„Es ist höchste Zeit, dass wir das ändern. Willst du mitkommen? Ich lade dich zu einem Plausch ein. Ich kann dich mit Granatapfelsaft bewirten. Dass du Granatapfelsaft gern trinkst, hat sich herumgesprochen. Du giltst als komischer Kauz, weißt du? Dass du nichts Alkoholisches trinkst, finden einige sehr schräg. Und dein Sportfimmel kommt einigen urkomisch vor.“ „Na, damit werde ich mich wohl abfinden müssen. Das ist die geringste meiner Sorgen.“ „Und was ist? Kommst du mit mir auf einen Plausch mit? Ich würde dich gern näher kennen lernen und außerdem müssen wir unsere Zusammenarbeit planen.“
„Das wäre reizend, aber ich finde den Tambourmajor, mit dem du zusammenwohnst, ziemlich einschüchternd, um im Bild zu bleiben. Er ist imposant und geradezu furchteinflößend.“ „Ach, du meinst den Rechtsanwalt Lewis Mercer. Der Steueranwalt ist zurück in seine Wohnung nach Denver gezogen. Die meisten seiner Kunden hat er dort. Er hat bei mir nur ein kurzes Gastspiel gegeben. Es wurde ihm bei mir zu langweilig. Ich rede ungern die ganze Zeit über Abschreibungsmöglichkeiten. Kannst du dir das vorstellen? Es gibt Menschen, die sich brennend für Steuerschlupflöcher interessieren. Wie ich mich von seinem guten Aussehen blenden lassen konnte, ist mir schleierhaft. Die ganze Affäre ist mir peinlich.“
„Bist du jetzt auf der Suche nach neuer männlicher Unterhaltung?“ „Nun, hör mal. Nicht frech werden. Und wenn dem so wäre? Du willst Klartext reden? Dann legen wir los. Ja, ich finde dich interessant und attraktiv. Ich sage es gerade heraus. Wenn das für dich ein Problem ist, sag es gleich und ich werde dich in Ruhe lassen. Haben wir uns verstanden?“ Rick lachte laut los. „Du bist eine kleine Furie, was? Na, dann gehen wir schon und besaufen uns mit Granatapfelsaft.“ „Ich bin keine Kleine und feurig gefiele mir besser als Furie.“ „Wenn du feurig bist, so hoffe ich, dass ich mich nicht verbrennen werde.“ „Ich glaube, ich kann jeden möglichen Brand bei dir löschen.“
„Das Gespräch wird immer anzüglicher. Das Terrain wird mir immer schlüpfriger. Du musst wissen, dass du es im Grunde genommen mit einem unerfahrenen Unschuldslamm zu tun hast.“ „Vielleicht kann ich dir manches beibringen.“ „Daran besteht überhaupt kein Zweifel. Davon bin ich überzeugt.“ „So, mein Unschuldslamm, wir sind bald beim Schlachthaus angekommen. Ich versuche den Vorgang so schmerzfrei durchzuziehen wie möglich.“ „Ach, du Feurige, können wir mit dem Flachsen aufhören. Erstens strengt es mich sehr an, schlagfertig zu sein. Und zweitens würde ich mich lieber ernsthaft mit dir unterhalten.“ „Einverstanden, mein Kauz.“
Inzwischen hatten die beiden Maries Wohnung betreten und befanden sich in Maries Wohnzimmer. Rick setzte sich auf das riesengroße Sofa, während Marie Gläser und einen Krug Granatapfelsaft aus der Küche holte. Sie stellte den Krug und die Gläser auf den Kaffeetisch, der vor dem Sofa stand, und setzte sich in den Sessel Rick gegenüber.
