1 ...8 9 10 12 13 14 ...20 »Morgen Früh, wenn die Sonne eine Handhoch über dem Horizont steht.« Sie schilderte mir, wo ich sie finden könnte, dann verabschiedeten wir uns zärtlich, und ich machte mich auf den Rückweg zu Udikos Luftkuppel. Ich war so in Gedanken versunken, dass ich nicht aufpasste und mitten durch einen Schwarm von Kobrafischen schwamm. Das hätte übel ausgehen können, doch ich hatte Glück – keiner von ihnen stach mich. Verdutzt über meine Dreistigkeit glotzten sie mich an. Ich machte mich davon, so schnell ich konnte.
Lange quälte ich mich mit der Frage, was ich tun sollte. Doch schließlich traf ich eine Entscheidung. Ich würde zurückkehren, um meine Sachen zu holen – und dann würde ich mit Lourenca gehen. Wohin auch immer sie wollte.
In der Luftkuppel unter dem See war es sehr still. Ich nahm mir kaum die Zeit, meine Schwimmhaut trocknen zu lassen, sondern tappte direkt zu meinem Zimmer. Der Buntalgenteppich atmete gerade, er fühlte sich kühl unter meinen bloßen Füßen an. Schnell packte ich meine Besitztümer in meine Tasche. Das Messer mit dem weißen Griff, den ich mir aus einer Feenkoralle geschnitzt hatte, eine gravierte Essschale, die mir meine Mutter gemacht hatte, meine Winterschwimmhaut und die Trockensachen – eine lockere und eine förmliche Tracht.
Die silberne Statue des Tass beobachtete mich dabei. Udiko hatte mir erlaubt, sie in mein Zimmer zu stellen. Ich ließ meine Fingerspitzen darüber gleiten, und der Gedanke, dass es das letzte Mal sein würde, tat weh ...
»Du wirst also gehen«, sagte eine Stimme.
Der Große Udiko stand zwischen den Stoffbahnen, welche die Zimmer voneinander trennten. Er wirkte grimmig ernst.
»Ich kann nicht anders«, stieß ich hervor.
Irgendwie hatte ich erwartet, dass er mich wütend zur Rede stellen würde. Mich an mein Versprechen erinnern würde. Mich verfluchen würde, weil er schon so viel Arbeit in mich gesteckt hatte. Aber er tat nichts dergleichen. »Dann werde ich das akzeptieren«, sagte er stattdessen. »Komm, wir trinken zum Abschied einen Kanov. Bevor wir die Muschel zerbrechen.«
Die Muschel. Ja, das mussten wir noch tun. Aber der Gedanke daran war fast unerträglich.
Wir gingen in den Wohnraum und setzten uns mit gekreuzten Beinen auf den Teppich, die Muschel zwischen uns. Die beiden Leuchttierchen beobachteten uns. Eines von ihnen kratzte sich gelangweilt mit dem Hinterbein zwischen den Ohren.
Schweigend schenkte Udiko uns ein. Ich hielt das winzige Glas mit dem Kanov zwischen Zeige- und Mittelfinger, wie es Sitte war, und dachte über einen Trinkspruch nach. Aber mein Kopf war wie leergefegt – bis auf die Bilder von Lourenca, die sich darin eingenistet hatten.
»Habe ich dir eigentlich mal erzählt, warum ich Sucher geworden bin?«, fragte Udiko. Ich schüttelte den Kopf. Er wusste verdammt genau, dass er mir das nie erzählt hatte. Wieso tat er es jetzt?
»Ich war zwölf Winter alt, meine kleine Schwester Liri vier.« Udikos Stimme klang schwer und langsam. »Weil meine Eltern viel in ihren Algengärten unterwegs waren, musste ich oft auf sie aufpassen. Aber in diesem Sommer war ich zum ersten Mal verliebt. Bei einem Ausflug war ich einen Moment lang abgelenkt, habe nicht auf meine Schwester geachtet. Sie war weg. Erst zwei Tage später haben wir sie gefunden. Ertrunken.«
Erschüttert blickte ich ihn an. Ich habe selbst zwei Schwestern. Beide sind älter als ich, aber ich konnte mir trotzdem gut vorstellen, wie schlimm es damals für Udiko gewesen sein musste. »Es war falsch von Euren Eltern, Euch so eine Verantwortung zu übertragen. Ihr hattet ein Recht auf ein eigenes Leben.«
»Ja. Aber was nützt einem das, wenn es zu spät ist? Ich hätte Liri finden müssen. Rechtzeitig.« Er schenkte sich noch einen Schnaps ein und stürzte ihn hinunter. »Seit damals brannte es in mir. Meine Eltern wollten, dass ich ihre Algengärten pflege. Aber ich bin bei einem Sucher in die Lehre gegangen. Ich hatte Glück. Er konnte mir Vieles beibringen. Alles Weitere habe ich mich selbst gelehrt.«
»Selbst gelehrt?«
»Ja. Ich habe alles ausprobiert, und das, was geklappt hat, übernommen. Es so lange geübt, bis es ging. Tagelang, wochenlang. Monatelang. Ich war besessen damals. Aber das hat mich gerettet, Kleiner, das hat es.«
Wie gebannt hörte ich ihm zu. Wahrscheinlich hatte er all das noch nie jemandem erzählt. Sonst hätte es Geschichten darüber gegeben, oder zumindest Gerüchte.
