1 ...6 7 8 10 11 12 ...15 Viola war nicht etwa intrigant. Das stand vielleicht einer entfernten Nummer Zwei in der Klasse zu, über Intrigen Einfluss gewinnen zu wollen.
In diesem Fall Pamela. Violas Hofstaat hatte Pamela schneller desavouiert, als sie sorry sagen konnte. Wer treue Gefährten hat, braucht keine Mätzchen.
Die Vorteile ihres hervorragenden Aussehens gingen Viola in Fleisch und Blut über. Sie brauchte sich kaum mehr ins Zeug zu legen, um etwas zu erreichen.
Sie hatte das Glück, dass ihr auch ein schöner, attraktiver Körper zuwuchs, ein geschmeidiger, sportlicher Leib, gesegnet mit Weiblichkeit, prall gefüllt mit Pheromonen, Hormonen und anderen griechischen Lockmitteln, die Männer und Frauen gleichermaßen verwirrten und anspornten, bei Viola aufzufallen und sich mit ihr gut zu stellen.
Wo andere schöne Menschen es zu leicht hatten und sich deshalb wenig Mühe gaben, auch andere Talente zu entwickeln, wo diese zur glitzernden Larve wurden, die innen hohl war und aus der sich später eine weniger schöne Puppe quälte, gab sich Viola mit der Leichtigkeit der Schönheit nicht zufrieden.
Sie hatte andere Qualitäten. Intelligenz und Wissensdrang waren zwei davon. Viola wusste, dass Schönheit vergänglich ist. Mit vierzig musste sie auf andere Qualitäten zählen können. Auch wenn sie dann für ihr Alter noch schön sein würde; trotzdem, eine Zwanzigjährige würde den Hengsten einfach anders in die Nase stechen.
Wer weniger schön ist, muss nehmen, was er bekommen kann, wenn es um Freundschaft, Liebe und Gruppenzugehörigkeit geht. Eine begehrte Frau kann sich alles aussuchen und es sich leisten, Bewerber um ihre Gunst am langen Arm verhungern zu lassen und sie doch alle ihre Wünsche erfüllen zu lassen.
Sehen wir uns um. Finden sich unter den Mördern und Totschläger schöne Frauen? Man erwartet doch eher tätowierte Männer, eiskalte Auftragskiller, brutale Schläger, Männer, die mit Faust, Schusswaffe und Messer umgehen können.
Männer töten vorwiegend Männer, sechzig Prozent, nur vier von zehn Opfern sind Frauen. Frauen, wer hätte das gedacht, töten ebenfalls vorwiegend Männer.
Natürlich haben Männer es leichter, eine Frau zu töten. Sie sind stärker, impulsiver und gemeiner. Frauen morden geschickter, mit Gift und durch Ersticken, weniger durch rohe Gewalt.
In Deutschland sind etwa ein Sechstel aller Mörder Frauen. Und diese Frauen sind geschickter und viel schwerer zu fassen als die impulsiveren Männer.
Sie planen. Sie durchdenken. Sie wägen ab. Sie sind auch fast nie vorbestraft.
Männer sind aufgeblasene Mandrills. Wir sehen ihnen die Gewalt schon am weithin leuchtenden blauen Hodensack an. Ersetzen Sie das bei Männern durch einen aufgemotzten Dreier BMW oder eine goldene Rolex.
Frauen handeln erst, wenn sie sich ihrer Sache sicher sein können. Jeder Fehler könnte zu ihrem eigenen Tod führen.
Der Prozentsatz von schönen Frauen unter den Mörderinnen ist erstaunlich hoch. Die hässlichen haben sich oft mit ihrem Schicksal abgefunden und brauchen keinen Befreiungsschlag. Nur die Schönen und Intelligenten meinen, dass sie ungerecht behandelt würden. Ein Ergebnis der Statistik, das man so nicht erwarten würde.
Viola Kroll passt trotzdem nicht in dieses Schema. Sie war keine unterdrückte Frau, sie brauchte keinen Befreiungsschlag. Ihr stand kein Mann im Wege. Sie wollte nur Erfolg. Warum konnte sie trotzdem zu einer vielfachen Mörderin werden?
Violas Schönheit hatte sie weniger emphatisch gemacht als andere Menschen. Sie konnte alles mit einem Fingerzeig bekommen; warum sollte sie sich auf andere Menschen einlassen, wenn die so leicht zu gewinnen waren? Sich einzulassen, Mitgefühl zu entwickeln oder zu zeigen hätte zu Bindungen geführt, zu dicken, klebrigen Stricken, die sie an andere gefesselt hätten.
Sie hätte sich gemeinmachen müssen. Sie hätte liefern müssen statt zu empfangen. Wir lernen, dass Schönheit nicht nur hohl machen kann. Sie kann auch gefühllos machen. Eine ideale Voraussetzung für eine zukünftige Mörderin.
