Viola las weiter.
Ermittlungen im Norden
Das Foto und das Video, das ihm die Sommersprossige übertragen hatte, konnte er auf Sylt nicht analysieren. Dazu brauchte Jansen Zugang zum Polizeiserver, der auf die Melderegister zugreifen konnte. Und auf andere Programme, die Gesichtserkennung ermöglichten.
Das war zwar noch im Versuchsstadium, aber es funktionierte, wenn auch nicht so gut wie in den Jason-Bourne-Filmen. Jansen ermittelte schließlich in Deutschland, dem Land von BER und Stuttgart 21, da ging das nicht so schnell.
Er musste mit dem nächsten Zug zurück nach Kiel. Etwas Schlaf konnte er auch im Zug noch nachholen. Einem jungen, kräftigen Mann wie ihm machten ein paar Stunden entgangenen Schlafs nicht viel aus; notfalls konnte er eine Nacht durchmachen, ohne am nächsten Tag auch nur ansatzweise zu schwächeln.
In der Blume, dem Sitz der Kieler Mordkommission in der Blumenstraße, war der Teufel los, und Jansen kam nicht rein. Borowski drehte einen Tatort, alle vorderen Zugänge waren abgesperrt. Er musste durch den Hintereingang.
Eine halbe Stunde später, es war inzwischen schon nach Mittag, saß er vor einem Rechner, auf dem ihm eine kompetente Dame das optische Suchprogramm installiert hatte.
Das Programm lief, auf dem Bildschirm drehte sich ein Symbol endlos im Kreise, und Jansen wollte gerade anfangen zu schimpfen, als das Gerät eine Erkennungsmeldung abgab. Und dann gleich noch eine zweite.
Das Programm warf kommentarlos drei Bilder aus dem Melderegister aus, zusammen mit Namen und Adressen. Dr. Golz und seine Adresse in Barmbek-Süd kannte Jansen schon. Der zweite Mann war ein gewisser Gero von Witzleben, der nahe der Hamburger Meile wohnte. An derselben Adresse, wo auch der Zeuge aus dem Bus herkam. Das war interessant; ein Zufall war das bestimmt nicht.
Von diesem Mann hatte der junge Polizist noch nicht gehört.
Jansen machte sich gleich Fotos mit dem Handy, für alle Fälle, und weitere Ausdrucke. Die scharfe Lady vom Foto hatte das Programm ebenfalls gefunden; aber in Zivilkleidung, nicht bis zum Nabel ausgeschnitten.
Anders geschminkt und angezogen sah die Dame ganz anders aus, Jansen erkannte sie kaum wieder. Sie hieß Marie Orlowski, hatte zwei Doktortitel, einen in Medizin und einen in Psychologie, dazu noch einen Magister in Philosophie, und war Psychologin an der Uni in Hamburg. Sie wohnte in der Nähe der Universität.
Auf dem Passfoto trug sie ein hochgeschlossenes graues Kostüm und eine dicke, schwarze Brille. Sie war auch nicht rothaarig, sondern hatte dunkles Haar mit angegrauten Schläfen.
Mit diesem Passfoto wäre niemand draufgekommen, wie sexy sie sich herrichten konnte. Auf dem Foto, das der Computer über Augenabstände und ähnliche Parameter gefunden hatte, sah sie aus wie eine gut aussehende, aber langweilige und strenge Professorin.
Jansen googelte, was er über sie finden konnte. Dr. Orlowski hatte eine lange Latte von Veröffentlichungen. Nahezu alle handelten ausschließlich davon, was Männer in ihrer Freizeit an grenzwertigen Situationen anstrebten und erlebten. Er lud sich eine der Veröffentlichungen herunter.
In den wissenschaftlichen Jargon musste er sich erst einlesen. Es ging darin um die Frage, wie sich ansonsten normale Männer einer Domina unterwarfen, und welche Wünsche ihrer Untersuchung zufolge und unter Berichtigung aller statistischen Signifikanzen damit verbunden waren.
Der Text las sich, wenn man den wissenschaftlichen Teil überlas, ganz so, als ob sie dabei gewesen wäre. Das passte gut zu ihrer strengen Erscheinung, fand Jansen. Eine herrische Frau, die Befehle zu erteilen gewohnt war und diese auch durchsetzte.
Was war da gewesen? Hatte Dr. Golz mit diesem von Witzleben gerade eine Session mit ihr erlebt? Hatten die beiden ihr als Versuchs- und Studienobjekte gedient und die Versuchsreihe gerade hinter sich? Entspannt genug sahen alle drei aus, mit einem Glas Champagner in der Hand, die Spielbeine vorgestreckt.
