Erschrocken fuhr das Mädchen hoch. Doch als es die Katzenfrau erkannte, entspannte es sich etwas und versuchte ungeschickt, sich die Tränen aus dem Gesicht zu wischen. »Ach, du bist es. Ich habe dich lange nicht mehr gesehen.«
»Was ist los?«, wiederholte Mi'raela. Jetzt fiel ihr auch wieder der Name des Mädchens ein. Jini. Sie trug ein Amulett der Luft-Gilde.
»Ach, eigentlich nichts Besonderes.« Jini zuckte mit den Schultern. »Ich ... fühle mich nur so schrecklich. Den ganzen Tag muss ich in den Küchen oder in der Wäscherei helfen, und da haben sie mich ausgeschimpft, weil ich so was nie gelernt und Vieles falsch gemacht habe. Ich bin einfach zu nichts nutze! Halt so ein blödes Findelkind.«
»Das ist genug zum Unglücklichsein, finde ich«, meinte Mi'raela. Sie hasste es selbst, wenn sich jemand lustig über sie machte. Das war schlimmer als ein Fußtritt.
Jini seufzte tief. »Vielleicht sollte ich weglaufen. Am besten nach Nerada, das ist die Provinz meiner Gilde, weißt du?«
»Ich komme aus Alaak«, verriet Mi'raela, und plötzlich war die alte Sehnsucht wieder da. Sie biss genauso ins Herz wie früher. »Aus dem Roten Wald oben an der Nordgrenze – deshalb haben viele aus meiner Sippe orangefarbenes Fell, das tarnt gut.«
»Apropos Fell«, meinte Jini und versuchte ein Lächeln. »Was hast du mit deinem gemacht, Waldkatze? Sieht irgendwie ... äh ... seltsam aus.«
»Das liegt daran, dass Schrillstimme mir Brennwasser drübergegossen hat – Brennwasser. Es geht nicht raus.«
»Brennwasser? Ach, Öl meinst du.« Jinis Tränen waren versiegt. »Weißt du was? Ich schmuggele dich heute Nacht in den Waschkeller ein, die haben dort Wacholdersud, damit bringen wir das ruckzuck wieder in Ordnung.«
»Oh ... Das wäre nett!«
Erst viel später, als ihr Fell wieder sauber war, fiel Mi'raela ein, dass sie ganz vergessen hatte, sich dem Mädchen gegenüber dumm zu stellen. Jetzt wusste eine Menschenwelpin, dass sie gut Daresi verstand und sprach. Wie hatte sie nur so unvorsichtig sein können?
* * *
Mein erster Sommer mit dem Großen Udiko ging so schnell herum, dass ich mich nachher fragte, wo die Zeit geblieben war. Wenn ich nicht mit ihm auf einer Suche unterwegs war und übte, wie man sich nach den Sternen orientiert oder wie man die richtigen Fragen stellt, kümmerte ich mich meistens um unsere neuen Mitbewohner. Zu ihnen gehörten ein Otter, den ich in einem Nachbarsee halb tot gefunden hatte und gesund pflegte, ein Langzeh-Lurch, den mir ein Besucher geschenkt hatte, und ein großer Purpurkrebs. Er hatte mich adoptiert. Oder ich ihn. Das kam aufs Gleiche raus.
Udiko hatte darauf bestanden, dass ich die Karo-Natter wieder in den See zurückbrachte, und fluchte, wenn er über den Krebs stolperte. Ansonsten verlor er kaum ein Wort über meine Gäste. Erst, als ich ihm meine neuste Errungenschaft vorführte, einen jungen Skagarok, der von seinen Eltern verstoßen worden war, platzte ihm der Kragen. Ich war stolz darauf, dass ich dem zunächst sehr scheuen und wilden Küken beigebracht hatte, auf Kommando mit den Flügeln zu schlagen, aber Udiko knurrte nur: »Wenn du Zeit für so was hast, muss ich dich wohl mit mehr Aufgaben eindecken. Das Vieh kommt weg, und zwar sofort! Ich habe keine Lust, seine Krallen im Gesicht hängen zu haben, wenn es mal Hunger kriegt.«
»Aber er ist noch viel zu jung, um alleine zu überleben!«, wandte ich ein.
»Dann landet er eben im Kochtopf. Mit einer Küstenkressesauce schmeckt er bestimmt prima.«
Betrübt baute ich dem Küken einen Unterschlupf draußen auf der Landbrücke und besuchte es dort jeden Tag. Noch sah es aus wie ein schwarzer Flaumball, hatte unschuldige gelbe Augen und die runde Schnauze eines Welpen – später einmal würde es die großen Schwingen, den Wolfskopf und die handlangen gebogenen Krallen seiner Art besitzen. »Bin gespannt, ob du später tatsächlich mal versuchst, mich anzuknabbern«, sagte ich zu ihm, und es bettelte mit aufgesperrtem Mäulchen um Futter.
