Der Kapitän hatte mittlerweile sein Magazin in aller Ruhe komplett geladen, zielte gelassen, dann drückte er ab. Der Bolzen durchschlug auf diese kurze Distanz die Brust der Bestie. Aus den seltenen – und in fast allen Fällen verlustreich erkämpften – Leibern getöteter Wasserläufer wusste man, dass deren Herz exakt in der Mitte des dreieckigen Oberkörpers lag. Chissos Bolzen hatte genau das Zentrum getroffen und den Wasserläufer augenblicklich getötet.
»Seht ihn euch gut an, Männer!« Dann warf er einen Blick auf seinen Ersten. »Bringt alle Verletzten zum Doktor und lasst die Toten zählen! Seht nach den Männern im Backbord-Rad. Wenn alle Verwundeten versorgt sind, soll die Mannschaft an Deck kommen. Auch die Verletzten, die sich dazu imstande fühlen. Und ich möchte, dass Ihr, Valez, Eurem Sohn und jedem Einzelnen der Mannschaft diesen toten Wasserläufer zeigt und erklärt, wie sie am besten zu erledigen sind. Vor allem Eurem Sohn, Valez.«
Beide Männer wussten, warum Patriarch Chisso so viel Wert auf die Ausbildung und den Schutz Valezians legte. Er machte sich noch immer Vorwürfe, dass sie vor Jahren einen Trupp Knochenkrieger verfolgt hatten, welcher ein kleineres Schiff des Clans aufgebracht und versenkt hatte. Noch heute hatten beide Männer das Bild der gehäuteten Ehefrau des Ersten Offiziers vor Augen. Warum sich der Schäler mit wahrer Inbrunst gerade deren Tortur gewidmet hatte, ließ die beiden auch heute noch in mancher Nacht aufschrecken. Die Quorr-Krieger hatten damals die überlebenden Chisso-Leute in die Sklaverei führen wollen. Die Verfolgung der Knochenkrieger und der Kampf mit ihnen auf offener See hatte schließlich auch Chissos Frau und seinem Erstgeborenen das Leben gekostet. Seitdem fühlte der Patriarch eine Schuld gegenüber dem Sohn seines Ersten Offiziers. Valez wusste aber, dass der Kampf ihre einzige Chance gewesen war, dem Schäler seine Beute wieder abspenstig zu machen. Und er verschwieg, warum seine Frau das besondere Ziel des Schälers gewesen war. Ihre eigenen Frauen und Chissos Sohn hatten sie also verloren … 48 andere Clan-Mitglieder aber vor Tod und Schlimmerem bewahren können. Der Schäler jedoch war ihnen im letzten Augenblick entkommen. Diese alte offene Rechnung mit Quorr nagte an beiden Männern.
Valez erinnerte sich oft an ihre traurige Last und hatte alle Versuche, wenigstens seinen Patriarchen davon freizusprechen, lange aufgegeben. Daher nickte er nur und wollte schon gehen, als Chisso ihn mit einer Geste aufhielt. »Noch etwas, mein Freund: Der Doktor soll die Gefallenen in leere Schneckenhäuser legen. Wir warten nicht, bis wir Land ansteuern können; wir übergeben sie der See beim nächsten Weißen Raucher. Mögen sie in der Welt der Ahnen ein besseres Leben haben.«
»Aye, Patriarch«, sagte sein Erster und gab die Befehle weiter.
»Erinnerst du dich an die letzte Lektion, Sohn?«
»Ja, Lehrerin.«
»Dann wiederhole!«
»Wir teilen auf Driftworld die Zeit in fünf Tag- und fünf Nachtstunden, entsprechend unseren Fingern an jeder Hand. Die erste Tagstunde nennen wir Früher Tag, die erste Nachtstunde Frühe Nacht.«
»Gut. Und die anderen Stunden?«
»Kleiner Tag, Mitt-Tag, Großer Tag, Später Tag … die weiteren Stunden der Nacht also Kleine Nacht, Mittnacht, Große Nacht und Späte Nacht.«
»Sehr gut, Sohn. Und was ist die wesentliche Eigenart der Zeit?«
»Sie fließt beständig, steht niemals still. Eine Stunde gleitet in die nächste ohne Übergang.«
»Was erinnert uns ständig daran?«
»Die Schwimmhäute zwischen unseren Fingern. Sie vereinigen unsere Finger zu einer Hand.«
»Und?«
»Also nennen wir unsere linke Hand auch Tag und die rechte Hand Nacht.«
Aus den Legenden Nach Dem Fall
Die Lehrjahre König Andobars
Surrio bewegte sich mit einer Eleganz und Selbstsicherheit, die nur wenigen Männern am Hofe zu eigen war. Die meisten bildeten sich nur ein, sie hätten diese Eigenschaften. Bei Surrio waren sie Teil seiner Position … und seiner Tarnung. Er konnte es sich leisten, mit stolz geschwellter Brust aufzutreten und mehr als launige Bemerkungen über alles und jeden von sich zu geben. Selbst der König musste sich das gefallen lassen. Da traf es sich gut, dass König Rhazor zwei Seelen in sich vereinte: eine gesellige, mitunter joviale … und eine stahlharte, gnadenlos konsequente Seite. Außerdem betrachtete er seinen neuen Gaukler schlichtweg nicht als vollwertigen Mann, sondern als Laune der Natur. Der komplette Hofstaat, sowie die gesamte Bevölkerung des Reiches Quorr beging diesen Fehler. Den sie noch nicht mal als solchen erkannten. Und das war Surrio nur mehr als recht.
