„... und das hat einfach dagelegen, neben der Tageszeitung?“, fragte er ungläubig.
„Glaub es mir einfach Luis. Es ist genau so, wie ich es dir sage. Schau her, diese Abbildungen habe ich im Internet gefunden. Es sind Museumsstücke aus der Bronzezeit. Bemerkst du die Ähnlichkeiten mit meinem Gefäß hier? Es ist übrigens eine Urne. Leon will sie im Museum de la Nation genauer untersuchen lassen. Sicher hält sie noch einige Überraschungen für uns bereit. An ihrer Echtheit allerdings besteht keinerlei Zweifel.“
„Und so wie ich dich kenne, hast du dich natürlich sofort entschlossen, den Auftrag von Leon anzunehmen, nicht wahr?“
„Unter uns Luis, entschlossen habe ich mich schon in dem Moment, als ich die Luftaufnahmen zu sehen bekam, aber logischerweise wollte ich Leon gegenüber meine Begeisterung nicht sofort preisgeben. Immerhin ist er auf meine Bedingungen vollständig eingegangen. Allerdings vermute ich, dass er irgendwie mit dieser mysteriösen Sharone Rosenbaum zusammensteckt, auch wenn ich über ihre Identität noch nicht viel in Erfahrung bringen konnte. Hast du schon einmal etwas von einer religiösen Gruppe mit dem Namen „Die Jünger Kanaans“ gehört?“ „
Mensch Claudio! Ich hoffe nur, das sind keine radikalen Extremisten. Mit denen ist nicht zu spaßen.“
„Leider gibt das Internet darüber nicht viel her. Nun aber zu den Details Luis. Ich möchte natürlich, dass du mit an Bord bist. Dein Einverständnis vorausgesetzt, habe ich das bereits mit Leon geklärt. Er war sofort einverstanden. Zudem habe ich ihn mit einer Liste von Ausrüstungsgegenständen bombardiert, die er für mich beschaffen soll. Damit hat er erst einmal zu tun und irgendwie werden wir das Zeug schon gebrauchen können. Er soll am besten alles direkt nach Chachapoyas liefern. Oder was meinst Du dazu?“
Luis staunte Bauklötze.
„Nett, dass ich auch noch gefragt werde“, meinte er und kniff ein Auge zusammen. Du und deine Pläne…“
„Apopos! Ich hab mir überlegt, dass wir am besten zusammen losziehen und einen Flieger nach Pucallpa nehmen. Somit wären wir schon einmal im unteren Amazonasdelta. Dort allerdings werden sich unsere Wege wieder trennen. Du wirst alleine über Tarapoto nach Chachapoyas fahren und vor Ort die Ausrüstung von Leon in Empfang nehmen. Danach bleibt dir genügend Zeit, um die Lage in der Stadt zu erkunden und um dich ein wenig einzuleben, vielleicht Kontakte zu knüpfen und Erfahrungsberichte einzuholen.“
„OK, ich bin dabei. Das klingt nicht besonders schwierig“, entgegnete Luis ohne lange nachzudenken. „Meine Unterstützung ist dir sicher. Aber was ist mit dir, was genau hast Du vor?“
Claudio tat zunächst geheimnisvoll, doch dann setzte er ein vielversprechendes Lächeln auf und erklärte: „Ganz einfach! Ich werde einen Abstecher nach Brasilien machen. Genauer gesagt in den Bundesstaat Paraiba.“ Er freute sich wie ein kleines Kind, als er Luis verblüfften Gesichtsausdruck bemerkte.
„Du willst…?“
„In der Tat, schau einmal her, ich habe schon alles vorbereitet!“ Über den mit diversen Papieren vollgestopften Schreibtisch legte er eine große Landkarte von Südamerika. Darauf hatte er seine geplante Reiseroute bereits eingezeichnet. Von Pucallpa aus wollte er über die Grenze nach Cruzeiro do Sul in Brasilien gehen und dann mit einer Linienmaschine der Fluggesellschaft TAM direkt in die Hauptstadt von Paraiba Joao Pessoa fliegen. Dort würde sich dann schon irgendwie eine Möglichkeit zur Weiterreise nach Quixeramobin, seinem eigentlichen Ziel, finden lassen. Insgeheim hoffte er, dass von den mehr als tausend Kilogramm vor Ort gefundener Keramik, den mehreren Hundert Urnen, rätselhaften Steinfiguren und dem farbigen Schmuck aus Porzellan noch etwas zu sehen war. Vielleicht gelänge es ihm sogar weitere Einzelheiten über jene rätselhafte Steinplatte mit der phönizischen Inschrift in Erfahrung zu bringen, auch wenn Sprachspezialisten bereits den kompletten Text übersetzen konnten. Das jedenfalls hatten die von Leon vorgelegten Fotokopien eindeutig bewiesen. Immerhin handelte es sich dabei um die wichtigsten Anzeichen europäisch-orientalischer Anwesenheit auf dem amerikanischen Kontinent, gut tausend Jahre vor der Geburt Christi. Und vielleicht würde der eigentliche Fundort dieser Steinplatte noch weitere Auskünfte geben können.
