All dies schoss Kapitän Chisso durch den Kopf, als er das zahlreiche und sich rasend nähernde Platschen von Echsenfüßen vernahm. Es gab wenig, was ihm Respekt einflößte. Dieses grauenvolle Geräusch war eines davon. Als der erste Wasserläufer den Algenteppich verließ und auf dem dickflüssigen Wasser sein Tempo dennoch beibehielt, schrie Kapitän Chisso über die Schulter hinweg seinen Männern zu:
»Verschwendet keinen einzigen Pfeil! Zielt ruhig! Ihr wisst, dass die Viecher niemals ausweichen.« Er wollte noch mehr sagen, aber dann waren die Wasserläufer in Schussweite.
»Schieeeessst!«
Er selbst jagte einer der Bestien einen Bolzen mitten ins aufgerissene Maul. Der Echse platzte der Schädel und sie brach zusammen. Die anderen Angreifer ignorierten dies und stürmten weiter. Chisso zog mit geübter Bewegung den Spannhebel nach hinten. Automatisch glitt der nächste Bolzen aus dem kleinen Magazin auf die Schiene der Armbrust. Das würde er noch sieben Mal wiederholen können. Wenn ihm die Viecher die Zeit dazu ließen.
Valez neben ihm war jünger und kräftiger. Er hatte schon drei Bolzen zum Abschuss gebracht. Alle mit Erfolg.
Als ein Wasserläufer nach dem anderen fiel, klangen unter der Mannschaft vereinzelt Freudenschreie auf. Doch immer noch schien der Strom aus blutrünstigen Angreifern nicht nachlassen zu wollen. Chisso schätzte, dass ihnen mindestens 40 bis 50 Wasserläufer entgegenplatschten. Wie viele weitere in der rasch voranschreitenden Dämmerung noch lauern mochten, wagte er sich nicht vorzustellen. Man hatte schon von Kämpfen mit über 200 Bestien gehört. Patriarch Chisso war sich sicher, dass es auch Überfälle mit noch mehr Wasserläufern gegeben hatte und auch in Zukunft geben würde. Beweise gab es dafür aber keine. Denn die betroffenen Schiffe trieben oft für Wochen und Monate verwaist über die Meere. Von den verschwundenen Besatzungsmitgliedern blieben nur Blutflecke und zerrissene Kleidungsstücke zurück.
Bald werden sie die Reling erreichen und versuchen, an Bord zu gelangen. Das Einschleimen der Schiffswand bis hinauf zur Reling wird sich jetzt hoffentlich bezahlt machen, dachte Chisso und tauschte die leer geschossene Armbrust gegen sein Schwert. Er trug zwar noch eine volle Tasche Bolzen am Gürtel, sah aber, dass er keine Zeit haben würde, das Magazin wieder zu füllen. Stattdessen zügelte er die erneut aufkommenden Jubelrufe.
»Freut euch nicht zu früh, Männer. Das war nur die erste Welle.«
Und die Zweite kommt fast immer dann, wenn der Goldene Vater untergetaucht ist.
Er wusste genau, dass dies der gefährlichste Moment eines solchen Angriffes war. Die Zahl der Brandorden auf seinen Armen kündete ohne Worte und für jedermann sichtbar von seinen Erfahrungen. Tatsächlich verstummte das Platschen der Echsenfüße innerhalb von Augenblicken. Für die Dauer von zwei, drei Herzschlägen hörte man nur das angestrengte Keuchen der Schaufelläufer und der Kurbelmannschaften.
Dann zerriss ein grässlicher Schrei die kurze Stille. Er war von Backbord gekommen und bedeutete wohl das unmittelbar bevorstehende Ende eines Schaufelmannes. Abrupt endete der Schrei mit einem erstickten Laut, dem kurz darauf neue, schreckliche Töne folgten. Ein bösartiges Fauchen, untermalt vom Schaben scharfer Krallen auf Holz, drang an die Ohren der entsetzen Algenmänner. Je länger das Schaben anhielt, desto lauter und aggressiver wurde das Fauchen.
Chisso gönnte sich ein erwartungsfrohes Grinsen zwischen zusammengepressten Kiefern. Diese hier scheinen noch keine Bekanntschaft mit glitschigem Holz gemacht zu haben.
Plötzlich änderte sich der Ton des Wasserläufers und Chisso glaubte so etwas wie Befriedigung darin mitschwingen zu hören.
Dieses Drecksvieh …
Dabei fletschte er die Zähne und dröhnte in das gespannte Atmen seiner Männer die Ankündigung für das Unausweichliche heraus:
»Drakenzähne und Äxte!«
Längst hatten die Bogenschützen Pfeil und Bogen gegen die einfachen aber beeindruckenden Nahkampfwaffen getauscht, die auf jedem Schiff auf Driftworld in großer Zahl vorhanden waren. Gutes Holz war selten, aber Drakenstein gab es mehr als genug.
