Cchraskar schnupperte an einem Baum, streckte dann die Zunge heraus und leckte daran. „Ccriecht nach nix, schmecckt nach nix“, stellte er enttäuscht fest. Er inspizierte den Boden und verzog das Gesicht, als er feststellte, dass hier an nicht wenigen Stellen Scherben lagen, die Reste von gesplitterten Stämmen. Alena opferte eine Ersatztunika und half ihm seine Pfotenhände mit dem Stoff zu umwickeln. Das war zwar kein echter Schutz, aber besser als nichts.
Alena übernahm die Führung. Vorsichtig schob sie sich zwischen den dünnen Stämmen hindurch, versuchte auf dem Boden irgendeinen Pfad oder Fußspuren zu erkennen. Vergeblich.
Es war Übungssache, sich zwischen den Glasbäumen hindurchzuwinden – zum Glück standen sie nicht allzu eng, immer war ein paar Fußbreit Platz zwischen ihnen. Es half, dass die Sonne schien, dadurch sah man die Stämme besser. Doch dann prallte Alena mit dem Gesicht gegen etwas Hartes und hörte ein scharfes, trockenes Knacken. „Au! Habe ich einen Baum abgebrochen?“ Aber wo war das Ding? Sie sah nichts!
Jorak riss sie zurück, zu sich hin. Instinktiv drehte Alena sich herum und barg das Gesicht an seiner Brust. Doch das gläserne Klirren hörte sie trotzdem. Ein Klirren, das schnell zu einem Splittern wurde. Cchraskar jaulte auf, und kurz darauf zuckte auch Alena zusammen, als sie einen scharfen Schmerz im Rücken spürte.
Irgendwann war es vorbei. Vorsichtig richteten sie sich auf und musterten grimmig die Reste des Baumes um sie herum. Er war nur fingerdick gewesen und so durchsichtig, dass die Bruchstücke selbst jetzt kaum zu sehen waren.
Sie zogen sich gegenseitig die Splitter heraus. Alena hatte etwas am Rücken abbekommen und Jorak am Kopf; zum Glück waren die Wunden nicht tief und hörten schnell auf zu bluten.
„Der Baum muss ein ganz junges Exemplar gewesen sein“, stellte Jorak fest; seine Stimme klang zittrig. „Die sind anscheinend noch nicht trübe, sodass man sie kaum sieht. Beim Nordwind, wenn man gegen so ein Ding stößt, dann kommt es auf einen herunter wie eine Lanze!“
Es half nichts, sie mussten weiter. Vorsichtig tasteten sie mit den Händen voran, immer darauf gefasst, auf einen der fast unsichtbaren Stäbe zu stoßen, ständig in der Angst, einen der größeren Bäume zu beschädigen, der dann alle anderen Lanzen in der Umgebung auf sie herunterreißen würde. Tiere sah Alena keine, von Menschen ganz zu schweigen. In diesem Wald schien nichts zu leben – nur ein paar Insekten bemerkten sie, auch sie waren durchsichtig. In ihren winzigen Körpern konnte Alena die Organe pulsieren sehen.
Es dauerte drei Tage, bis sie völlig erschöpft, verschwitzt und dreckig aus dem Glaswald herausstolperten.
Ungläubig sahen sie einen Ort vor sich, einen ganz normalen Ort der Erd-Gilde, in dem Menschen zwischen grün bewachsenen Erdhäusern hindurch schlenderten, unter freiem Himmel einen Baumstamm bearbeiteten, einen Hirschmenschen mit frischen Karededa-Wurzeln belohnten und Steinplatten von einem Wagen luden. Am liebsten hätte sich Alena einfach fallenlassen und auf diesem saftigen Gras ausgestreckt. Im Glaswald hatte es kaum einen Platz gegeben, an dem man liegen konnte, und so hatten sie nur wenig Schlaf bekommen.
Alena war zu müde, um so zu tun, als würde sie Jorak nicht kennen, als würde sie nicht mit ihm zusammen reisen. Außerdem widerstrebte ihr das im tiefsten Herzen. Sollen sie uns doch verpetzen, wenn sie wollen, dachte sie trotzig.
Als die Menschen sie sahen, unterbrachen sie ihre Arbeit und starrten sie an. „Seid ihr drei etwa durch den Lanzenwald gekommen?“, fragte einer von ihnen.
