Weil ich gerade nach oben starrte, sah ich durch die dünnen Wände, wie jemand mit nervösen Bewegungen zu unserer Kuppel heruntertauchte. Hm, das sah nach einem neuen Auftrag aus!
Es war eine Frau aus dem Dorf. »Ist Udiko da?«, keuchte sie. »Es ist dringend!«
»Nein, er ist beim Rat«, antwortete ich und blickte sie besorgt an. »Was ist denn passiert?«
»Eine Luft-Gilden-Familie hat uns um Hilfe gebeten ... Ihr acht Winter alter Sohn ist mit seinem besten Freund zu uns ins Seenland ausgerissen ... Sie haben eines der Kanus des Rats genommen ...«
»O je«, sagte ich. Weil der Rat wenig Interesse daran hatte, dass Fremde in die Provinz kamen, wurden diese an der Grenze vertäuten Kanus nicht gut gepflegt. Sie waren alle ziemlich morsch. »Können die beiden schwimmen?«
»Nicht besonders. Zuletzt sind sie heute Früh in der Gegend von Yanai gesichtet worden, aber inzwischen sind sie verschwunden. Das Kanu haben wir gefunden, aber es war leer. Wir schicken gerade Boten in alle Richtungen aus, damit alle Leute aus den umliegenden Siedlungen suchen helfen.«
»Brackwasser!« Ich merkte, dass mein Herzschlag sich beschleunigte. Das war ein schwieriger Auftrag – und ein lebenswichtiger. Ausgerechnet jetzt war Udiko nicht da! Beunruhigt blickten wir uns an.
»Moment«, sagte ich und rannte zurück, um meine Schwimmhaut anzuziehen und zwei Leuchtstäbe einzustecken. Dann tauchten wir hoch zur Oberfläche und schwammen gemeinsam Richtung Yanai, so schnell wir konnten. Das war der einzige Glücksfall bei der ganzen Sache: In Yanai kannte ich mich aus.
Stumpf und bleigrau wogten die Seen um uns herum, und die Inseln und Landbrücken wirkten wie die dunklen Rücken von Tieren, die sich ins Wasser duckten. Ab und zu fegte ein kalter Windstoß heran und peitschte die Wellen noch höher. Normalerweise hatte ich Spaß daran, mich von den Wogen tragen lassen – je höhere die Wellengöttin Kinona schickte, desto besser –, aber diesmal blickte ich beunruhigt zum Himmel, über den dunkle Wolken eilten. Hoffentlich würde es keinen Sturm geben. Dann hätten die beiden Jungs kaum noch eine Überlebenschance. Wenn sie überhaupt noch am Leben waren. Nachdem das Kanu leer gefunden worden war, waren sie vermutlich über Bord gefallen und ertrunken. Hätten sie doch nur die Inschrift an allen Grenzbrücken beachtet: Ihr betretet jetzt das Gebiet der Wasser-Gilde. Fremde, nehmt euch in Acht! Wer hier nicht hergehört, der wird bitter büßen!
Ich meldete mich beim Kommandanten von Yanai, um mich auf eine Position einteilen zu lassen. »Am besten gebt Ihr mir einen Abschnitt, in dem's tief ist – ich stamme aus Colaris«, erklärte ich hastig und erwähnte nicht, dass ich der Lehrling von Udiko war. Schließlich war ich das erst seit ein paar Monaten, Sucher konnte ich mich noch lange nicht nennen.
»Gut, dann hilfst du im westlichen Teil.« Besorgt blickte der Kommandant zum Himmel, und auf seinem Gesicht mischten sich Regen- und Seewasser.
Die Gegend wimmelte von Leuten, aus allen Siedlungen waren sie gekommen, um zu helfen – auch zwei Sucher waren dabei, die ich vom Sehen kannte. Leider verdienten sie ihren Lebensunterhalt fast nur damit, Händler zu Korallenbänken zu führen. Den Ehrgeiz, schwierige Aufträge zu lösen, hatten sie nicht.
Ich schwamm und tauchte mit den anderen Helfern und suchte zwischen den Wellen und in den Tiefen nach den Kindern, während andere sich auf den Inseln umschauten. Das aufgewühlte Wasser war trübe, und wir kamen nicht besonders gut voran. Und noch immer keine Spur von den Jungen, ob tot oder lebendig. Wenn Udiko hier wäre, hätten wir vielleicht eine Chance, dachte ich verzweifelt und wünschte, ich hätte mehr gelernt, schneller gelernt, wäre ein richtiger Sucher.