Viel eher als erwartet, tauchte der Kopf einer Bestie über der Reling auf. Noch bevor sich das Vieh am trockenen Holz herüberziehen konnte, schlug ihm Valez mit einem raschen Hieb den Schädel vom Rumpf. Doch niemandem blieb Zeit, sich darüber zu freuen, denn ein Wasserläufer nach dem anderen sprang an Deck. Einer stürzte sich sofort auf zwei Matrosen, die wohl zum ersten Mal diesen Echsen gegenüberstanden, denn keiner der beiden trug Brandnarben auf den Armen.
Der Erste hatte blanke Panik in den Augen. Trotzdem – oder gerade deswegen – trat er seinem Gegner entgegen und hackte ihm seine Axt in die schlanke Brust. Selbst dieser Treffer hinderte das Vieh nicht daran, seine Kiefer in den Unterarm des Mannes zu schlagen. Der Algenmann schrie gequält auf. Mehr im Reflex als gewollt, tat er dann das einzig Richtige: Er drosch dem Biest die freie Faust mit aller Kraft aufs Maul und brüllte dabei vor Schmerz und Wut. Und tatsächlich entließ die Bestie ihn aus ihren Zähnen. Mit rollenden Augen brach sie zusammen und zuckte mit den Gliedern so heftig, dass das Blut, das ihr aus der Brustwunde sprudelte, Freund und Feind bespritzte.
Der zweite Matrose hatte dies aus den Augenwinkeln bruchstückhaft mitbekommen. Er führte anstatt einer Axt einen Drakenzahn als Waffe. Zwar waren die Lavasplitter messerscharf; einen tödlichen Treffer würde man damit aber nur auf dem Kopf eines Wasserläufers erreichen. Leider war die Echse, die ihn attackierte, nicht gewillt, sich den Schädel zertrümmern zu lassen. Sie schnappte jedes Mal nach der Hand ihres Gegners, wenn der einen Schlag gegen sie führte. Dann beging der Mann seinen ersten … und letzten Fehler: Er holte zu einem wuchtigen Schlag zu weit – und vor allem zu langsam – aus. Der Wasserläufer biss ihm schon in den Hals, als der Mann das Ende der Ausholbewegung noch nicht einmal erreicht hatte. Mit einem Ruck riss die Echse den Kopf zurück und hatte dabei fast den kompletten Hals des Mannes in ihrem Maul. Der Kopf des Matrosen kippte nach hinten, nur noch gehalten von ein wenig Haut, zerrissenen Muskeln und gebrochenen Knochen. Einen Lidschlag lang stand sein schon toter Körper aufrecht, dann knickte er zusammen wie ein leerer nasser Sack.
Der Wasserläufer schluckte den großen Happen mit einem würgenden Geräusch hinunter und stürzte sich auf die Brust der Leiche. Seine Fressgier führte dazu, dass er die zahlreichen und wild entschlossenen Feinde um sich herum einfach nicht mehr wahrnahm. Gerade als er ein Stück Fleisch herausreißen wollte, traf ihn ein Schwerthieb des Kapitäns. Als wäre dies ein Signal gewesen, verebbte der Kampflärm. Innerhalb weniger Herzschläge stellte sich eine trügerische Ruhe ein. Die Männer warfen gehetzte Blicke um sich. Doch im Halbdunkel der hereinbrechenden Nacht sahen sie keinen Wasserläufer mehr. Nur der Ausguck konnte im letzten Schimmer des Goldenen Vaters Bewegungen auf dem Wasser ausmachen.
»Sie ziehen sich zurück! Wir haben genügend …«
Er brach ab, riss Pfeil und Bogen an sich und gab einen schlechten, weil hastig gezielten Schuss ab. Der Pfeil hätte in der Brust des Wasserläufers landen sollen, verfehlte aber sein Ziel. Die Bestie wurde an einem Bein förmlich auf das Deck genagelt. Sie zischte und fauchte, war aber nicht so schlau, ihre Klauen dafür einzusetzen, um wieder freizukommen. Stattdessen trat sie mit dem zweiten Hinterlauf und mit krallenbewehrten Fängen nach den Männern, die sich ihr langsam mit gezückten Waffen näherten.
»Bleibt mir weg von dem Ding!«, befahl Kapitän Chisso und tauschte in aller Ruhe sein Schwert gegen eine Armbrust, die ihm Valez reichte. Der Erste Offizier wusste, dass selbst eine scheinbar gefangene Bestie nicht zu unterschätzen war. Ein Schuss mit der Armbrust war daher in dieser Situation die bessere Wahl als ein Schwerthieb. Das Vieh begriff gar nicht, wie dumm es sich verhielt. Immer noch schlug es nach den Männern, die aber den Sicherheitsabstand auch deswegen einhielten, weil ihnen der Anblick eines noch lebenden Wasserläufers ohne unmittelbare eigene Lebensgefahr wohl nicht mehr so rasch geboten werden würde.
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