Wie besessen studierte Abraham die heiligen Schriften aus dem Nachlass seines Vaters, erfuhr von uralten Verbindungen zwischen dem Orient und der Neuen Welt. Ausgegrabene Embleme und Keramikgegenstände bei Cuzco lieferten Beweise für Besuche des Königs Sargon von Akkad und seinen Söhnen in den Jahren 1500 bis 1000 vor Christus in Peru. Meterhohe Inschriften auf schwer zugänglichen Felswänden im Amazonasgebiet trugen zweifellos die Merkmale ägyptischer Hieroglyphen. Überall hatten die frühen Seefahrer sichtbare Spuren hinterlassen, deren Alter zwischen vier- und fünftausend Jahre geschätzt wurde. Im vierten Jahrtausend vor Christus muss es dann zu einem Abbruch des Seeverkehrs zwischen den beiden Kontinenten gekommen sein, der dann erst wieder im 19. Jahr des Hiram, etwa 1000 vor Christus, von den Phöniziern aufgenommen wurde.
Wie es der Zufall wollte, konnte Abraham eines Tages ein für ihn so interessante Gespräch zwischen dem Direktor des INC Leon und seiner Sekretärin mitverfolgen. Er saß in einem Café und studierte die peruanischen Tageszeitung „El Comercio“, als er die Bruchstücke jener Unterhaltung hörte. Danach war ihm erst langsam klar geworden, was er da eigentlich mitbekommen hatte. Er zog die richtigen Schlüsse aus den vagen Angaben Leons bezüglich Luftaufnahmen und seltsamen, pyramidenartigen Konstruktionen im tropischen Regenwald von Chachapoyas.
Die Chroniken seiner Familie überlieferten schon seit Jahrhunderten Angaben über goldene Städte im Regenwald des Amazonas. Allerdings genauere Ortsangaben nannten sie nicht. Abraham war stets auf der Suche nach eindeutigen Beweisen für eine urzeitliche Kultur in Südamerika, die von seiner eigenen abstammte. Dafür hatte er sich eigens bei der San Marcos Universität in Lima eingeschrieben. Unmittelbar nach besagter Konversation hatte er den Direktor des INC nicht mehr aus den Augen gelassen und bei einer extremen Glaubensgemeinschaft in seinem Heimatland, einen größeren Geldbetrag angefordert um eine entsprechende Expedition in die Gegend von Chachapoyas durchführen zu können. Seine Angaben mussten ganz schön Staub aufgewirbelt haben, hatte man ihm zu guter Letzt auch noch einen kampferprobten Mann zur Seite gestellt.
Was jetzt noch fehlte, war ein Wagemutiger. Jemand der das Unternehmen in ihrem Sinne leiten konnte. Ein erfahrener Abenteurer wie Claudio Guerrero wäre genau der richtige für diese Aufgabe.
Trotz seines Verhaltens Leon gegenüber ließ ihm die Geschichte keine Ruhe. Zuhause setzte Claudio sich an seinen Schreibtisch und befragte das Internet zum Thema Chachapoyas. Dabei schaute er nach Westen, wo an einem frühen Abendhimmel die Farbe gerade von Hellblau zu einem satten, rot-gestreiften Gelb wechselte. Auch wenn die meisten solche Recherchierarbeiten als monoton bezeichnen würden, Er liebte sie. Eine bestimmte Information zu suchen, bedeutete für ihn unzählige neue Forschungsabenteuer, auch wenn man sich leicht in dem Informationswirrwarr verlieren konnte. Bereits erstellte Berichte über abgeschlossene Untersuchungen in der Umgebung von Chachapoyas führten zu nichts. Es gab keinerlei Hinweise auf Spuren urzeitlicher Kulturen. Aber Leons Luftaufnahmen suggerierten etwas anderes. Claudio konnte die Möglichkeit, dass Leon mit seinen Vermutungen richtig lag, einfach nicht von der Hand weisen. Er wunderte sich sogar selbst, wie sehr er sich wünschte, sie würden zutreffen. Noch niemals zuvor war er in Chachapoyas gewesen. Stets hatte er die lange Anreise gescheut. Bis nach Cajamarca hatte er es immerhin schon einmal geschafft. Und von dort aus waren es noch weitere zwanzig Stunden in einem wackligen, alten Reisebus bis zur Hauptstadt des Amazonas Departments.