Inzwischen war der eisige Wind stärker geworden, und die Wellen wurden noch höher. Ich hatte schon gut zwanzig lange Tauchgänge hinter mir und ließ mich einen Moment lang treiben, um auszuruhen. Dabei bemerkte ich die Blitze. Erst zeichneten sie sich nur als Leuchten am Horizont ab, und zu hören war nichts. Doch das blieb nicht so. Schon bald krachte der Donner über die Seen von Yanai wie Faustschläge eines wütenden Gottes; der Regen prasselte hart auf uns herab. Kurz darauf machte unter den Helfern die Nachricht die Runde: »Wir brechen ab! Lonzo sagt, wir müssen abbrechen, bis der Sturm vorbei ist!«
Niedergeschlagen blickten wir uns an. Wir wussten alle, dass sich das Wetter noch die ganze Nacht austoben würde – und dass es morgen Früh zu spät sein würde.
Nach besorgten Blicken zum Himmel begannen die Männer und Frauen um mich herum, in Richtung der nächsten Siedlung zu schwimmen. Halbherzig folgte ich ihnen. Doch ich konnte nicht aufhören, an die beiden Kinder zu denken, mich zu fragen, was mit ihnen passiert war. Instinktiv machte ich mich noch einmal bereit zum Abtauchen.
Jemand packte mich am Arm. »He, du! Hast du nicht gehört, Junge – bring dich besser in Sicherheit!«
Ein wildes Chaos von Gefühlen erfüllte mich, während ich den Helfer anstarrte. Bilder rasten durch meinen Kopf. Eiskalter Regen, der über eine Insel peitscht, ein Junge, der zusammengekauert wartet, dass es vorübergeht ... Ein kleines Mädchen, das mit dem Gesicht nach unten im Wasser treibt ... Zwei Kinder, die aus einem Kanu ins Wasser kippen, verzweifelt um sich schlagen ...
Ich riss mich los und tauchte ab.
Als ich wieder heraufkam, war ich allein in den grauen Wellen. Alle anderen waren in ihre Luftkuppeln zurückgeschwommen.
Mein Atem ging in Stößen, und mein Herz hämmerte wie wild. Ich fragte mich, was mit mir los war. Allein hatte ich keine Chance, in diesem riesigen Gebiet die beiden Kinder zu finden. Und wenn in meiner Nähe ein Blitz ins Wasser einschlüge, wäre es aus mit mir. Aber ich schaffte es nicht, aufzugeben. Udiko hätte weitergesucht, dachte ich. Er hätte nicht abgebrochen. Nicht, wenn es um das Leben eines Kindes ging.
Als ich an meinen Meister dachte, erschrak ich. Mir wurde auf einen Schlag klar, dass ich einen großen Fehler begangen hatte. Ich hatte mich einfach den anderen Helfern angeschlossen, mich einteilen lassen, statt wie ein Sucher zu denken und zu handeln. Wenn diese Kinder jetzt noch starben, dann war es meine Schuld!
Sofort brach ich das Tauchen ab, es war sinnlos. Ich gab ein wenig Luft in meine Schwimmhaut, ließ mich kurz von den Wellen wiegen und versuchte, zur Ruhe zu kommen. Dann erst begann ich nachzudenken und das anzuwenden, was Udiko mich gelehrt hatte. Lautlos bat ich Kinona um ihren Schutz, schloss die Augen und versuchte, mich in einen der Jungen hineinzuversetzen – ein Kind, das zur Luft-Gilde gehörte, das völlig anders dachte als ich; dem fester Boden Heimat war und Wasser fremd und unangenehm erschien, nicht umgekehrt wie mir.
Ich paddle entlang, aufgeregt, ein bisschen unruhig. Besorgt sehe ich, wie sich das Wetter verschlechtert. In der Ferne sehe ich einen Erwachsenen schwimmen. Schnell versuche ich, das Boot hinter eine Insel zu bringen, damit er uns nicht erwischt. Allmählich gefällt mir das Abenteuer nicht mehr. Die Wellen werden höher, und ich habe Angst, ins Wasser zu fallen. Wir legen an der Insel an. Aber inzwischen hat es angefangen zu regnen. Ich versuche, den Wind zu beruhigen, aber er ist zu stark für mich. Wir suchen einen Unterschlupf, steigen aus ... Das Kanu wird abgetrieben, wir schaffen nicht, es zurückzuholen ...
»Natürlich – sie haben sich einen Unterschlupf gesucht!« Ich schrie es fast hinaus. Sicher hatten die Helfer alle Inseln längst abgesucht, und Verstecke waren dort rar. Aber es gab ein paar Höhlen, die nicht jeder kannte und die ich durch Zufall beim Beobachten von Tieren entdeckt hatte. Ob die Helfer auch die überprüft hatten? Vielleicht nicht. Viel zu lange hatten wir einfach angenommen, dass die Kinder aus dem Kanu gefallen waren und irgendwo zwischen den hohen Wellen herumpaddelten!
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