Da die Unterrichtszeit noch nicht zu Ende war, musste ich zurück in den großen Schulraum. Ich eilte zu meinem Platz und schlug die Augen nieder, wohl wissend, dass alle auf mich blickten, tuschelten und hämisch grinsten
Als die Unterrichtszeit vorbei war, verließ ich die Schule ohne die anderen anzuschauen und lief zu der Straße, die durch die Hügellandschaft nach Hause führte. Allerdings kam ich nicht weit, denn mein Vater und Grandpa, der Vater meiner Mutter, kamen in dem Pickup herangefahren um mich abzuholen. Ich rief ihnen zu, ich wolle hinten auf der Ladefläche fahren, was ich öfter zu tun pflegte. Ich wollte auf keinen Fall, dass sie den dunklen Fleck auf meiner Hose sehen sollten.
Zu Hause angekommen, lief ich sofort ins Haus, damit die beiden mich nicht genau in Augenschein nehmen konnten, und stolperte, als ich die Haustür aufriss, meiner Mutter in die Arme. Da brach es aus mir heraus und ich erzählte ihr unter Tränen, was mir am Nachmittag in der Schule widerfahren sei. Sie rief meinen Vater herbei, der Vorsitzender des Schulelternrats war, und er ging schnurstracks zum Telefon und rief Isabelle Schmidt an und machte ihr klar, dass die Vertretungszeit vorbei sei. Dann stiegen er, meine Mutter und ich ins Auto und wir fuhren zurück zur Schule.
Während der heftigen Auseinandersetzung zwischen meinem Vater und der Vertretungslehrerin stand ich am Fuß der Treppe, die in die Hauptetage hinaufführte. Meine Eltern und die Lehrerin standen vor der Tür zu dem einzigen Klassenzimmer der Schule. Ich bekam wenig von dem Gespräch mit. Mein Vater muss der Lehrerin schonungslos mitgeteilt haben, dass sie fristlos entlassen sei.
Ein Ereignis, das jedes Jahr im Spätfrühling wiederkehrte, war Rural Field Day. An diesem Tag versammelten sich alle Schülerinnen und Schüler der kleinen Landschulen auf dem Gelände der Schule in Plumcreek. Da veranstaltete man Sportwettbewerbe, wie zum Beispiel Weitsprung, Laufen und Ballweitwurf. War man nicht gerade bei einem Wettbewerb beschäftigt, prügelte man sich mit irgendeinem Schüler von einer Nachbarschule. Jedes Jahr gewann ich den Lauf- und den Weitsprungwettbewerb in meiner Altersgruppe.
Am Ende des Vormittags gab es ein Essen in der Turnhalle der Schule. Alle Schülerinnen und Schüler brachten Gerichte mit und diese wurden auf Tische gestellt. Alle hatten Pappteller und Plastikbesteck mit und nahmen sich etwas zu essen. Nach der Mahlzeit kehrte man zu der jeweiligen Landschule zurück. Meistens beförderte mein Vater in seinem Pickup einige Schüler und die jeweilige Lehrerin transportierte die restlichen in ihrem Auto.
Nach der belebenden Lektüre des Auszugs stand Richard vor der schwierigen Aufgabe, zu schildern, wie er seine erste Frau kennen gelernt hatte, wie ihre Ehe zustande kam und warum sie scheiterte. Wie konnte er die Begebenheiten einigermaßen aufrichtig darstellen, ohne seine Kinder zu schockieren? Immerhin wussten sie schon in groben Zügen von seinen Erlebnissen in der Universitätsstadt am Fuße der Rocky Mountains. Er musste nachdenken. Er musste die Ereignisse Revue passieren lassen.
Kapitel 2: Jennifer – Boulder im Juni 1967
Richard betrat die Wohnung seiner Freundin. Schon zwei Monate zuvor hatte sie ihm einen Schlüssel zu ihrer kleinen Wohnung regelrecht aufgedrängt. Die Wohnung befand sich im Keller eines großen Hauses, das in viele Wohnungen aufgeteilt und nun von Studenten bewohnt war. Das Haus stand an einer stark befahrenen Straße in der Nähe des Universitätsgeländes in der rasant wachsenden Stadt am Fuße der Rocky Mountains. Richards eigene Wohnung war ein baufälliger ehemaliger Eiscremeverkaufsstand, der Jahre zuvor zu einer winzigen Studentenwohnung umgebaut worden war. Die Bude sollte der Bauwut, die das sehr schnell wachsende Städtchen ergriffen hatte, bald zum Opfer fallen, denn sie stand auf einem Gelände, auf dem der Bau eines neuen Einkaufszentrums geplant war. Richard verbrachte kaum noch Zeit in der Bude, denn die Wohnung seiner Freundin Jennifer lag ganz in der Nähe der Universität auf dem sogenannten Hügel.
