„Oh ...“ Luis Mund wurde schlaff. „Mein lieber G ...“ Claudio war ebenfalls entzückt.
Die Dame lächelte angesichts solch geballter Aufmerksamkeit. Ohne zu zögern schlenderte sie über den frisch polierten Fußboden direkt auf Elias zu.
„Guten Abend, ich bin auf der Suche nach Herrn Guerrero.“ Ihr Akzent war nicht eindeutig zu bestimmen.
„Ich habe ihn nicht zu Hause angetroffen und man sagte mir, er würde sich hier des Öfteren aufhalten. Hat ihn jemand vielleicht heute schon gesehen?“
Luis sprang von seinem Barhocker und schüttelte die Hand der schönen Unbekannten.
„Sehr angenehm. Ich bin Claudio Guerrero“, stellte er sich ihr vor.
„Was kann ich für Sie tun, meine hübsche Dame?“
„Ah, wie gut, dass Sie hier sind. Ich bin Sharone Rosenbaum und komme von den „Jüngern Kanaans“ mit einem speziellen Auftrag zu Ihnen.“
Claudio diskutierte mit sich selbst, wie lange er das Schauspiel noch gutheißen sollte.
„Frau Rosenbaum“, unterbrach er die Konversation, „ich bin Claudio Guerrero. Das ist mein Freund Luis. Er leidet manchmal unter einer seltenen Art von Persönlichkeitsspaltung. Gerade, bevor Sie eintrafen, glaubte er, John Wayne zu sein. Darf er Ihnen ein Getränk bestellen?"
„Ja gern. Ein Weiswein wäre angenehm“, sagte sie.
Claudio folgte ihrem Wunsch und bestellte bei Elias noch ein weiteres Glas mit dem guten Chilenen.
„Sie wissen von Gilberto Leons Aufnahmen, nicht wahr?“, überraschte er sie mit einer Frage, die er bereits selbst beantwortet hatte.
„Natürlich. Nur, warum haben Sie nicht zugesagt?“ Sharone konterte mit einer Gegenfrage.
„Falls es eine Frage des Geldes ist? Ich nehme an, Ihre Unternehmungen sind nicht billig, aber es ist uns möglich, Sie für wenigstens zwei Monate zu bezahlen.“
Claudio horchte auf.
„Wenn Sie eine zweimonatige Suche meinen, so muss ich Sie leider enttäuschen. Leon sprach von fünfzig Quadratkilometern Suchfläche in unwegsamem Gelände. Diese müssen Meter für Meter untersucht werden. Wer auch immer in Ihrem Namen eine Expedition leiten mag, bitte erwarten Sie keine Resultate innerhalb weniger Monate.“
„Nicht? Nun, unsere Zeitvorstellung mag zwar etwas kurz gehalten sein, aber es ist unser Budget und wir sind der Meinung, dass diese Mission die Ausgaben rechtfertigt.“
Aber Warum zum Teufel nur zwei Monate ?, fragte er sich.
„Wir werden die Sache überdenken. So oder so“, sagte Sharone mit einer unbestimmbaren Härte in ihrer Stimme.
„Dann wünsche ich Ihnen viel Erfolg. Es tut mir aufrichtig Leid, dass ich Ihnen nicht weiterhelfen kann.“
Sie stand auf und wollte sich verabschieden, doch Claudio fand, dass er sie so nicht gehen lassen konnte.
„Hören Sie zu, ich kann mich auch täuschen, aber vielleicht gibt es da wirklich etwas zu entdecken? Bloß was es auch sein sollte, die Suche danach wird eine verdammt lange Zeit in Anspruch nehmen.“
„Senor Guerrero, keiner von uns ist so naiv, wie Sie glauben. Natürlich wird es schwer werden, darüber sind wir uns alle im Klaren, aber das bedeutet nicht, dass wir es nicht versuchen sollten.“ Sie drückte ihre Strickjacke fest in ihre Armbeuge und verließ das Lokal.
„Glaubst du nicht, dass du ein wenig zu schroff zu ihr gewesen bist?“, meinte Luis, als sie die Posada verlassen hatte.
„Mm…, meinst du? Mich stören diese zwei Monate, die sie erwähnt hat“, sagte Claudio anstelle einer eindeutigen Antwort. Luis verstand nicht sofort um was es ging.
„Was willst du damit sagen?“
„Nun, ich verstehe ihre Eile nicht. Fast könnte man davon ausgehen, dass ihnen keine weiteren finanziellen Mittel zur Verfügung stehen. Für eine ausgiebigere Suche, meine ich. Da muss es noch um etwas anderes gehen! Gilberto Leon und diese Sharone verheimlichen mir etwas. Ich weiß nicht, was es ist, und bald bekümmert es mich auch nicht mehr. Ich glaube, ich bin fertig mit dieser Angelegenheit.“ Luis schenkte ihm einen ungläubigen Blick.