Sollen sie von mir denken, was sie wollen, dachte der Zwerg, marschierte mitten durch die Pracht-Allee des königlichen Parks und ignorierte die für ihn riesigen Gespanne und die lauten Beschimpfungen ihrer Kutscher.
Der Grund dafür, dass er nicht gleich am ersten Tag auf Der Festen Insel von den Krallenfüßen der plumpen Ponatos in den Boden gestampft worden war, lag schlichtweg daran, dass Surrio Fähigkeiten besaß, von denen hoffentlich niemand im Königreich etwas ahnte. Offiziell zählte er zur kleinen Gruppe der Zwerge, einem Überbleibsel einer Epoche, die von beinahe allen Völkern auf Driftworld noch heute als Das Zeitalter der Götter, also der Epoche Vor Dem Fall, bezeichnet wurde.
Dabei wissen sie nicht einmal, was durch Den Fall al les verloren gegangen ist, dachte Surrio und blickte äußerlich unbewegt, aber mit innerer Verachtung auf die Menschen um ihn herum. Sie halten sich für ein großes Volk. Nur weil sie seit einigen hundert Jahren Insel um Insel an sich ketten. Sie setzen Landgewinn gleich mit Machtgewinn. Sein hübsches Gesicht überflog ein Hauch von Ärger. Und damit haben sie auf den ersten Blick sogar recht. Mehr Land gebiert mehr Ertrag an Mensch, Tier und Ressourcen. Doch groß macht es diese Nation nicht wirklich. Die Quorr glauben, dass sie der ganzen Welt ihren Stempel aufdrücken müssen und schon würden sich die alten Zeiten von ganz allein wieder einstellen. Welche Narren! Sein Ärger verflog so rasch wie er aufgeflammt war, wie immer, wenn er an diesen Punkt seiner Überlegungen kam. Sie halten mich für einen Narren. Sie haben schon vor Urzeiten vergessen, wer wir wirklich sind und was unsere edelste Aufgabe war. Sie wissen nichts mehr von unseren Fähigkeiten.
Dass Surrio sich – zumindest in zwei von drei Punkten täuschte, konnte er nicht ahnen. Stattdessen lächelte er sogar und ließ es zu, dass sein Mund sich leicht öffnete und seine makellosen Zähne ansatzweise durchschimmern ließ. Die Kutscher beeilten sich augenblicklich, ihre Gespanne aus dem Weg zu dirigieren. Selbst die Ponatos – in freier Natur nicht ganz ungefährliche, gezähmt jedoch eher stumpfsinnige Kreaturen – bemühten sich, aus der Nähe der kleinen Gestalt zu gelangen.
In ihnen schlummert noch immer das kollektive Gedächtnis, freute sich der Zwerg und genoss den Effekt auf die zahlreichen Menschen im Park, die mit unverhohlener Neugier seinen Weg verfolgten. Die Ponatos erinnern sich …
Surrio schloss seinen Mund und wandelte sein leicht drohendes Lächeln in ein munteres, zu Scherzen aufgelegtes Gesicht, das jeden unbefangenen Menschen sofort für ihn einnahm. Mit dieser Maske erklomm er die Stufen des westlichen Eingangs des Schlosses, das König Rhazor, Herr über alle Quorr und seine vielen Vasallen, von seinem Vater übernommen hatte. Scheinbar ohne die Wachen auch nur zu bemerken, stieg Surrio Stufe um Stufe hinauf und war sich bewusst, dass sich viele wohl wundern mochten, dass er die für ihn fast kniehohen Stufen so leicht nehmen konnte.
Читать дальше