„Du weißt also nicht, ob Elinor dir treu ist oder nicht?“, fragte Rick. „Die Frage ist irrelevant“, erwiderte Horst, „ausschlaggebend ist, dass sie aus welchen Gründen auch immer bei mir bleibt und wir miteinander gut auskommen. Ich habe es aufgegeben, die weibliche Sexualität verstehen zu wollen. Ich weiß nicht, ob man, was weibliche Sexualwünsche anbelangt, überhaupt verallgemeinern kann oder ob jede Frau ganz individuelle Bedürfnisse und Wünsche hat. Auf jeden Fall habe ich mich damit abgefunden, dass ich Elinors sexuelle Strebungen nicht werde ergründen können.“
„Für mich klingt das so, als hättest du resigniert“, stellte Rick fest, „würdest du es hinnehmen, wenn Elinor ganz offen eine Affäre mit einem anderen hätte und weiterhin bei dir bleiben wollte?“ „Weißt du, ich habe immer wieder festgestellt, dass du das ganze Leben im Voraus kontrollieren willst“, entgegnete Horst. „Ich habe eine andere Einstellung: Das Leben ist zu dynamisch, als dass man immer vorher wissen kann, wie man auf bestimmte Eventualitäten reagieren wird. Sollte Elinor irgendwann gleichzeitig mit mir und einem anderen Sex haben wollen, dann werde ich darüber nachdenken, was ich am besten tun sollte. Ich werde die Brücke überqueren, wenn ich davorstehe. Ich kann vorher nicht alle möglichen Aspekte einer solchen Situation vorhersagen.“ „Du könntest dir allerdings grundsätzlich vorstellen, eine solche Beziehung à trois hinzunehmen?“, fragte Rick. „Das überrascht mich, aber vielleicht bin ich ganz anders gestrickt als du.“
Nach einer kurzen Pause fuhr Rick fort: „Als ich Marie kennen lernte, unterhielt sie sexuelle Beziehungen zu mindestens zwei anderen Männern. Wenn ich sie später nahm, musste ich manchmal unweigerlich daran denken, wie sie sich den beiden anderen hingegeben hatte. Ich zog daraus einen bitter-süßen Schmerz, der meine Lust sogar steigerte. Das fand ich krankhaft. Ich betrachtete mein Empfinden als eine Art perverser Homoerotik. Das will ich nicht noch einmal erleben, aber das würde ich wieder empfinden, wenn ich wüsste, dass sie nicht nur mit mir Sex hätte, sondern auch mit anderen verkehrte.“
„Rick, du hast mir sehr viel über deine Kindheit und Jugend in dem Plumcreektal erzählt“, erwiderte Horst, „ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass deine Sozialisation Züge eines extremen calvinistischen Arbeitsethos, verbunden mit einer hyperkritischen Moral, aufweist, die Selbstkasteiung als edle und lustbetonte Beschäftigung einstuft. Wenn Marie eine solche sexuelle Beziehung zu dritt oder meinethalben zu viert beginnt, lass dich darauf ein, genieß den bitter-süßen Schmerz und schaue, was dabei herauskommt. Dann kannst du entscheiden, was zu tun ist.“ „Ich weiß nicht, ob ich dazu in der Lage wäre“, entgegnete Rick.
„Eins muss ich dich noch fragen“, sagte Horst. „Hast du je daran gedacht, dass dein Drang, alles zu kontrollieren und vor allem dich selbst, eine lebensfeindliche Strebung sein könnte? Dass du durch Kontrolle lebenswichtige Neigungen abtöten könntest?“
Einige Tage später beschlossen Marie und Rick Anfang April in den Osterferien zu heiraten. Marie kannte einen liberalen Pfarrer, der bereit war, eine Heiratszeremonie an einem Teich abzuhalten, dort, wo Marie und Rick häufig gelagert, gepicknickt und den Blick auf die majestätischen, in weiß gehüllten Berge der Hauptkette genossen hatten. Der Pfarrer war sogar damit einverstanden, dass sie die Zeremonie selbst gestalteten und die Texte verfassten, natürlich auf Englisch. Sie beschlossen, einander nicht ewige Treue, sondern schonungslose Aufrichtigkeit zu versprechen. Maries Mutter und Schwester wollten aus Topeka zu der Zeremonie anreisen. Ricks Eltern beabsichtigten ebenfalls zu erscheinen. Horst Steenken erklärte sich bereit, als Ricks Trauzeuge zu fungieren, und Maries Schwester übernahm die Rolle der Trauzeugin. Schlichte Goldringe wurden gekauft und Rick ließ die Gäste von einem Lieferservice bewirten und bestellte bei einem Bäcker eine Hochzeitstorte. Es war eine sehr bescheidene Hochzeit, aber Marie war sehr zufrieden und fand die Zeremonie im Freien beim besten Wetter einmalig schön.
Der reiche Vater der Braut war sehr enttäuscht. Er hatte ganz andere Pläne für seine Lieblingstochter vorgehabt und zu ihnen gehörte auf gar keinen Fall die Ehe mit einem mittellosen Studenten. Außerdem fand er die Hochzeitsgestaltung beschämend. Deswegen weigerte er sich daran teilzunehmen. Seine Haltung trübte die Stimmung herzlich wenig, wofür Rick sehr dankbar war.
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