An dieser Stelle fragen wir uns, ob die Männchen der Latrodectus tredecimguttatus ihre Weibchen eigentlich schön finden.
Haben Sie’s nachgesehen? Der Schwarzen Witwe. Diese dreizehn wunderschönen roten Flecken auf ihrem schwarzen Rücken! Geil, oder?
Dr. Orlowski
Seine Hamburger Kollegen hatten Jansen freundlicherweise gleich einen Termin bei Frau Dr. Dr. Marie Henrike Orlowski besorgt, die jetzt schon seit fünf Minuten in ihrem Büro in der Uni auf ihn wartete. Sein Gespräch mit Witzleben hatte länger gedauert, als er gedacht hatte.
Die Professorin würde noch eine weitere Viertelstunde warten müssen, so lange brauchte er von Barmbek zum Von-Melle-Park, wo ihr Institut lag. Er rief sie an und sagte ihr das. Sie säße sowieso über ein paar Examensarbeiten, kein Problem, ließ sie ihn wissen.
Kühle, rauchige Stimme. Jansens Puls beschleunigte sich weiter.
Als er in ihr Büro trat, war er über die Wandlungsfähigkeit dieser Frau erstaunt. Sie hatte mit der sexy Frau vom Video so gut wie nichts mehr gemein. Sogar die Augenfarbe war anders; auf dem Foto hatte sie dunkle Augen gehabt, vermutlich braune Kontaktlinsen, jetzt hatte sie hellblaue.
Sehr kurze, schwarze Haare mit leichtem Grau-Ansatz, wie auf der Uni-Seite, nur noch wesentlich kürzer geschnitten. Man sah die Kopfhaut gräulich durchschimmern.
Eine hässliche, schwarze Brille verbarg einen großen Teil ihres Gesichtes. Die Frau war ungeschminkt. Sie steckte in einem hochgeschlossenen leichten Pullover unter einer weiten Jacke, die ihre auf dem Foto so prächtige Figur komplett verbarg. Als sie hinter ihrem Tisch aufstand, um Jansen zu begrüßen, sah er dann auch noch die letzten Abtörner; einen grauen Faltenrock, der bis auf die Mitte der Waden reichte, über grauen Strumpfhosen und flachen, ausgetretenen Mokassins. Eine ältere Uni-Angestellte, Professorin, vielleicht furchterregend für ihre studentischen Besucher, aber sexuell unattraktiv. Eher eine drakonische Hexe, nur die Warze auf der Nase fehlte.
»Sie sind der Herr von der Polizei.« Das klang mehr wie eine Feststellung. Jansen trug schließlich Uniform.
»Ja. Jansen, Lukas Jansen. Eigentlich von der Kripo in Kiel, aber ich helfe der Hamburger Polizei bei der Suche nach einem prominenten Vermissten.«
Frau Dr. Dr. Orlowski bot ihm einen Platz vor ihrem großen Schreibtisch an, der mit etlichen Mappen bedeckt war. Jansen kam sich vor wie ein Student.
»Ich arbeite immer noch gern mit Papier«, dozierte sie. »Da kann ich reinschreiben und malen und blättern und schön mit dem Kuli ganze Seiten durchstreichen, anstatt auf einem öden Bildschirm immer erst nach der Funktion suchen zu müssen, mit der man Wörter durchstreicht. Das macht mir einfach keinen Spaß.«
»Ist Spaß denn wichtig beim Korrigieren?«, fragte er. Ein wenig Konversation vor der Befragung entspannte die Atmosphäre, so viel Psychologie hatte er auch drauf.
»Spaß ist bei allem wichtig, was Menschen tun«, belehrte sie ihn mit hochgezogenen Augenbrauen. »Sie als junger Mensch müssen das doch wissen, Herr Jansen.«
»Das bringt mich zu einem vielleicht etwas heiklen Thema, Frau Doktor«, sagte er, dankbar für die Überleitung.
»Wir suchen nach einer Person, einem bekannten Chef-Lektor aus Reinbek, und wir haben ihn auf einem kürzlich gemachten Video gefunden, auf dem auch Sie zu sehen sind.«
Er zog sein Handy aus der Tasche, rief die App auf und hielt ihr das Video vors Gesicht.
»Zusammen mit einem Herrn von Witzleben. Und der behauptet, sie hätten diese Disco in Kampen, das Rote Kliff, gemeinsam mit dem Vermissten verlassen, gegen Mitternacht. Vielleicht hatten Sie ja auch Spaß mit ihm.«
Er nahm wahr, wie sie beim Ansehen des Fotos, auf dem sie ganz anders aussah, und seinen Worten leicht errötete.
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