»Der Tod ist ein seltsamer Genosse«, sagte Udiko. »Er zeigt dir, was wichtig ist. Manche Dinge, die man verloren hat, findet man niemals wieder – und wenn man das weiß, dann hält man sie fest, so lange man kann.«
Ja , dachte ich. Wenn ich gewusst hätte, dass meine Mutter schon so bald sterben würde, hätte ich vielleicht ... Ich hätte ihr weniger Ärger machen, ihr öfter sagen können, was sie mir bedeutet ...
Ich merkte, dass meine Augen sich mit Tränen füllten. Und fing an zu reden.
Ich erzählte ihm alles. Wie schön meine Mutter gewesen war, und wie stolz ich auf sie gewesen war, wenn mal wieder eine ihrer Aufführungen die Gegend begeistert hatte. Wie hilflos ich mich gefühlt hatte, als eine Epidemie der Rotpocken in unserer Gegend ausgebrochen und sie krank geworden war. Wie schlimm es gewesen war, dass niemand mir gesagt hatte, wie es wirklich um sie stand. Wie wenig Trost es in meiner Familie gegeben hatte. Meine Schwestern hatten bald darauf an anderen Orten ihre Lehre begonnen, und mein Vater war ein strenger, stolzer Mann, der ungern über Gefühle redete.
Udiko unterbrach mich nicht. Er hörte einfach zu, nickte hin und wieder. Nachdem ich einmal angefangen hatte, konnte ich nicht mehr aufhören. Ich erzählte ihm von Lourenca, wie viel sie mir bedeutete, wie wir zusammen geschwommen waren. Wie ich sie an Jarco verloren hatte, mit dem ich damals ständig herumgehangen und Blödsinn gemacht hatte. Auch ihn zu verlieren, war schwer gewesen, aber ich hatte es nicht ertragen, die beiden zusammen zu sehen.
Plötzlich fragte ich mich, wie Udiko nach dem Tod seiner Schwester mit Frauen klargekommen war. Hatte er unbewusst seiner ersten Freundin die Schuld daran gegeben, was passiert war? Hatte er deswegen so darauf bestanden, dass ich mich während der Lehre bei ihm von Mädchen fernhielt? »Ihr habt nie mit einer Partnerin den Bund geschlossen, oder?«
»Nein. Ich habe nie jemanden gefunden, der mir so viel bedeutet hätte. Aber ich habe auch nicht besonders intensiv nach der Liebe gesucht. Es gab andere Dinge in meinem Leben.«
»Was war Euch wichtig?«
»Zu suchen. Zu finden. Das ist meine Bestimmung in dieser Welt.«
Auf einmal klangen Janors Worte in meinem Ohr. Du bist ein Suchender. Immer und immer wieder . Plötzlich fühlte ich mich verzweifelter denn je. Ich war anders als Udiko. Ohne Liebe konnte ich nicht leben. Aber ich war auch ein Sucher, so wie er. Schon jetzt, nach diesen wenigen Wochen, wusste ich das. Mein Blick fiel auf die Muschel, die zwischen uns lag. Ich wusste nicht, ob ich es über mich bringen würde, sie zu zerbrechen. »Gebt mir einen Rat, Udiko – Brackwasser, was soll ich tun?«
»Ich kann dir keinen Rat geben, Kleiner. Du würdest ihn nicht annehmen.« In Udikos Stimme schwangen Unruhe und Sorge mit. Er sah mir in die Augen, und ich begegnete seinem Blick, wich ihm nicht aus. Vielleicht sprach er deshalb weiter. »Aber ich gebe dir ein paar Fragen, die du dir stellen kannst. Wenn du ehrlich mit dir selbst bist und dich nicht mit einfachen Antworten zufrieden gibst, werden sie dir den Weg weisen. Bist du einverstanden?«
Ich nickte.
»Es sind nur drei Fragen. Die erste: Warum ist sie hier? Die zweite: Warum hat sie dich damals verlassen? Und die dritte: Würde sie für dich das Gleiche tun, was du jetzt für sie tun willst?«
Damit ließ er mich allein. Ich streckte mich auf dem Buntalgenteppich aus und starrte zur Wasseroberfläche. Inzwischen war es stockduster dort oben, alle drei Monde waren wieder untergegangen. Wir hatten die ganze Nacht geredet. Bis zur Dämmerung musste ich mich entscheiden.
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