Katja Brandis - Der Sucher

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Sucher werden. Jemand, der durch seine besonderen Fähigkeiten Dinge, Menschen und manchmal auch Träume finden kann, die verlorengegangen sind. Das ist der sehnlichste Wunsch von Tjeri ke Vanamee aus der Wasser-Gilde. Nach dem Motto «Frechheit siegt» erobert er sich eine Lehre beim Großen Udiko, dem berüchtigsten Sucher Dareshs. Nach seiner ungewöhnlichen Ausbildung tritt er in den Dienst seiner Gilde, um für sie schwierige Aufgaben in ganz Daresh zu lösen. Sein erster großer Auftrag: Unter strenger Geheimhaltung soll er für den Rat eine unscheinbare silberne Schale finden, die schon lange verschollen ist. Tjeri ahnt nicht, dass der Rat ihm etwas verschweigt: Die Schale birgt ein tödliches Geheimnis und ist der Schlüssel zur Macht in Daresh…
Zur gleichen Zeit lebt und arbeitet eine Katzenfrau namens Mi´raela, genannt Staubflocke, als Sklavin in der Felsenburg, dem Regierungszentrum Dareshs. Sie erlebt mit, dass die alte Regentin kränkelt und die Intrigen um ihre Nachfolge voll in Gang kommen. Mi´raela weiß nicht, dass ihre einzige Hoffnung auf Freiheit ein junger Mann der Wasser-Gilde ist, dem die Halbmenschen den Namen Jederfreund geben: Tjeri ke Vanamee…
"Der Sucher" ist ein abgeschlossener Einzelroman, der zeitlich vor der Daresh-Trilogie spielt, also ein «Prequel». Tjeri ke Vanamee spielt ab dem «Ruf des Smaragdgartens» eine wichtige Rolle in Renas Leben und ist auch in Feuerblüte eine wichtige Figur.

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Warum war Lourenca hier? Wegen mir. Sie war wegen mir gekommen, und einen Moment lang kostete ich noch einmal diese Szene aus, als sie im Eingang der Kuppel gestanden und mich beschrieben hatte. Doch dann erinnerte ich mich daran, was sie später erzählt hatte. Ja, sie hatte einen Umweg in Kauf genommen, sie hatte sich wegen mir zu Udiko getraut. Aber in der Gegend war sie ohnehin gewesen, sehr weit hatte sie es also nicht gehabt. Daheim in Colaris war es anscheinend noch immer ein heißes Thema, dass ich Udikos Lehrling geworden war. Vielleicht war sie einfach neugierig gewesen.

Dieser Gedanke schmerzte wie ein Messerschnitt. Ich brachte es kaum über mich, mir die nächste Frage zu stellen. Schon oft hatte ich darüber gegrübelt, warum Lourenca mich verlassen hatte, dann aber versucht, es lieber ganz zu vergessen. Nun, mit ein paar Monaten Abstand, fiel es leichter, darüber nachzudenken. Vielleicht wollte sie mich nicht mehr, weil ich sie zu sehr geliebt hatte – es wurde ihr zu ernst. Und im Grunde hatten wir nicht wirklich zusammengepasst.

Lourenca neigte zur Schwermut, ihre Launen wechselten wie das Wetter. Sie mochte es, wenn ich sie zum Lachen brachte, wenn ich ihr Dinge zeigte, die sie staunen ließen über die Welt, die uns umgibt. Inzwischen aber hatte ich begriffen, dass das, was mich bis ins Innerste faszinierte, für sie nur eine nette Abwechslung war, die man anschaute und wieder vergaß. Jarco war – so wie ich – beliebt in der Gegend, aber größer und stärker. Er hatte ein eigenes Auslegerboot und nicht ständig ein neues, eigenartiges Tier über der Schulter hängen. Sie hatte Spaß daran gehabt, Jarco und mich gegeneinander auszuspielen, wurde mir klar. Wie ein Kind, das aus Übermut ein Schneckengehäuse zerbricht, mit dem es eben noch gespielt hat.

Ich wusste, was Udikos dritte Frage bezweckte. Dahinter lauerten andere Fragen, auch sie gefährlich. Will sie, dass es mir gut geht? Ist ihr das so wichtig wie ihr eigenes Glück? Wenn ja, warum bittet sie mich dann, etwas zu tun, was so schlimm für mich ist?

Ich gab mir die Antwort, und ich war ehrlich mit mir selbst. Nein, Lourenca hätte das für mich nicht getan. Und ich wäre auch nie auf die Idee gekommen, sie darum zu bitten.

Lautlos stand ich auf, ging in mein Zimmer und packte mein Reisebündel wieder aus. Die Muschel legte ich zurück an ihren Platz. Dann zog ich meine Schwimmhaut an, um zum Treffpunkt zu tauchen – und Lourenca zu sagen, dass ich nicht mit ihr kommen würde.

Bewährungsprobe

Lourenca war verärgert, als ich ihr absagte, und ließ eine spitze Bemerkung über Chancen fallen, die ich verpasste. Aber wirklich traurig schien sie nicht. Wahrscheinlich würde sie die ganze Sache in ein paar Tagen vergessen haben. Ich war sehr froh, dass ich Udikos Rat gefolgt war.

Jemand, der mich und meinen Meister nicht gut kannte, hätte wahrscheinlich nur wenige Veränderungen bemerkt. Udiko war immer noch genauso knurrig, und ich stellte weiterhin unverschämte Fragen, wenn mir danach zu Mute war. Doch die Sache mit Lourenca hatte etwas zwischen uns verändert. Mir wurde dadurch klar, wie sehr er mich mochte. Es hätte ihn keine drei Atemzüge und einen Fluch gekostet, unsere Muschel zu zerbrechen und mich als misslungenes Experiment abzuschreiben. Stattdessen hatte er mir ein Stück seines Lebens geschenkt. Er wiederum wusste nun endgültig, was die Lehre bei ihm mir bedeutete.

