehen Occams Rasiermesser. Und sein rasiermesserscharfer Schluss war, dass der Lektor eine Frau kennengelernt haben musste. Eine andere als seine alte Freundin Renate.
Dr. Golz sah gut aus und war im besten Alter. Er war hetero, wenn man seiner Freundin Glauben schenken wollte. Er war allein in den Urlaub an einen Ort gefahren, an dem man leicht und schnell Leute kennenlernen konnte. Das sah nach Absicht und einer sexuellen Notlage aus.
Jansen wurde immer klarer, dass Dr. Golz dort eine Frau kennengelernt haben musste. Mit der hatte er nach seiner Kündigung das Weite gesucht und gefunden. Vermutlich war er schlicht und einfach mit einer neuen Frau durchgebrannt.
Jansen hatte den Job zugewiesen bekommen, ihn zu finden, und wollte die Aufgabe auch ordentlich beenden. Vielleicht hatte er Glück und Dr. Golz tauchte von selbst wieder auf, sobald er von dem neuen Abenteuer genug hatte.
Oder er schrieb eine Karte von den Malediven, liebe Renate, es ist aus, ich bin jetzt mit Beate zusammen, mache eine Auszeit, habe ein neues Leben angefangen. Dann wäre Jansens Job erledigt gewesen.
Was zu diesen Lesarten nicht passte, war der Umstand, dass Dr. Golz so schroff und grantig in den Verlag gekommen war und auf die Kritik des Verlegers hin sofort den Job geschmissen hatte. Dass er angefangen hatte zu rauchen und eine Schlägerei vom Zaun gebrochen hatte. Das passte so gar nicht zu einer neuen Liebesgeschichte.
Oder lag es gerade an dieser neuen Liebesgeschichte?
Vielleicht hatte ihm jemand das Leben so radikal umgekrempelt, dass er den Halt verloren hatte. Ihn heißgemacht und wie eine heiße Kartoffel fallengelassen. Dann wäre Golz suizidgefährdet gewesen. Vielleicht hatte er sich tatsächlich umgebracht. Doch auch dann musste er irgendwo stecken.
So sehr Jansen diese Ablenkung von seiner eigentlichen Arbeit störte, so sehr reizte ihn der Gedanke, auf Sylt selbst Nachforschungen anzustellen. Dr. Golz musste dort irgendwo gewohnt und gegessen und sich aufgehalten haben. Er hatte sein Handy dabeigehabt, er hatte garantiert mit seiner Kreditkarte oder EC-Karte bezahlt.
Es war wichtig, dass Jansen die Frau fand, die Golz dort kennengelernt hatte. Das war sein bester Ansatz. Er musste nach Sylt. Am besten in dasselbe Hotel, in dem Golz gewohnt hatte.
Der junge Polizist war stolzer Besitzer eines Jack-Russell-Terriers. Und wie ein Terrier verbiss er sich in den Fall des verschwundenen Lektors.
Dieser Fall würde ihn bald zu Dr. Golz’ Nemesis führen, und von dort etwas später zu Viola Kroll. Doch wir wollen nicht vorgreifen.
Bücher
Wir sehen eine kleine Viola Kroll, die barfuß, goldgelockt und in einem kleinen Flatterhemdchen wie im Märchen vom Sterntaler glucksend durch den Garten hopst und versucht, Schmetterlinge zu haschen.
Wir sagen hier ausdrücklich nicht fangen, das täte ein Lepidopterologe. Der würde sie fangen, aufspießen und ihren Gattungsnamen auf ein Schildchen schreiben.
Nein, Viola machte das mit Freude und wie im Rausch, sie wollte die kleinen, flatternden Wunder auch nicht haben, sondern sich an ihnen erfreuen.
Viola hatte gerade Die kleine Raupe Nimmersatt gelesen, die sich durch ein Buch fraß und immer größere Löcher hinterließ und dadurch in ihrer Metamorphose fortschritt.
Der Genuss eines Buches macht aus einem erdgebundenen Wurm, sonst Speise von Vögeln und Maulwürfen, schimmernde, taumelnde Juwelen, die sich von Nektar nährten.
Welche Kraft musste ihnen das Buch gegeben haben! Welche Kraft, welche Magie musste den Büchern innewohnen, wenn so eine gewaltige Veränderung vom Wurm in ein Juwel möglich war!
Hier finden wir einen ersten kleinen Unterschied zu den anderen Kindern in ihrer Barbie-Pony-Gruppe. Violas Pony hieß übrigens Schimmer . Sie war also ganz normal, was das anging.
Die anderen Mädchen fanden die Raupe toll, die fraß und fraß und sich schließlich verwandelte, wie eine kleine GmbH & Co. KG, die später durch viele Firmenzusammenschlüsse schließlich zu einer Dax-notierten Aktiengesellschaft wird.
Tatsächlich wurden aus drei Mädchen aus Violas Krippe, als sie erwachsen waren, erfolgreiche Managerinnen.
Viola dagegen interessierte sich mehr für die Materie, welche die Metamorphose auslöste. Die Bücher. Ihr Wissen. Die Magie. Sie wollte selbst ein Schmetterling werden, eine Metamorphose erleben, aus sich, dem hübschen, blonden Kind, etwas Neues erschaffen. Oder dem zumindest sehr nahekommen.
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