Gewohnt selbstsicher passierte er die alte rote Telefonkabine aus England, welche Elias zu Dekorationszwecken aufgestellt hatte und ging auf das kleine Tischchen in der Ecke zu.
„Senor Guerrero, nehme ich an?“
Gilberto Leon lachte über seinen müden Scherz und streckte ihm eine Hand entgegen. Er war etwa Anfang fünfzig und komplett glatzköpfig. Sein Gesicht wurde von einer meiselartigen Nase dominiert, welche man bei jeder anderen Person als charakteristisch bezeichnet hätte. Bei ihm wirkte sie allerdings nur außergewöhnlich dick. Trotzdem besaß er ein weiches Kinn und abgerundete Wangen, was ihm eine offene und gemütliche Ausstrahlung verlieh. Jedoch als Claudio ihm die Hand schüttelte, bemerkte er die harten Augen hinter seiner in Gold gefassten Sonnenbrille.
„Ich bin erfreut, Sie kennenzulernen, Senor Leon.“
„Bitte nennen Sie mich einfach Gilberto.“ Leon zeigte ein weiteres Lächeln und offenbarte dabei strahlend weiße Zähne!
Er bestellte für sich ein Gin-Tonic und machte zunächst auf Small-Talk. Anscheinend gefiel er sich in der Rolle des Spaßvogels und bemühte sich nach besten Kräften ihr Zusammensein in eine lockere Veranstaltung zu verwandeln.
„Wir wollen uns doch am besten gleich aneinander gewöhnen“, meinte er, ohne das Claudio überhaupt eine Ahnung davon hatte, was hier eigentlich gespielt wurde.
„Ich habe so ein Gefühl, dass wir für eine lange Zeit zusammenarbeiten werden“, fügte er noch hinzu und lehnte sich in seinen Stuhl zurück. Der hat vielleicht Nerven .
„Erzählen Sie mir bitte, was Sie über Paraiba wissen“, sagte er ohne jegliche Vorwarnung.
Claudio schluckte. Die Frage kam für ihn völlig überraschend. Aber er wollte sich keine Blöße geben.
„Um zu beginnen“, antwortete er. „Dabei handelt es sich um einen Bundesstaat im Nordosten Brasiliens. Die Hauptstadt ist Joao Pessoa.“ Leon nickte zustimmend.
„Sagt Ihnen der Name Pauso Alto etwas?“, fragte er weiter. Claudio dachte nach und konnte zunächst die Gründe für Leons merkwürdige Fragerei nicht verstehen.
„Liegt im Herzen von Paraiba und war Anfang der siebziger Jahre Schauplatz einer der aufwendigsten Expeditionen der brasilianischen Archäologie“, antwortete er wahrheitsgemäß. Und das war auch schon alles, was er über die besagte Gegend zu berichten wusste. Leon schien hoch erfreut zu sein.
„Das trifft genau den Kern“, sagte Leon anerkennend und nickte abermals mit seinem Kopf.
„Und dennoch lebten hier die frühesten Bewohner des amerikanischen Kontinents“, ließ er endlich die Katze aus dem Sack. „Der brasilianische Nordosten mit dem "Monument Valley", im "Sertão Central" von Ceará, steckt voller überraschender Entdeckungen und hält ein ganzes unterirdisches Netz von Höhlen, Seen, Canyons und riesengroßen Felsbrocken, wie zum Beispiel den "Pedra do Letreiro" bereit, auf dem man Inschriften und Zeichnungen von archäologischem Wert erkennen kann. In der Gegend um "Santana do Cariri" konzentrieren sich einige der wichtigsten Fundstätten der Welt für vorgeschichtliche Fossilien. Dort hat man Prähistorische Pflanzen und Dinosaurier entdeckt. Vergleichsweise fantastisch gut erhalten!“
Diese Informationen ließ Leon zunächst bewusst auf Claudio wirken. Fast im Zeitlupentempo hantierte er an einer ledernden Aktentasche. Zum Vorschein kam ein gelber Manila-Umschlag dem Leon einige Fotokopien entnahm und diese Claudio reichte.
„Angeblich sollen Phönizier und Kelten bereits Tausende Jahre vor Christus die „Neue Welt“ bereist haben.“
Claudios Blick fiel auf eine der Kopien, die eine Art von Steinplatte mit Schriften in einer für ihn fremden, antiken Sprache zeigte. Leon deutete auf eine Seite, die den Stempel des INC trug und in spanischer Sprache verfasst war.
„Lesen Sie das“, sagte er in bestimmendem Tonfall.
„Es handelt sich um eine übersetzte Abschrift des eingravierten Textes auf der Steinplatte.
