„Als ich zum ersten Mal von diesen Aufnahmen hörte, habe ich mir die gleichen Fragen gestellt.“ Leon fiel es schwer seine Aufregung zu verbergen.
„Faszinierend!“, meinte Claudio, hatte aber keine Idee, wohin Leon mit seinen Ausführungen überhaupt zielen wollte. Und trotzdem. Er konnte sich nicht helfen. Das was er da vor sich sah, beeindruckte ihn schwer.
„Ich verstehe nur nicht, was ich damit zu tun habe“, fragte er den Direktor des INC.
„Lassen Sie mich Ihnen noch dies hier zeigen und dann sagen Sie mir einfach, was Sie davon halten.“
Leon zog ein weiteres Foto aus dem Aktenschrank und reichte es ihm. Claudio überflog die Aufnahme mit einem geübten Blick, doch er bemerkte zunächst keinen Unterschied zu den Aufnahmen, die er zuvor betrachtet hatte.
„Was Sie hier sehen können, ist – wie man glaubt – die unmittelbare Umgebung von Chachapoyas“, belehrte ihn Leon.
Claudio verstand und dann sah er sie selbst: Unzählige kreisrunde Strukturen und pyramidenartige Verformungen direkt unterhalb der Erdoberfläche. Gemäß dem Maßstab der Aufnahmen mussten sie mitten im tropischen Regenwald liegen.
Anstatt seiner Fantasie freien Lauf zu lassen, zwang sich Claudio dazu, die Aufnahmen immer wieder auf ein Neues zu begutachten. Aber die Wahrheit lag vor seinen Augen. Sein Herz raste und seine Handflächen schwitzten, als die Aufregung von ihm Besitz ergriff. Solch eine Entdeckung machte man vielleicht einmal im Leben und Leon servierte ihm alles auf einem goldenen Tablett. Begraben im Niemandsland von Chachapoyas lagen wahrscheinlich die gewaltigen Überreste einer legendären Hochkultur, die bereits vor Tausenden von Jahren aufgehört hatte zu existieren. Er hob seinen Blick und schaute Leon direkt in die Augen. Sein erstaunter Ausdruck bestätigte dessen Vermutung.
„Einige unserer Leute sind zu dem gleichen Ergebnis gekommen, wie Sie, Herr Guerrero. Und dies könnte sogar bedeuten, dass die Geschichte der Menschheit neu definiert werden muss. Wir wissen allerdings nicht in welcher Tiefe oder wo genau sich die seltsamen Konstruktionen befinden. Die Gegend um Chachapoyas ist unwegsam und so gut wie nicht erforscht. Wir beabsichtigen einen Mann an die Stätte zuschicken, der das Gebiet absteckt und daraufhin untersucht, ob dort irgendwelche Schätze im Verborgenen liegen.“
Claudio versuchte die entsprechenden Möglichkeiten zu analysieren. Die pragmatische Seite an ihm wusste, dass die Chance mehr ein Wunschdenken war, es könnte sich bei den Abbildungen auf den Fotos tatsächlich um antike, von Menschenhand erstellte Bauwerke handeln. Und falls es dort tatsächlich alte Steine gab, so musste das noch lange nicht bedeuten, dass dort auch etwas Wertvolles zu finden war. Auf der anderen Seite jedoch …
„Sie können nun sicher erraten, warum ich mit Ihnen sprechen wollte“, sagte Leon und zwang sich zu einem Lächeln.
„Ich muss Sie allerdings warnen. Das Beste, was wir anhand der Fotos anbieten können, ist ein Bereich von etwa fünfzig Quadratkilometer, den es abzusuchen gilt. Und das in einer der unfreundlichsten Gegenden von Peru. Sollte es dort allerdings tatsächliche antike Pyramiden oder Reste einer vorchristlichen Zivilisation geben, so bin ich voller Vertrauen, dass Sie darauf stoßen werden.“
Elisa, Leons langjährige Sekretärin, brachte den bereits ersehnten Aufmunterungskaffee. Leon erhob wieder das Wort.
„Ich sollte ebenfalls erwähnen, dass schwer zugängliche Dschungelgebiete gerne von Drogenschmugglern als Zufluchtsorte und Verstecke genutzt werden. Gerade vor ein paar Monaten ist es auf der Strecke nach Leimebamba zu Übergriffen gekommen.“ Wieder lächelte er.
„Ist das vielleicht ein Teil Ihrer Verkaufsstrategie?“, wollte Claudio von ihm wissen.
„Wenn ja, dann machen Sie etwas falsch.“
Eigentlich hätten ihn die beiden letzten Argumente von einer Zusage abhalten sollen. Stattdessen war sein Interesse aber noch weiter gewachsen. Er dachte an die Unterhaltung mit Luis, über die Notwendigkeit einer neuen Herausforderung in seinem Leben. Und nun legte ihm Leon einen solch grandiosen Bissen vor.