Luis dachte darüber nach. Claudios Plan war wieder einmal typisch für ihn. Auch wenn es ihn überraschte, jedenfalls hörte er sich plausibel und gut durchdacht an. „Weiß Leon schon von deiner Absicht zuerst nach Brasilien zu reisen?“
„Ach, woher denn?“ Claudio zog eine Grimasse. „Genauso wenig wie sich der Direktor in seine Karten blicken lässt, halte ich es für notwendig, ihn in meine eigenen Pläne einzuweihen. Wie wir vorgehen, ist einzig und alleine unsere Sache. Ich habe Leon keine Wunder versprochen und mein Auftrag lautet lediglich, in dem Urwaldgebiet von Chachapoyas nach etwas zu suchen, was er glaubt, in diesen Luftaufnahmen der Minengesellschaft erkannt zu haben. Allen Bedenken von Sharone zum Trotz, wir werden ganz ohne Zeitlimit arbeiten und selbst bestimmen, wo und wann wir mit der Suche beginnen. Die einzige Auflage lautet, möglichst kein größeres Aufsehen zu erregen, und das hätten wir ja in jedem Fall vermieden, nicht wahr? Sobald ich hier einigermaßen aufgeräumt habe, werde ich mich um die Flugtickets kümmern. Bist du so gut und bringst mir die antike Urne noch zum Museum de la Nation? San Borja liegt doch auf deiner Strecke. Nur, sei vorsichtig mit dem antiken Stück. Am besten du transportierst es auf deinem Rücken. Gut verpackt und in einem Rucksack. Ich möchte vor unserer Abreise noch das Ergebnis der C-14 Analyse vorliegen haben. Lass uns den Rest morgen Abend bei Elias besprechen. Ich muss noch diese Papiere hier durcharbeiten und dann versuche ich einmal frühzeitig zu Bett gehen.“
Mit diesen Worten entließ er seinen Freund in die aufkommende Abenddämmerung. Danach saß er wieder über seinem nicht enden wollenden Papierberg und vernahm, wie sich ein wohl bekanntes Knattergeräusch langsam von seinem Haus entfernte.
Ihre Morgengebete waren längst erloschen, aber der Sonnenaufgang lag noch mehr als eine Stunde entfernt. Noch schmückte ein voller Mond den unendlichen Sternenhimmel über dem Westjordanland. Eine ungemütliche Feuchtigkeit lag in der Luft und zwang die anwesenden Mönche des altertümlichen Klosters ihre schweren Kutten aus reiner Schafwolle überzuziehen. Mit ihren Füßen in schäbigen Ledersandalen fröstelten sie bei aufgehender Sonne, bereit, das Frühstücksmahl an dem langen Tisch in ihrem trostlosen Gemeinschaftsraum einzunehmen.
Fast wie in die Wand des 348 Meter hohen, kahlen Felskegels geklebt, überragte das Kloster Qarantana die Wüste Juda und bot eine spektakuläre Aussicht bis hin zum Ölberg von Jerusalem. Bereits seit dem zwölften Jahrhundert trug der Fels den Namen: „Berg der Versuchung“ und die Erbauer des Klosters hatten vor 1895 bei der Planung anscheinend in erster Linie seine hervorragende Verteidigungsposition im Auge. Seitdem erfreute sich die Abtei einer ständigen Belegung, die bis in das heutige Zeitalter anhält. Vor deren Entstehung fanden die Glaubensbrüder in den unzähligen Höhlen und Tunnelsystemen des Berges Djebel Schutz.
Die Mönche saßen an einem breiten, verschalten Tisch, der bereits vor Hunderten von Jahren von anderen namenlosen Glaubensbrüdern eines anderen Klosters gebaut wurde. Unterschiedliche Stühle wurden über Dekaden von gelernten oder weniger gelernten Fachkräften angefertigt und dem Orden zur Verfügung gestellt. Ihre Mahlzeit war mehr als einfach. Es gab ungesäuertes Brot, das in Scheiben geschnitten und in eine Art Eintopf mit Erbsen, Linsen und Pfeffer getaucht wurde. Dazu tranken sie alle einen starken, schwarzen Kaffee aus eigenem Anbau.
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