Wir hatten keine Geheimnisse mehr voreinander, und das war gut so.

Von diesem Zeitpunkt an machte ich rasante Fortschritte. Ich war wie Udiko damals – besessen. So muss sich ein Vogel fühlen, der zum ersten Mal seine Schwingen ausbreitet und die Kraft zu fliegen in sich spürt. Udiko merkte es und gab mir immer schwierigere Aufgaben. Sicher auch, um mich von meinem Kummer abzulenken.

Er zeigte mir die Geheimnisse der Riesentangwälder, der Blutseen und der berühmt-berüchtigten Süßwasser-Riffe von Celican. Alleine hatte ich mich nie dorthin getraut, denn an diesen Orten gab es Wesen, die einen schneller töten konnten, als man zu blinzeln vermochte. Und natürlich übernahmen wir zahllose Suchen: Udiko und ich halfen einem Resteräumer, der sich von einem Heer Kampfkrabben überall hin begleiten ließ, seine Ehre wiederherzustellen; einem fetten Jägerfischverleiher, die Quelle seiner Albträume zu finden; einem Künstler, Glut aus einem unterseeischen Vulkan zu holen; und einem jungen Liebenden, die schwarze Perle zu finden, die seine Angebetete sich schon lange wünschte.

»Sag mal, Udiko – wenn du weißt, wo schwarze Perlen zu finden sind ... warum holst du dir dann nicht selber ein paar?«, fragte ich meinem Meister, als wir in einem heißen Schwefelsee lagen und uns von den Anstrengungen der Suche erholten.

»Wozu?«, fragte der Große Udiko zurück.

Ja, wozu? Er hatte längst alles, was er zum Leben brauchte.

Im Gegensatz zu mir. Ich tauchte noch einmal allein in die Unterwasserhöhlen der Riinanja, in denen wir fündig geworden waren, und holte vier Perlen hoch – eine für jede meiner Schwestern, eine für meine Oma, und eine für mich, als Glücksbringer.

»Stimmt es eigentlich, dass die Dinger Heilkräfte haben?«, fragte ich später, als ich ein Loch in die Perle bohrte und einen Silberfaden hindurchzog, um sie um den Hals tragen zu können.

»Schön wär's«, erwiderte Udiko. »Aber an deiner Stelle würde ich nicht drauf hoffen. Ich habe mal ein paar Winter lang eine getragen, und meine Rückenschmerzen waren schlimmer denn je.«

In den Höhlen zu tauchen, war schwierig, aber bei den meisten Aufträgen musste ich eher meinen Kopf als meine Schwimmkünste einsetzen. Außerdem brachte Udiko mir bei, durch die Augen von anderen zu sehen. Dazu musste ich in die Siedlung schwimmen und mir fünf Leute herauspicken. Jeden beobachtete ich so lange, bis ich mich in ihn hineindenken konnte. Erfüllt hatte ich die Aufgabe, wenn ich es bei jedem geschafft hatte vorauszusehen, was er als Nächstes tun würde.

Ich sollte früher Gelegenheit haben, diese neue Fähigkeit anzuwenden, als mir lieb war. Kurz nach meinem ersten Unterricht im Durch-andere-Augen-Sehen wurde Udiko zum Hohen Rat eingeladen; dort legte gerade ein neues Ratsmitglied, eine Frau namens Ujuna, ihren Eid ab. Angeblich stammte sie direkt vom Sturmläufer ab, dem mythischen Helden des Seenlands. Von Udiko als einer der wichtigen Persönlichkeiten von Vanamee wurde erwartet, dass er sich ihr persönlich vorstellte. »Darauf habe ich in etwa so viel Lust wie auf einen Ringkampf mit einer Raubqualle«, brummte er, als er seine weniger abgewetzte Ersatzschwimmhaut und seine besten Trockensachen heraussuchte. »Wahrscheinlich werde ich eine Woche lang weg sein. Schaffst du es, hier die Stellung zu halten?«

Ich war sauer darüber, dass er mich nicht mitnahm. Deshalb nickte ich schweigend und streichelte den Salamander, der sich in meine Halsbeuge schmiegte.

Udiko grinste. Natürlich wusste er, was ich dachte. »Nächstes Mal, in Ordnung?«, sagte er und verschwand durch den Eingang in den See.

Ich war noch nicht oft allein in unserer Wohnkuppel gewesen. Sie schien sehr still und leer zu sein ohne Udiko. Am nächsten Morgen blieb ich zum ersten Mal einfach auf meiner Seegrasmatte liegen, statt aufzustehen. Erst, als die Sonne hoch am Himmel stand und Lichtlinien auf dem Boden der Kuppel tanzten, kroch ich aus dem Bett. Udiko hatte mir für die Zeit, die er weg war, keine Aufgaben gestellt. Genau genommen hatte ich zum ersten Mal frei, seit ich sein Lehrling geworden war.

Plötzlich wusste ich nichts mit mir anzufangen. Nicht mal Lust zu frühstücken hatte ich. Rauszuschwimmen lockte mich auch nicht, das Wetter war nicht besonders, es war kühl, und ein dicker Wolkenteppich begann aufzuziehen. Ich behielt meine Trockensachen an, lag auf dem Bett, gähnte und dachte mal wieder an Joelle. Ein gutes Zeichen; vielleicht bedeutete es, dass ich endlich über Lourenca hinweg war ...

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