Surrio kannte die Geschichte und auch den Namen das alten, längst verstorbenen Königs: Ulkor, der Freudlose. Nichtsdestotrotz hatte Ulkor Die Feste Insel deutlich mehr vergrößert als sein Sohn Rhazor es bis jetzt vermocht hatte. Der Zwerg ging nicht auf die Bemerkung Rhazors ein, sondern erhob sich wieder und setzte erneut ein strahlendes Lächeln auf. »Nun, ich werde Euch nicht mit dummen Witzen langweilen, König Rhazor. Ich glaube, es hebt Eure Laune weitaus mehr, wenn ich Euch verkünden darf, dass die kleine aber feine Insel des Halldir-Clans sich Quorr nähert.«
»Das wissen wir längst, Zwerg«, rief Rhazor. »Die Strömung treibt die Insel Halldir seit mehreren Monaten auf uns zu. Und wir wissen auch, dass sich die Bewohner allesamt auf das Meer geflüchtet haben. Sie haben das Angebot, meine Vasallen zu werden, abgelehnt.« Der König war nicht allein deswegen verstimmt, weil ihm dadurch weitere Arbeitskräfte entgingen, sondern auch deswegen, weil die Halldir-Männer – selbst die Frauen – begnadete Schmiede waren.
Surrios Lächeln wurde um eine Spur breiter. Innerlich bedauerte er aber, was er nun mitteilen würde. »Der Halldir-Clan konnte aber nicht alles Hab und Gut mit auf das Meer nehmen. Dazu hatte er zu wenige und zu kleine Schiffe. Sie mussten einen ansehnlichen Teil unverarbeiteter Erze zurücklassen. Die nun in Eure eigenen Erzschmelzen gelangen können … König Rhazor.«
Der Gaukler war fasziniert von dem Schauspiel, das sich ihm und allen anderen im Saal nun bot. Das Gesicht des Königs erstarrte für die Dauer von mehreren Herzschlägen zu einer Maske. Dann wandelten sich die harten Züge wie von Zauberhand in ein Antlitz mit weichen Konturen. Mund und Wangen sogar zu einem sympathischen Lächeln, das jeden, der Rhazor nicht auch anders kannte, hätte denken lassen können, der König wäre die Freundlichkeit in Person. Der Wandel erfolgte so rasch, dass Surrio für einen Wimpernschlag der Gedanke durch den Kopf schoss, Rhazor könne Zwergenblut in sich tragen.
Aber das ist ganz sicher nicht der Fall.
»Hah!«, stieß Rhazor aus. Und noch einmal: »Hah! Das wussten meine Kundschafter nicht, Herr Zwerg.«
Aha, plötzlich Herr Zwerg.
»Und woher weißt du das? Wieso bist du im Besitz dieser zugegeben wundervollen Information und mein Kundschafterdienst nicht?«
Surrio zuckte mit den Achseln und bewegte seine Hände so in Richtung eines Mannes mit betont unauffälliger Kleidung, als würde er einen Fisch entschuppen. Die Geste galt auf Driftworld allgemein als harmlose Verhöhnung. »Ich kann nichts dafür, dass Eure Leute schlampig arbeiten, König Rhazor. Ich entdeckte die menschenleere Insel auf meinem Weg zu Euch.«
»Und dein Schiff, wahrscheinlich eher ein Boot, war nicht groß genug, um das Erz aufzunehmen. Vermute ich hier richtig, Herr Zwerg?«
Surrio verbeugte sich tief, eher um seine Verstimmung ob dieser Tatsache zu verbergen, erhob sich aber gleich wieder, um dem König zu antworten. »Da liegt Ihr richtig, König Rhazor. Auch wir Zwerge schätzen Erz. Man kann daraus so viele herrliche Dinge herstellen.«
Rhazor war viel zu erfreut, um die mögliche Verwendung des Erzes in Zwergenhänden zu überdenken. »Ich werde daraus Schwerter und Äxte schmieden lassen.«
»Ganz wie Euch beliebt. Ihr seid der König.«
Rhazor sprang fast aus seinem Thron und etliche der Speichellecker im Saal zuckten zusammen. Seine Stimme klang schlagartig wie die eines Tieres, das seinen Atem bei einer Hatz in Panik ausstieß.
»Nehmt ein, nein, zwei große Frachtschiffe und lasst sie von zwei Kriegsschiffen begleiten. Und wehe, ich erfahre, dass irgendein dahergelaufener Algenmann mir mein Erz von der Halldir-Insel gestohlen hat. Bringt es mir … und zwar bevor ich mich wieder hinsetze!«, brüllte er und zeigte sein von einer Sekunde zur anderen erhitztes Gesicht. Dass er nicht wirklich an ein adäquates Tempo dachte, machte keinen Unterschied. Ein ganzer Trupp Männer stob aus dem Saal, auch der Mann mit den eisgrauen Augen. Nur Augenblicke später erschallten Signalhörner aus Richtung des engen Binnenhafens, der die Stadt und die Festung Quorr versorgte und auf dessen Stadtmauern viele Katapulte die Hafeneinfahrt und die Stadt selbst beschützten.