„So, du Feurige, du willst mich kennen lernen. Schieß los.“ „Vieles weiß ich schon. Ich habe mich erkundigt. Du bist in Nebraska auf einem Bauernhof aufgewachsen, und zwar in einem Tal, das lange Zeit als deutsches Siedlungsgebiet galt. Die meisten Leute dort sprachen bis 1917 Deutsch. Nach dem Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg verzichteten viele darauf, weiterhin in der Öffentlichkeit Deutsch zu sprechen. Deine Onkel und Tanten jedoch nicht. Deine Eltern sprachen Englisch und Deutsch und du hast viel Zeit bei einer Tante verbracht, die ein kleines Haus auf dem Bauernhof deiner Eltern bewohnte.“ „Halt, halt!“, unterbrach Rick Marie, „woher weißt du das alles? Einige Einzelheiten sind vertraulich.“
„Du bist wirklich ein Unschuldslamm. Wenn man Beziehungen hat, kommt man an die Personalakten in Frau Kronowskis Büro. Sie ist manchmal etwas vergesslich und lässt Schränke unabgeschlossen, auch wenn sie im Zimmer der Fakultätsleiterin Anweisungen entgegennimmt. Jeder Student, der sich um eine Assistentenstelle oder ein Stipendium bewirbt, muss, wie du sicherlich weißt, einen ausführlichen, handgeschriebenen Lebenslauf einreichen. Deine Handschrift ist übrigens sehr gut leserlich, sehr sauber und ordentlich, wie du selbst.“
„Was hast du noch alles in Erfahrung gebracht?“ „Ich weiß, dass du zweimal in München studiert und beide Male nachts auf dem Flughafen in Riem gearbeitet und tagsüber die Uni besucht hast. Du hattest auf dem College drei Hauptfächer, Mathe, Physik und Deutsch. Du hast ein Stipendium von Harvard in Mathe abgelehnt um in Boulder dank eines NDEA-Stipendiums Germanistik zu studieren.“
„Da bin ich baff. Der gläserne Mensch. Du kennst in groben Zügen meine Lebensgeschichte. Was willst du noch wissen?“ „Das sind nur die nackten Fakten. Ich weiß noch nicht, wie ein Mensch wie du im Innersten tickt.“ „Da muss ich dich bitter enttäuschen. Hinter den Fakten steckt nichts Rätselhaftes. Ich bin ganz einfach gestrickt.“ „Das werden wir ja sehen. Ich glaube nicht, dass du ein einfaches Seelenleben hast. Du lebst zurzeit mit Jennifer Renken zusammen.“ „Ja, das ist richtig. Sie ist eine tolle Freundin, sehr einfühlsam und intelligent. Wir kommen bestens miteinander aus.“
„Bist du leidenschaftlich in sie verliebt?“ „Tu veux savoir si je suis éperdument amoureux d’elle ?, wie die Franzosen zu sagen pflegen. „Exactement!“ „Das weiß ich nicht. Ich bin zu unerfahren um das beurteilen zu können.“ „Wenn du leidenschaftlich verliebt wärest, würdest du es wissen, glaub mir.“ „Ich weiß nur, dass ich Jennifer unglaublich gernhabe und sie als Vertrauensperson brauche. Ich will auf gar keinen Fall, dass ihr wehgetan wird.“
Nach einer kurzen Pause fuhr Rick fort: „Vielleicht können wir jetzt zu unserer Aufgabe kommen.“ „Wird das Gespräch zu brenzlig für dich?“ „Vielleicht. Selbstanalyse ist wohl nicht mein Ding. Ich schlage vor, dass du dich mit Alfred Mazeraths Beziehung zu Oscars Mutter und zu Maria Truczinski befasst. Ich kann mich auf seine Rolle als Mitläufer im Dritten Reich konzentrieren. Bist du damit einverstanden?“ „Du gehst davon aus, dass ich die sexuellen Beziehungen besser analysieren kann als du.“ „Das mag wohl sein. Wie gesagt, ich bin nicht nur ein Kauz, sondern auch ein Unschuldslamm.“
„Weißt du was, Rick? Ich glaube, du hast es faustdick hinter den Ohren und du genießt es, mit deiner angeblichen Unerfahrenheit zu kokettieren und dabei andere hinters Licht zu führen.“ „Sei bitte nicht so misstrauisch. Versuchen wir es mit der von mir vorgeschlagenen Aufgabenteilung und dann sehen wir weiter.“
Marie und Rick standen auf, und als Rick sich zur Tür wandte, hielt ihn Marie am Arm zurück. „Eine Frage hätte ich noch: Du flichtst immer wieder französische Äußerungen in deine Konversationen ein, häufig recht willkürlich. Warum?“ „Das ist tatsächlich eine Marotte von mir. Französisch kann ich relativ gut lesen und schreiben, aber nicht fließend sprechen. Manchmal fallen mir französische Wendungen ein und ich plappere dann ein paar französische Worte.“ „Hängt das auch damit zusammen, dass du während deiner Münchener Aufenthalte zusammen mit einer dunkelhäutigen francophonen Afrikanerin aus dem Senegal zusammengewohnt hast?“ „Woher weißt du denn, dass ich mit Léa Mambaly zusammenwohnte?“ „Du kennst das Klatschmaul Sylvia Briggs. Sie stammt aus Nebraska und kennt einige Studenten von deinem alten College, die während einer Europareise dich im letzten Sommer in München besuchten. Sie erzählten Sylvia von der molligen Léa.“ „Ich würde Léa nicht als mollig bezeichnen. Sie hat jedoch in der Tat üppige Rundungen. Aber genug jetzt von meinem Leben. Du weißt schon viel zu viel darüber und ich weiß so gut wie nichts über deine Vergangenheit.“ Damit eilte Rick zur Wohnungstür und entkam mit einem knappen Tschüs.
Читать дальше