„Ist es nicht“, antwortete Leon mit einem entwaffnenden Lächeln. „Ich wollte Ihnen nur alles erzählen, was ich weiß. Ich möchte nicht, dass da etwaige kleine Geheimnisse zwischen uns entstehen. Diese Angelegenheit ist natürlich nicht ohne Risiko und ich möchte Sie vollkommen im Bilde wissen, ehe Sie eine Entscheidung treffen.“
Er kann ja so nett sein…
„Warum übergeben Sie die Unterlagen nicht einfach an ein Archäologenteam in Cajamarca?“, fragte Claudio und nippte an seiner Kaffeetasse.
„Eine gute Frage, die ich leicht beantworten kann. Die Aufnahmen existieren offiziell überhaupt nicht, verstehen Sie? Dazu haben wir nicht die leiseste Ahnung, was dort im Urwaldboden genau begraben sein könnte. Eine offizielle Suchaktion würde viel zu viel Staub aufwirbeln.“
Claudio schaute ihn verwundert an und wartete darauf, dass er weitersprach. Er vermutete noch ein weiteres Motiv im Hintergrund. Leon sagte ihm nicht die ganze Wahrheit.
„Die antike Stätte zu finden, wenn es sie überhaupt gibt, dürfte Monate in Anspruch nehmen. Das ist ein gewaltiger Brocken an Zeit, und meine wird für Sie nicht billig sein. Ich benötige eine Weile, um darüber nachzudenken. Wie wäre es, wenn ich Ihnen in ein oder zwei Wochen eine endgültige Antwort gebe?“
Seine innere Stimme meldete sich. Und egal wie interessant sich die Aufgabe auch anhörte, Claudio beschlich langsam ein ungutes Gefühl in dieser Angelegenheit. Unfähig, eine Entscheidung zu treffen, verschob er seine Zusage auf einen späteren Zeitpunkt und ließ einen zunehmend verstimmten Gilberto Leon alleine in dessen Büro zurück. Als er hinaus auf die Straße trat war vor dem Mueseum bereits die Hölle los. Die Touristen standen Schlange und begehrten Einlass. Die neugierigen Augenpaare, die ihn von der anderen Straßenseite her beobachteten, bemerkte er nicht.
„Ich glaube es war ein Flop“, sagte Abraham, ein orientalisch aussehender Hagerer mit langen, schwarzen Haaren, buschigen Augenbrauen und spitzem Ziegenbärtchen zu seinem Begleiter. Er scheint nicht darauf einzugehen.“
„Dem stimme ich zu“, sagte der andere. „Aber trotzdem bin ich überrascht, wie lange sich der Direktor mit ihm beschäftigt hat. Den beiden Vorgängern widmete er nur einen Bruchteil seiner Zeit. Sicher will er ihn unbedingt mit an Bord haben.“
„Und? Wie soll es nun weitergehen?“, fragte Abraham unentschlossen. Es ist doch offensichtlich, dass Claudio kein Interesse zeigt. Sollen wir abwarten, wer aus Leons Liste als nächster an die Reihe kommt?“
„Das wäre sicher unklug“, entgegnete sein Begleiter. Wir sollten nun selbst die Initiative ergreifen. Immerhin ist schon einiges aus unserem Budget ausgegeben worden und die eigentliche Operation hat noch nicht einmal begonnen. Wir müssen unsere Aktivitäten ausweiten, denn bleiben wir ohne Resultate wird man uns möglicherweise nach Israel zurückbeordern. Und dafür ist die ganze Mission wiederum viel zu wichtig. Ich denke, Guerrero ist genau der richtige Mann für uns. Leon ist mit seiner Rekrutierung vorerst gescheitert, also liegt es nun an uns, ihn mit einer anderen Taktik für unsere Interessen zu gewinnen.“
Abraham stammte aus einer Familie gläubiger Juden, die über Generationen hinweg im heiligen Land gelebt hatte. Ihre Residenz lag in unmittelbarer Nähe zur Klagemauer von Jerusalem. Seit der Gründung des Staates Israel waren seine Freundschaften und die nachbarlichen Beziehungen nach und nach an den geteilten Zugehörigkeiten zerbrochen. Auseinandergerissen zwischen Clan und Glauben. Und er stand jetzt vor dem Dilemma, nach einem geeigneten Heimatland für seine Gefolgsleute suchen zu müssen, wo sie ohne Furcht vor Pogromen und Antisemitismus für alle Zeiten in Frieden leben konnten. Zuerst hatte Abraham versucht, sich aus allem herauszuhalten. Dann hatte sich die Welle der Gewalt auch auf ihn übertragen. Seine geliebte Schwester befand sich bedauerlicherweise zu einem falschen Zeitpunkt an einem falschen Ort und wurde von der israelischen Sicherheitspolizei ermordet. Von da an hatte er sich verändert. Er trug jetzt ständig Waffen und war bereit zu kämpfen. Sein Vater hatte ihn auf dem Sterbebett in die Geheimnisse der Familie eingeweiht. Ein ägyptisches Totenbuch aus dem ersten Jahrtausend vor Christus sprach von dem Königreich des Osiris in einem fernen Land westlich des großen Meeres.
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