Außerdem konnte er von Jennifers Wohnung aus mit seinem Rennrad schnell einen Sportplatz mit einer Laufbahn erreichen, auf der er seine Runden drehen konnte. Oder er konnte bei schlechter Witterung die kurze Laufbahn in dem „Field House“ benutzen. Darüber hinaus konnte er meistens in der Nähe der Wohnung einen Parkplatz für seinen alten VW-Käfer finden. Aber er fuhr nur sehr selten Auto. Er lief meistens zu Fuß oder war mit dem Fahrrad unterwegs.
Das kurze Sommersemester hatte gerade angefangen. An diesem späten Nachmittag wollte Rick, wie üblich, Jennifer ein schönes Abendessen zubereiten. Er hatte eine Art Parmesana geplant, selbstverständlich fleischlos, denn Jennifer war rabiate Vegetarierin. Jennifer stammte aus Hannover. Ihre Mutter, eine Amerikanerin, hatte vor Jahren einen deutschen Geschäftsmann geheiratet und war mit ihm nach Hannover gezogen. Sie hatte ihre kleine Tochter Jennifer aus erster Ehe selbstverständlich mitgenommen und die Tochter war in Hannover zweisprachig aufgewachsen. Nach dem Abitur war Jennifer nach Boulder gezogen um dort zu studieren. Nach ihrem BA-Grad studierte sie als Graduate-Studentin Komparatistik.
Als Rick die Auflaufform in den Ofen geschoben hatte, hörte er Jennifer die Kellertreppe herunterkommen. Bald stieß sie die Wohnungstür nach innen auf und trat, mit einem Rucksack und einer Tragetasche schwer bepackt, in die Wohnung ein. Sie schleppte immer viele Bücher und Hefte mit sich herum, damit sie zwischen ihren Veranstaltungen nicht nach Hause zu kommen brauchte. Sie stellte die Tasche auf ihren kleinen Schreibtisch und den Rucksack daneben. Dann eilte sie auf Rick zu, umarmte ihn und küsste ihn auf die Lippen.
Der Kuss dauerte länger und Jennifer fragte: „Wie lange müssen wir warten, bis das Essen im Offen fertig geworden ist? Hätten wir Zeit für erotische Spielchen?“ „Das wäre eine reizvolle, aber gefährliche Idee. So wie ich mich kenne, würden die Spielchen so lange dauern, bis das Essen völlig verkohlt wäre. Vielleicht können wir die Spielchen als lustvolle Nachspeise betrachten. Dann werden wir nicht unter Termindruck stehen.“ „Einverstanden!“, trillerte Jennifer, „obwohl es mir schwerfällt, die Hände von dir zu lassen.“ „Greif nur zu, solange es dir nicht peinlich ist, dass ich mit einer steinharten Erektion in der Hose herumlaufe.“ „Das werde ich wohl lieber lassen. Du brauchst etwas Blut im Kopf, damit du das Abendessen richtig hinbekommst.“
Danach ging Jennifer ins Bad, Während Rick den Avokadosalat zubereitete, hörte er sie duschen. Sie machte sich für die erotische Nachspeise frisch. Als der Salat fertig war, schnitt er ein Roggenbaguette entzwei und bestrich beide Hälften mit Kräuterbutter und streute etwas Knoblauchsalz darauf. Später wollte er die Baguettehälften in den Offen schieben. Dann bereitete er die Salatsoße nach seinem Geheimrezept zu. Er deckte den Tisch und schenkte Granatapfelsaft in zwei Gläser ein.
Inzwischen hatte sich Jennifer geduscht und umgezogen. Sie trug eine kurze ausgebleichte Jeanshose und ein knappes rotes T-Shirt. Da sie keinen BH trug, sie trug so gut wie nie einen, zeichneten sich ihre festen Brüste deutlich ab. Rick empfand ein Ziehen in den Lenden und fragte sich, ob er vielleicht die lustvolle Nachspeise notgedrungen als Vorspeise würde verzehren müssen. Jennifer fragte: „Ist das Essen fertig? Ich habe Hunger auf das Essen und auf dich.“ „Nur etwas Geduld. Ich schiebe das Baguette in den Ofen und es dauert nur noch einige Minuten. Inzwischen können wir uns etwas unterhalten. Deinem roten T-Shirt zum Trotz habe ich noch ein paar Tropfen Blut im Gehirn und müsste einen halbwegs brauchbaren Gesprächspartner abgeben können. Wie verlief die Seminarsitzung über Virginia Woolf? Ist jemand von Angst gepackt worden?“
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