Jorak nickte. Er wankte vor Müdigkeit. „Wir wollten eine Abkürzung nehmen ... aber das war keine gute Idee ...“
„Können wir hier irgendwo Proviant kaufen, bevor wir weiterreisen?“, meinte Alena. Doch die Dörfler hatten sich schon grußlos abgewandt, beachteten sie nicht mehr oder gingen einfach davon. Verblüfft blickte Alena ihnen nach. „Was ist denn mit denen los?“
„Was wohl“, sagte Jorak schroff. „Sie haben gemerkt, dass ich ein Gildenloser bin. Hast du das vergessen?“
„Nein, habe ich nicht“, gab Alena ebenso patzig zurück. Warum regte er sich so darüber auf?
„Vielleicht sollte ich mich besser verstecken.“
„Lass mal, ist sowieso zu spät.“
„Verdammt, nächstes Mal müssen wir wieder drauf achten!“
Schweigend nickte Alena. Wir werden uns entscheiden müssen, dachte sie. Wenn wir die ganze Reise über so tun müssen, als würden wir uns nicht kennen, dann wird es anstrengend. Ach, Rostfraß, soll doch jeder sehen, dass wir zusammen sind, ich schäme mich nicht für ihn!
Wie sie erfuhren, hieß das Dorf Vidrano – und es gab auch einen normalen Weg, der aus ihm hinausführte. Ihre Strapazen hatten vorerst ein Ende. Erleichtert machte sich Alena auf den Weg zu einer kleinen Schänke in der Dorfmitte. „Wunderbar, da können wir ... äh, ich ... etwas zu Essen besorgen.“
„Ja, ich bleibe besser draußen – mir verkaufen sie sowieso nichts“, sagte Jorak und mühte sich ein Lächeln ab. „Na ja, Cchraskar wird mir Gesellschaft leisten.“
Jorak händigte ihr das restliche Geld aus, das er noch in der Tasche hatte, dann ging er mit Cchraskar davon.
Alena hatte gehofft, er würde sie noch einmal küssen. Traurig blickte sie ihm einen Moment lang nach, als er sich auf den Weg zum Rand des Dorfes machte. Es war sicher schwer für ihn, von den Menschen so schlecht behandelt zu werden – und noch dazu vor seiner Gefährtin. War das der Grund, warum er sich in letzter Zeit so seltsam benahm? Oder gab es noch andere Gründe? Hatte er sich das Zusammensein mit ihr anders vorgestellt? Vielleicht war sie doch nicht die Frau, die er sich erhofft hatte. Schließlich kannten sie sich nicht besonders gut, lange war er nur aus der Ferne in sie verliebt gewesen ...
Die Schänke lag in einem Erdhaus unter der Oberfläche, kühl und trocken war es darin. Ein Baum erhob sich direkt darüber und die Decke des Schankraumes war ein dichtes Netz aus Wurzelwerk. Manche der Wurzeln waren armdick und knorrig. Doch nicht das war es, was Alena erstaunte. Sie wunderte sich, dass selbst zu dieser Tageszeit ein Dutzend Menschen in der Schänke hockten. Bis sie sah, dass ein reisender Geschichtenerzähler hier war – das war immer ein Fest für die Einheimischen, besonders in abgelegenen Ortschaften wie dieser. Andächtig lauschend saßen die Dörfler um einen ziemlich seltsam aussehenden Kerl herum.
Alena hatte Hunger und der Wortwechsel mit Jorak echote noch in ihrem Kopf, ihr war nicht nach einer Geschichte zumute. Sie wollte gerade an der kleinen Gruppe vorbei auf den Wirt zugehen, als ihre Ohren einen vertrauten Namen auffingen und sie stutzte.
„... und als Alix Ekaterin verlassen hatte, wurden sie und Rena angegriffen von den Verschwörern des Roten Auges ...“
Den Namen ihrer Mutter zu hören – und ausgerechnet hier, im Nirgendwo dieser fremden Provinz! – berührte Alena tief. Sie blieb stehen und hörte zu.
„... Alix schaffte es, sie zu vertreiben, doch sie wurde verletzt dabei, und die Männer blieben ihr auf den Fersen, warteten, bis sie schwächer wurde. Also versuchten sie, Schutz bei den Iltismenschen zu suchen, obwohl das ein großes Risiko war, denn damals herrschte wenig Zuneigung zwischen Menschen und Halbmenschen ...“
Alena kannte die Geschichte. Damals, vor vielen Wintern, hatten Alix und Rena sich auf eine gefahrvolle Reise gemacht, um die verfeindeten Gilden gegen die Regentin zusammenzubringen. Rena hatte ihr davon erzählt, und gerade den Teil, wie sie bei den Iltismenschen Schutz gesucht hatten, mochte Alena besonders gerne. Der Geschichtenerzähler hatte Talent, wichtige Szenen schilderte er, indem er abwechselnd in die Rolle von Menschen und Iltissen schlüpfte und bei letzteren dramatisch fauchte und knurrte. Alena musste lächeln.
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