Ein Lachen, das ansteckend war, weil es so ungewöhnlich, so hilflos und so unkontrollierbar komisch war. Nur lachten die anderen jetzt über Viola, über ihr Ziegenquietschen und Meckern.
Viola war in allem stark, ihr Lachen aber war eine Schwäche, eine Wunde, in die die anderen genauso erbarmungslos ihr Salz streuten, wie Viola sonst ihnen mitspielte.
Hinter ihrem Rücken wurde diese Schwäche gnadenlos erhöht und verstärkt, ihr Lachen wurde imitiert, die Schüler lachten sich halb tot über sie und konnten gar nicht wieder aufhören. Es gab Zeiten, in denen sich Gruppen bildeten, deren einziges Ziel es war, Viola zum Lachen zu bringen, um sich dann gnadenlos über sie lustig zu machen.
Anfangs machte das unserer kleinen Viola nichts aus. Sie hatte ja Grund zum Lachen, sie fand die Witze lustig, sonst hätte sie ja nicht gelacht. Das anschließende Lachen der anderen nahm sie anfangs mit mildem Erstaunen und sogar einer gewissen Sympathie hin. Sie hatten ja gemeinsam gelacht.
Später empfand sie das Lachen der anderen als unpassend und lästig. Sie lachte nun mal, wie sie lachte, das konnte sie nicht ändern. Es entging ihr nicht, dass sie sich damit zum Gespött machte.
Zwar tat das ihrer Macht über die Klasse nur geringen Abbruch; trotzdem war es ein Makel. Also hörte Viola irgendwann auf zu lachen, wie es ihr angeboren war, sie schnaubte nur noch und hielt den Mund geschlossen.
Sie hörte auf zu lachen.
Die Komik der Witze lösten in ihr nur noch ein kühleres Gefühl der Heiterkeit aus, ein mildes Grinsen. Sie baute Distanz zu den Erzählern auf.
Ein wenig Lebensfreude war ihr so genommen worden. Sie war zurechtgeschnitten worden, gemaßregelt, hatte ein anderes Maß und andere Regeln angenommen. Ihr Feuer war gedämpft worden, das Wasser ihrer Freude war getrübt worden.
Es gab andere Bereiche, in denen sie nicht so gut war wie andere. Sie konnte nicht so schnell laufen wie andere; sie versagte am Stufenbarren komplett und fiel auf die Matten. Sie hörte im Unterricht, in Gedanken versunken, oft nicht zu und bekam einen Tadel.
Dafür konnte sie reiten und fechten, sie spielte Klavier, wenn die anderen sangen. Wenn sie geistig anwesend war, konnte ihr niemand in der Klasse das Wasser reichen. Statt in der Klasse sang sie in einem angesehenen Chor.
Körperliche Makel hatte sie kaum. Als Kind war sie sehr besorgt über ein Muttermal auf der Wange, das sie für entstellend hielt. Später sah sie Filme mit Julia Roberts und Eva Mendes und Bilder von Cindy Crawford, bei denen es als Schönheitsmerkmal galt. Sie hakte diesen Makel ab.
Violas rechtes Bein war etwas kürzer als das linke, wodurch ihr rechter Fuß immer etwas nach innen zeigte. Das lernte sie später durch einen eleganten Gang zu kompensieren; sie schwebte wie ein Model über den Catwalk.
Als sie ihre Pubertät hinter sich hatte, war sie mit ihrem Busen sehr unzufrieden; ihre rechte Brust war etwas kleiner, stand weiter nach außen ab und hing etwas mehr durch als die linke, der die Schwerkraft noch nichts ausmachte und die perfekt nach Nordnordwest ausgerichtet war, wenn sie die Mittagssonne im Rücken hatte. Warum war die rechte nicht auch so, ärgerte sie sich.
Auch gefiel ihr die dunkle Farbe ihrer Vorhöfe nicht und die daumengliedgroßen Warzen, die trotz BH ihre Blusen wölbten. Ein Makel, der keiner war, wie sie sehr schnell herausfand, denn andere Mädchen hatten weitaus mehr Grund, unzufrieden zu sein mit dem, was die Natur ihnen als Dauerwerbesendung mit auf den Weg gegeben hatte.
Viola hatte allen Grund, mit sich zufrieden zu sein.
Alles in allem konnte ihr keiner was. Ihre Schwächen waren zu klein dafür, und irgendwann verging den anderen das Lachen über sie. Kleine Versager wurden achselzuckend akzeptiert, man sah darüber hinweg. Viola hatte sich als Macht etabliert.