„Aber du wirst doch deine Untersuchungen trotzdem weiterführen?“
„Zumindest werde ich noch ein paar Reportagen lesen und dann sehen wir weiter“, entgegnete Claudio, genoss den letzten Schluck seines Rotweins und verließ die Posada del Angel.
Am nächsten Morgen hatte er sich bereits einen seiner teerartigen Kaffees gebraut, als er sich an die Tageszeitung erinnerte. Diese vermutete er, wie gewöhnlich, auf der Treppenstufe vor seiner Haustür vorzufinden. Da war sie auch, aber zu seiner Überraschung lag diesmal ein Päckchen dabei. Er verspürte einen kräftigen Adrenalinstoß und warf die Zeitung achtlos beiseite. Dann kehrte er zurück an seine Küchenbar und untersuchte vorsichtig das Packstück. Nichts tickte. Ein Absender war auch nicht zu erkennen, nur bei vorsichtigem Drücken konnte er im Inneren Teile einer Noppenfolie ertasten. Erleichtert riss er die aneinander geklebten Enden auseinander. Zuerst segelten ihm weiße Styroporschnipsel entgegen, dann offenbarte das Päckchen einen in Luftpolster und weichem Schaumstoff gehüllten Gegenstand. Dabei befand sich ein kleines Kärtchen mit den Worten: „Viele Grüße aus Chachapoyas“.
Claudio war mit einem Male hellwach. Er wickelte den Gegenstand aus seiner Umhüllung und hielt kurz darauf ein kleines, verkrustetes Gefäß in seiner Hand, das wie ein Krug oder Kelch ausschaute. Was ihn jedoch am meisten überraschte, war das ungewöhnliche Gewicht des verhältnismäßig kleinen Trinkgefäßes. Es war viel zu schwer für Terrakotta, aber seltsamerweise konnte er keinerlei Anzeichen einer Oxidation erkennen. Es musste sich jedoch um eine Art von Metall handeln. Ein Dekor mit Ornamenten in der Mitte schien aus gegossenen Palmetten zu bestehen. Vorsichtig begann er die äußere Verkrustung mit einer Drahtbürste zu bearbeiten. Dann war er sich sicher. Dieser Krug, oder was es auch immer war, bestand aus Bronze. Nun fiel ihm überhaupt nichts mehr ein. Wer schickte ihm so einen außergewöhnlichen Gegenstand und vor allem zu welchem Zweck? In Gedanken versunken versuchte er das Gefäß so gut wie möglich zu säubern. Dann besann er sich eines Besseren, erstellte einige detaillierte Aufnahmen mit seiner Digitalkamera und schickte das Ganze mit den Worten: „Ich bitte um baldige Überprüfung, Gruß, Claudio Guerrero“, an Gilberto Leon ins Direktorenbüro des INC.
Plötzlich verspürte er einen großen Durst auf Kaffee. Natürlich, sein vorher gemixtes Gebräu stand noch unverrichteter Dinge auf der Tischplatte und war inzwischen kalt geworden. Auf ein Neues setzte er die Kaffeemaschine in Gang und schwang sich an seinen Schreibtisch, um sich in den Computer einzuloggen. Während er die schwarze Brühe trank, benötigte er eine gute Stunde, um herauszufinden, was es war. Das Objekt war kein Trinkgefäß, sondern besaß alle Merkmale einer phönizisch-orientalischen Urne aus der Bronzezeit.
Sorgsam verglich er die kleinen Bandhenkel am Hals mit den Abbildungen von Museumsstücken, die er im Internet gefunden hatte. Bestenfalls konnte es sich sogar um ein Exemplar von keltischer Abstammung handeln.
Nun war er nicht mehr zu halten. Es war kurz nach drei, als er sich entschloss, den Auftrag von Gilberto Leon anzunehmen. Zusätzlich hegte er die Absicht, sich noch einmal ausführlich mit Sharone Rosenbaum zu unterhalten. Er war sich sicher, dass sich früher oder später ihre Wege kreuzen würden. Immerhin stand sie ja irgendwie in Verbindung mit dem Direktor des INC.
Und jetzt, da er den Entschluss gefasst hatte, war er wieder die Ruhe selbst. Nur so sorgfältig wie möglich, wollte er alles vorbereiten. Er besann sich der notwendigen Medikamente und Profilaxen, die er sich für die Reise in den tropischen Regenwald beschaffen musste. Am wichtigsten war die Gelbfieberimpfung, dann der Schutz gegen Typhus, Cholera und Tetanus, dazu eventuell noch Malariapillen. Vor allem aber wollte er einen eigenen Plan ausarbeiten und sowohl Leon als auch die schöne Sharone für seine Zwecke benutzen und nicht umgekehrt.
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