Den Rest des Tages verbrachte er mit weiteren Untersuchungen und dem Downloaden von Artikeln und Informationen über Chachapoyas. Alles deutete nach wie vor darauf hin, dass Leon mit seinen Ansichten falsch lag. Trotzdem suchte er weiter nach Beweisen, die dessen Theorie stützen würden. Er konnte einfach das Gefühl nicht abschütteln, dass Gilberto Leon in bestimmten Punkten Recht hatte. Bereits am frühen Nachmittag sah er sich in seinem Entschluss bestätigt, eine Zustimmung und Zusammenarbeit mit ihm noch hinauszuzögern. Der Direktor war innerhalb des INC nicht unumstritten und es gab nicht wenige, die seine Ablösung forderten. Anscheinend spielte dabei das richtige Parteibuch eine wichtige Rolle. Ein entsprechendes Erfolgserlebnis käme für Leon genau zum richtigen Zeitpunkt und daher wären seine Motivationen für das Gelingen einer herausragenden Expedition eher von persönlichen, als von professionellen Motiven geleitet. Es war mehr als richtig, ihn zappeln zu lassen. Sich von jemandem einwickeln zu lassen, der sich bemühte, seine sinkende Karriere zu retten, war nun wirklich nicht Claudios Ding.
Gegen sieben Uhr loggte er sich aus seinem Computersystem aus. Seine Augen brannten vor Anstrengung und sein Magen verursachte eindeutige Geräusche. Er begab sich in die Küche und zog eine Plastikhülle mit einem gefrorenen Etwas aus dem Gefrierfach seines Kühlschrankes, stellte den Ofen auf die angegebene Temperatur und verfrachtete das Fertiggericht auf die mittlere Schiene des Metallrostes. Während sich dieses Etwas in eine Delikatesse verwandelte, schwang er sich die Spiraltreppe hinauf und gönnte sich ein ausgesprochen intensives Duschbad. Pünktlich auf die Minute war er zurück im Erdgeschoss, als der Signalgeber des Ofens anfing zu brummen. Er aß im Stehen und benutzte eine Plastikgabel anstelle einer der im Wohnzimmer eingelagerten Silberbestecke. Zum Schluss warf er die gepresste Aluminiumform in den Abfalleimer und verließ sein Haus für einen kurzen Spaziergang, hinüber zur Posada del Angel
Elias stand wie gewöhnlich hinter der wuchtigen Holzbar und hatte bereits eine Flasche chilenischen Rotwein geöffnet, als Claudio das Lokal betrat und sich schnell neben Luis auf einen der ledernen Barhocker pflanzte.
„Tut mir Leid, Luis – ich bin noch bei Recherchen am Computer hängen geblieben“, entschuldigte er sein verspätetes Eintreffen.
„Hat es dich wieder mal gepackt?“, versuchte Luis ihn aufzuziehen. Also blieb Claudio nichts anderes übrig als ihm die Geschichte von dem Treffen mit Gilberto Leon und seinen darauf folgenden Entdeckungen zu erzählen. Zum Schluss resümierte er die Fakten, die gegen eine prähistorische Besiedlung der Umgebung von Chachapoyas sprachen, doch davon wollte Luis nichts wissen.
„Ich kenne dich doch“, sagte er, nachdem er die Schilderungen aufmerksam verfolgt hatte.
„Du hättest das ganze Thema doch gar nicht erst zur Sprache gebracht, wenn du nicht selber daran glauben würdest, genau dort etwas zu finden, wo dieser Leon vermutet, dass es begraben liegt. Und nun erwartest du von mir, dass ich dir ausrede danach zu suchen!“
„Wie recht du hast, Luis. Ich glaube es ist am besten, ich spüle die ganze verrückte Idee zusammen mit diesem guten Wein hier hinunter. Solange, bis ich meinen Kopf wieder frei habe.“
Ungefähr eine halbe Stunde später tauchten die ersten Musiker mit ihren Instrumentenkoffern, Notenständern und nützlichen Utensilien auf. Elias bot seinen Gästen wie an jedem Abend ein ständig wechselndes Musikprogramm. Dann legte sich plötzlich ein faszinierender Ausdruck auf sein Gesicht, während er in die Richtung des Eingangs schaute. Claudio tat es ihm gleich. Er wollte sich vergewissern, wer da gerade eingetreten war. Eine Dame stand erhobenen Hauptes auf der Türschwelle. Und was für eine! Sie war groß gewachsen und trug einen auffälligen roten Hosenanzug. Dazu schwarze, hochhackige Pumps und eine passende Tasche mit kleinen, weißen Perlen. Über ihre mehr als ansehnlichen Schultern hing lässig eine schwarze Strickjacke. Sie war weder schwarz noch weiß, sondern besaß jene feine, exklusive Mischung aus beiden Rassen. Ihre Haut hatte Ähnlichkeit mit einem Milchkaffee.
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