Als endlich der vorgeschriebene Glockenton des Hafengeläutes das Auslaufen einiger stets startbereiter Schiffe verkündete, war Rhazor wieder ganz der joviale Herrscher. »Nun … Surrio, so heißt Ihr doch, nicht wahr? Es scheint so, als würdet Ihr mich deutlich mehr amüsieren als all Eure Vorgänger.«
Dass König Rhazor ihn nun siezte, fiel nicht wenigen der Hofschranzen im Saal auf. Auch Surrio überhörte die neue Anrede nicht. Daher verbeugte er sich tief. »Es wird mir eine Ehre sein, König Rhazor«, log er. »Ich hoffe, Euch auch in Zukunft mit ähnlichen Dingen erfreuen zu können.«
Was er in Wahrheit hoffte, war, dass der Halldir-Clan der Knechtschaft oder dem Tod entgehen würde. Die Insel und alles auf ihr war ohnehin für sie verloren. Weiterhin hoffte Surrio, dass die Knochenkrieger sich damit begnügen würden, die mobilen Schätze der Insel zu bergen und die beiden damit zu beladenden Quorr-Frachtschiffe zu beschützen. Er konnte nicht ahnen, dass König Rhazors Gier und schon vor Monaten erteilte Befehle Anderes bewirken würden.
Etwa eine Stunde später sah Surrio die Hofdame der Königin allein auf einer Schaukel sitzen. Weder die Königin, noch die beiden anderen Damen, die sie zuvor begleitet hatten, waren zu sehen. Nur ein Wachsoldat, angetan in die übliche Knochenrüstung, befand sich in ihrer Nähe. Beide wandten Surrio den Rücken zu. Der Zwerg schlich zwar nicht, trotzdem waren seine Schritte auf dem weichen Gras kaum zu hören. Selbst das Rauschen des Windes in den Bäumen erzeugte mehr Geräusch, als die leichten Tritte seiner lederbeschuhten Füße. Surrio war noch zehn Schritte von ihr entfernt, als sie mit der Schaukelei innehielt und sich ihm zuwandte.
»Ihr seid recht unauffällig, Herr Surrio, zumindest wenn man Euch nicht sieht. Fast hätte ich Euch nicht gehört; die Gelenke der Schaukel quietschen ein wenig.«
»Das habe ich nicht gehört, Dame Aurelia. Ihr habt ein ausgezeichnetes Gehör.« Dann blickte er sich um, als würde er jemanden suchen. »Ihr seid nicht bei der Königin?«
»Auch Hofdamen dürfen ab und an ihre Aufgaben an andere abgeben. Die Königin ist in dieser Beziehung ein wenig großzügiger als ihr Gatte.«
Surrio nickte. »Ich habe davon gehört. Beide schätzen es nicht, beim Liebesspiel beobachtet zu werden.« Dabei blieb sein Tonfall wertungsfrei.
»Ach, das habt Ihr gehört? Erstaunlich, in der kurzen Zeit, die Ihr erst hier auf Quorr verbringt. Ihr scheint ein guter Beobachter zu sein, Herr Surrio.«
»Ich gebe mir Mühe. Aber bitte: Nennt mich nur Surrio; dieses ständige Herr geht mir auf den Geist.«
Sie ließ sich von der Schaukel herab und ging zwei Schritte auf ihn zu. Der Wachsoldat hatte sich zu Beginn ihrer Unterhaltung zu ihnen umgedreht und wollte sich schon nähern, als Aurelia ihn mit einer Geste davon abhielt.
»Ihr scheint mir mehr zu sein als eine Hofdame, werte Aurelia. Wenn selbst die Wachen auf einen Fingerzeig von Euch hören …«
»Das liegt daran, dass dieser Mann dort mir zu Diensten verpflichtet ist, und nicht dem Königshaus … Surrio.«
»Und warum erzählt Ihr mir das? Es ist an diesem Hof doch eher so, dass man selbst die kleinste Information für sich zurückbehält oder in bare Münze verwandelt sehen möchte.« Der kleine Mann blieb stehen, als Aurelia sich direkt vor ihm ins Gras setzte, nach einem Kamm griff, den sie irgendwo in ihren Kleidern verborgen gehabt hatte und ihr Haar zu bürsten begann.
Ist das Neckerei oder ein Schauspiel für weitere Zuschauer?, dachte der Gaukler und ließ sich auf die Knie herab. Dabei fiel sein Blick wie zufällig auf ihren Ausschnitt. Meinetwegen, dann spiele ich mal mit.
Читать дальше