Hatte die Frau womöglich etwas aus der Golzschen Psyche ausgegraben, das ihn aus dem Gleichgewicht geworfen hatte? Als Psychologin, oder als Domina? Beides war gut möglich. Golz hatte sich bestimmt nicht ohne Grund so verändert.
Jansen lud sich die Kontaktdaten der beiden gefundenen Personen auf sein Handy. Er musste ohnehin zurück nach Hamburg, der Kriminaloberrat hatte die Suche nach dem Vermissten dringend gemacht. Seine sonstige Arbeit würde warten müssen.
Jansen ließ sich von der netten Kieler Kollegin zum Bahnhof bringen. Anderthalb Stunden später parkte er den Mietwagen, den ihm die Hamburger für Fahrten in der Hansestadt spendiert hatten, vor der Hamburger Meile.
Er wollte den Mann befragen, mit dem Golz unterwegs gewesen war. Was wusste dies Gero von Witzleben über Golzens Probleme, und wie waren die beiden miteinander verbunden? Außerdem hatte der Mann ihn wohl als einer der letzten gesehen.
Die Dame konnte er später befragen. Vielleicht konnte sie ihm von den Abgründen berichten, die sich für Dr. Golz geöffnet hatten. Die ihn vielleicht in den Suizid getrieben hatten. Vielleicht war sie sogar der Auslöser dazu gewesen.
Womöglich wusste sie auch, was seine bevorzugte Todesart war.
Jansen klingelte zuerst bei dem Nachbarn von Witzlebens, Herrn Mahndorf aus dem Bus. Der war nicht da. Also klingelte er beim Adel höchstpersönlich.
Von Witzleben war da, versperrte Jansen jedoch gleich mit seiner großen Statur den Blick in seine Wohnung, als er seine Uniform sah. Er fragte ihn noch auf dem Flur, was er denn bitteschön von ihm wolle.
»Kann ich reinkommen? Die Sache ist vielleicht etwas komplizierter, Herr von Witzleben, als wir zwischen Tür und Angel besprechen könnten«, sagte Jansen, der gleichzeitig krampfhaft versuchte, an ihm vorbei in die Wohnung zu spähen.
Jansen fragte sich, was oder wen der Mann wohl in der Wohnung versteckt hielt, wenn er so heimlichtat. War Dr. Golz vielleicht bei ihm untergetaucht? Versteckte er ihn bei sich? Oder lief da gerade ein flotter Dreier mit der Domina, den er unterbrochen hatte?
Witzleben ließ ihn nach kurzem Zögern rein, Jansen spürte seinen Unwillen deutlich. Die Wohnung war wider Erwarten sehr klein.
Steht es jetzt schon so schlimm um den deutschen Landadel, dachte sich der junge Polizist, der sich mit seinem bescheidenen Einkommen und dem seiner Freundin von der Spurensicherung eine weitaus bessere leisten konnte. In Kiel, Hamburg war viel teurer, was die winzige Wohnung dennoch nicht erklärte.
Dem Landadel schien es ziemlich mies zu gehen, wenn er sich nichts Besseres leisten konnte als zweieinhalb Zimmer mit fünfzig Quadratmetern. In eines davon, das wohl als kombiniertes Ess- und Wohnzimmer diente, bugsierte Witzleben den Jungermittler und bot ihm etwas zu trinken an.
Jansen hatte das Gefühl, dass von Witzleben etwas vor ihm verbergen wollte. Er ließ ihn nicht in die Wohnung sehen und schloss gleich alle Türen, als er in seine kleine Küche ging, um etwas zu trinken zu holen. Was war da drin? Jansen überlegte, ob er zur Toilette gehen sollte, dann würde er vielleicht mehr sehen.
Als Witzleben zurück war, setzte sich der Zeuge ihm gegenüber vor den Tisch, bereit zu einem Gespräch. Wenn der verarmte Adlige wusste, wo der vermisste Dr. Golz steckte, konnte Jansen den Fall an die Hamburger zurückgeben und alles war gut.
Er stand auf und fragte nach der Toilette, von Witzleben zeigte ihm den Weg.
Jansen war leicht enttäuscht. Es war niemand sonst in der kleinen Wohnung, wie er zweifelsfrei erkennen konnte. Die Wohnung wirkte insgesamt wie unbewohnt, es war so gut wie gar nichts drin. Ein kleiner Schreibtisch mit einem Laptop und ein paar Laufwerken, eine Tasse mit kaltem Kaffee. Ein ungemachtes Einzelbett im Zimmer daneben. Kahle Wände, kahle Tisch. Keine Schränke. Ein Koffer im Flur.
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