Die anderen Kinder erlitten ein Hundertfaches an Demütigungen. Dennoch – kann für eine, die sonst immer die Beste ist, eine einzige Demütigung, eine winzige Schande mehr bedeuten als für diejenigen, denen Versagen und zweite Plätze zur Gewohnheit geworden sind?
Auf der Wache
Zwei Tage später, nach dem Wochenende, war Jansen zurück in Hamburg.
Er fuhr vom Bahnhof aus mit einem Taxi direkt in die Oberaltenallee, wo das zuständige Kommissariat 31 lag. Seine Ansprechpartnerin dort war Petra Mertens, die alle Hinweise zum Verschwinden von Dr. Golz gesammelt hatte.
Jansen fasste zusammen, was er auf Sylt und beim Gespräch mit von Witzleben und der Professorin gelernt hatte, auch wenn er den Bericht dazu schon geschrieben und vorausgeschickt hatte. Es gab immer noch Details, die man nicht aufschrieb. Berichte wurden auch nicht immer gelesen oder richtig verstanden.
Mertens empfand die gleichen Zweifel wie Jansen selbst. Die Puzzleteile passten nicht zusammen. Von Witzleben hatte laut der Domina die Nacht für Dr. Golz gebucht, leugnete aber nach wie vor, ihn zu kennen.
Die Professorin hatte ausgesagt, dass Dr. Golz sie froh und glücklich verlassen habe, nachdem sie ihm ein Softie-Programm angedeihen hatte lassen. Er habe geschlafen wie ein Baby.
Und doch war er am Tag drauf die Depression in Person gewesen, hatte sich geprügelt und war selbst im Krankenhaus gelandet.
Die beiden machten sich an die Arbeit. Jansen rief in der Klinik an, nachdem er sich von einem Hamburger Richter eine Entbindung von der ärztlichen Schweigepflicht für den behandelnden Arzt in der Asklepius-Klinik hatte ausstellen lassen.
Der Arzt hatte Interessantes zu berichten; Dr. Golz hatte viel mehr Nikotin in sich, als er durch ein paar Zigaretten zu sich nehmen konnte, er hatte eine akute Bleivergiftung und massive Spuren von Amphetaminen im Blut gehabt. Davon hatte Jansen schon gehört, aber nicht dermaßen detailliert.
Was in Gottes Namen hatte die Domina mit ihm gemacht? Bestand das Softie-Programm darin, dass Golz durch ein Bleirohr dicke Joints aus Tabak und Ecstasy rauchen musste? Oder wie war dieses Zeug in seinen Körper gekommen? Aber diese Mischung erklärte zumindest seine Depressionen, wie ihm der Arzt auseinandersetzte.
Frau Prof. Dr. Dr. Orlowski war damit in den Kreis der Verdächtigen aufgerückt. War Golz so depressiv geworden, dass er sich nach seiner Kündigung in Reinbek irgendwo vor einen Zug geschmissen hatte? War er in die Elbe gesprungen und trieb jetzt leblos in der Nordsee?
Von Witzleben war um keinen Deut besser. Das hatte Jansen schon die ganze Zeit gespürt. Der Einsiedlerkrebs alles geleugnet, was ihn mit Dr. Golz in Verbindung bringen konnte.
Jansen beschloss, sich den Kerl genauer anzusehen, nicht nur persönlich, sondern auch seine komplette Vergangenheit.
Witzleben war ein Nobody, der sein Leben in einer leeren Wohnung zubrachte, nur mit dem Allernotwendigsten plus Computer und einigen Laufwerken. Wozu brauchte der die? Was machte der mit seinem Computer? Was hatte er da drauf? Und was hatte er dem Dr. Golz im Bus gegeben? Wirklich nur ein Pfefferminz-Bonbon?
Aber für einen Durchsuchungsbeschluss hatte die Polizei zu wenig. Und Jansen fiel kein guter Grund ein, aus dem er sich Golz’ Computer unter den Nagel reißen konnte.
Das Umfeld von Dr. Golz hatten die Kollegen vorher schon abgeklopft. Der Lektor hatte eine massive Persönlichkeitsveränderung durchgemacht. Er war praktisch über Nacht vom Star der Intellektuellen-Szene in Hamburg zu einem faulen und ruppigen Ekelpaket verkommen, hatte seine Freundin vernachlässigt und Streit mit ihr gehabt, was vorher praktisch nie vorgekommen war.
Er hatte seine Arbeit anders als sonst gemacht und die Atmosphäre im Verlag vergiftet. Er hatte sich nicht mehr rasiert und war in angeschmutzten Sachen bei der Arbeit erschienen. Hatte sich gehen lassen und alle angeschnauzt, die ihm freundlich entgegentraten.
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