Vielleicht als Belohnung dafür, dass ich die Kinder gefunden hatte, nahm mich Udiko am Ende des ersten Sommers zum ersten Mal auf eine Traumsuche mit.
Ich spürte sofort, dass die Besucherin etwas Besonderes war. Es war eine ernste, einfach gekleidete junge Frau, die nur zögernd über unsere Schwelle trat. Auch Udiko schien zu merken, dass dies kein gewöhnlicher Auftrag werden würde, und behandelte die junge Frau nicht so schroff wie andere Ratsuchende.
»Mein Name ist Sjava«, stellte sie sich schüchtern vor. »Ich war noch nie bei einem Sucher, aber nach dem Traum letzte Nacht musste ich einfach herkommen.«
»Was war das für ein Traum?«, fragte Udiko ernst. »War er ... besonders echt?«
»Ja, es war alles unglaublich wirklich . Ich ging übers Wasser, im Traum konnte ich das. Ich ging auf eine Insel zu, die weiß schimmerte und von Nebel umgeben war ... Und von der Insel klang Gesang herüber, wie ich ihn noch nie gehört habe«, erzählte die junge Frau. »Als ich auf der Insel ankam, stellte ich fest, dass sie in den Wolken lag; ich blickte tief auf das Seenland hinunter. Es waren die Wolken, die sangen. Ich griff mit der Hand nach ihnen und fing ein kleines Stück Wolke ein, aß davon ... und fühlte mich unglaublich glücklich.« Auf dem Gesicht der Besucherin lag ein entrückter Ausdruck.
Ich hörte fasziniert zu, war aber gleichzeitig verwirrt. Was erwartete die Frau von uns? Es war doch nur ein Traum gewesen, mehr nicht ...
Doch Udiko schien das anders zu sehen. »Welche Form hatte die Insel? Was wuchs darauf?«, bohrte er weiter. Er stellte viele Fragen, und die junge Frau antworte, so gut sie konnte.
Schließlich verkündete Udiko: »Ich glaube, ich weiß, welche es gewesen sein könnte.« Schnell zeichnete er eine Karte in unsere große sandgefüllte Schale. »Diese hier. Caris Jalia. Zwei Tagesreisen im Westen.« Er blickte auf. »Möchtet Ihr, dass wir Euch begleiten?«
Schnell nickte die junge Frau. Sie lächelte unsicher. »Ja. Das wäre gut, glaube ich.«
Wir brachen sofort auf und ließen sogar das halb fertige Abendessen in der Küche stehen. Aufgeregt folgte ich Udiko und der Frau an die Wasseroberfläche. Ich hatte nicht gewusst, dass auch so etwas zu den Aufgaben eines Suchers gehörte. Anscheinend war mehr an dieser Berufung, als ich geahnt hatte ...
Die Frau besaß ein kleines Boot mit einem vielfach geflickten Segel. Da der Wind günstig wehte, kamen wir schnell voran. Udiko und ich lösten uns am Steuer ab, und da wir Tag und Nacht fuhren, waren wir bald am Ziel. Wir näherten uns der Insel im Morgengrauen. Sie lag im Nebel, und die ersten Sonnenstrahlen hüllten ihre Umrisse in goldenes Licht.
Ich holte die Segel ein, und das schmale Boot glitt lautlos auf die Insel zu. Keiner von uns sprach. Udiko und ich beobachteten die junge Frau, die wie gebannt zur Insel hinüberblickte. Als das Boot den Bug knirschend in den Kies bohrte, wollte ich an Land springen, doch Udiko hielt mich am Arm zurück und schüttelte den Kopf.
Sjava beachtete uns nicht länger. Sie hielt den Blick auf die Insel gerichtet, kletterte aus dem Boot, ohne sich noch einmal umzusehen, und verschwand in dem dichten Wald, der die Insel bedeckte.
Wir warteten lange. Stille lag über dem See. Ein Fisch sprang und zeichnete Wellenringe auf die glatte, von der Frühsonne vergoldete Oberfläche. Das Segel flappte im leichten Wind, und Udiko band es zurück. Wir sprachen kein Wort.
Schließlich kam Sjava zurück. Ihre Augen leuchteten. »Wir können fahren«, sagte sie.
Als wir uns ein Stück von der Insel entfernt hatten, hielt ich es nicht mehr aus. »Was habt Ihr dort gefunden?«, fragte ich Sjava.
Langsam schien die junge Frau zu erwachen, wieder in die normale Welt zurückzukehren. »Mein Leben«, erwiderte sie, und mehr Fragen beantwortete sie mir nicht.
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