Wir sind Söhne von Kanaan und kommen von Sidon, der Stadt des Königs. Der Handel hat uns bis zu diesem Land der Berge gebracht. Wir haben einen Jüngling geopfert, um den Unmut der Götter abzulenken, in dem 19. Jahr des Hiram, unseres mächtigen Königs. Wir begannen unsere Reise in Tyros und befuhren mit zehn Schiffen das Mittelmeer. Zwei Jahre lang haben wir auf dem Meer verbracht und ein Land umfahren, das Ham genannt wird. Dann wurden wir durch einen Sturm von unseren Gefährten getrennt, schließlich sind wir hier angekommen, vierzehn Männer und fünf Frauen, an einem Strand, den ich, Methuastart der Admiral, in Besitz genommen habe. Die Götter seien uns gnädig.
Jetzt war es wieder da. Claudio spürte die Veränderung in seiner Magengegend. Das Kribbeln, dem eine zunehmende Nervosität folgte. Er war wieder ganz der Alte.
„Ich hoffe, dass ich zunächst Ihr Interesse wecken konnte“, meinte Leon etwas scheinheilig und blickte auf Claudio, der sich wie das Opfer in einer Falle vorkam. „Den Rest gibt es morgen in meinem Büro! Ich muss jetzt los, denn ich habe noch ein paar wichtige Termine heute.“ Sprachs und verabschiedete sich schnell von Claudio, der verdutzt dem hinauseilenden Direktor des INC nachschaute.
Mittlerweile war es draußen dunkel geworden. Elias zündete in seinem Lokal Kerzen und Räucherstäbchen an. Ein Gitarrenduo spielte auf einer kleinen Bühne sanfte Boleroklänge. Es war Zeit, den Abend ausklingen zu lassen und sich auf den Heimweg zu begeben. Die Worte der Söhne von Kanaan rauschten ihm noch durch den Kopf, als er den Aufstieg zu seinem Schlafzimmer abbrach und sich auf dem gleichen Klappsofa zur Ruhe legte, wie sein Freund Luis am Abend vorher.
Das Institut für Kulturangelegenheiten INC beherbergte seine Büros in dem Gebäude des Museums de la Nation im Stadtteil San Borja. Vor dem Haupteingang traf er auf Reynaldo Garcia.
„Hallo Claudio, was führt dich denn zu dieser frühen Stunde hierher?“, begrüßte ihn der Chef der Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit am folgenden Morgen ausgesprochen freundlich.
„Ich bin mit deinem Direktor verabredet. Könntest du mich bitte zu seinem Büro begleiten?“
„Nichts leichter als das“, grinste Reynaldo und blickte mit einer Mischung aus Häme und Neugier auf seinen Bekannten.
Gilberto Leon befand sich in prächtiger Stimmung. Als Claudio sein Büro betrat, war er gerade im Begriff exotische Fische in einem Süßwasseraquarium mit irgendwelchen Insekten zu füttern. Fasziniert betrachtete er, wie sich die bunte Schar auf ihre Mahlzeit stürzte. Leon deutete auf zwei mittelgroßen Piranhas und meinte: „Mit Insekten allein kann man diese beiden Prachtexemplare freilich nicht zufriedenstellen.“
Dann ging er zu einem alten Aktenschrank, griff nach ein paar Fotos und legte sie nebeneinander auf seinem breiten Schreibtisch aus. Ohne eine Erklärung abzugeben forderte er seinen Besucher auf, sich die Aufnahmen zunächst genauer anzuschauen.
„Mm…Die sehen aus, wie Luftaufnahmen oder Satellitenfotos“, argumentierte der nach einer längeren Weile des Betrachtens.
„Richtig“, freute sich Leon wie ein Schneekönig.
„Genauer gesagt handelt es sich um längst archivierte Luftaufnahmen der „Newmont Mining Gesellschaft. Entstanden sind sie beim Überfliegen der Yanacocha Goldmine in der Nähe von Cajamarca. Damals hatte man die Ausmaße der Mine von der Luft aus bestimmen wollen, da man nach weiteren Förderstellen suchte. Da die Fotos jedoch keine nennenswerten Ergebnisse hervorbrachten, beließ man es bei dem einen Versuch und sie verschwanden unbeachtet in den Akten der Minengesellschaft.“ Leon breitete weitere Aufnahmen vor den Augen von Roger Peters aus. Sie zeigten Details aus der Umgebung des Flusses Maranon bis hinüber in die Region von Chachapoyas. Claudio hatte noch nie solch detaillierte Darstellungen gesehen. Sie ähnelten Röntgenbildern, die einen tiefen Einblick in die Erdoberfläche erlaubten. Die einzelnen Erdschichten erschienen als Schatten in verschiedenen Grautönen und Hohlräume waren als weiße Linien dargestellt, von denen sich einige überlappten. Das Grundwasser erschien in Form von hellen, immer wieder kehrenden Kreisen.
Читать дальше