»Gut. Was geschah mit dem Wasser?«
»Sein Blut veränderte das Wasser. Noch heute ist es salzig und nicht so klar wie die Tränen der Silbernen Mutter, von denen alle Menschen und Tiere trinken. Aus Trauer über den Tod des Roten verließ die Silberne Mutter den Himmel am Tag und zeigt sich seitdem nur noch in der Nacht.«
»Ist das alles?«
»Nein. Auch der Göttervater weinte … und schuf damit die Strömungen, welche verhindern, dass sich die zerbrochenen Glieder des Roten Sohnes wieder vereinen.«
»Warum? Liebte er diesen Sohn nicht so wie den anderen?«
»Doch, Mutter. Aber er wusste, dass, wenn alle Glieder wieder vereint wären, der Streit von neuem begänne. Seitdem zieht der Graue einsam seine Bahn und wird niemals seinem Vater nachfolgen.«
Aus den Legenden Nach Dem Fall
Die Lehrjahre König Andobars
Gemächlich glitt die Seekönigin durch die trübe und sulzige Gelschicht, die auf Driftworld den obersten Bereich des Meereswassers darstellte. Die Bugklinge des Schaufelseglers schnitt leicht durch das Medium, das meist erst drei Mannslängen unter dem Kiel etwas flüssigerem Wasser wich. Ab einer Tiefe von zwanzig Mannslängen war das Alun in einem Zustand, wie Vor Dem Fall. Die Seekönigin war das größte Schiff des Chisso-Clans und somit das Flaggschiff dieser Algenmänner. Ein mächtiger Dreimaster mit riesigen Segeln, die selbst bei schwachem Wind das Schiff zügig über die Meere fahren ließen. Die beiden Schaufelräder, die mittschiffs in ihren Vorrichtungen oberhalb der Wasserlinie hingen, drehten sich leicht und geräuschlos im Fahrtwind.
Es war noch früher Morgen und außer den Männern, welche die letzte Wache hinter sich gebracht hatten und bald abgelöst werden würden, befand sich nur ein Mann an Deck. Er war groß gewachsen, hatte breite Schultern und graues, von einigen weißen Strähnen durchzogenes Haar, das ihm bis auf die Schultern fiel. Er trug einen hellbeigen Mantel, elegant geschneidert aus dem Fell eines jungen Wollbären, der ihm bis zu den Knöcheln reichte. Seine Füße steckten in schneeweißen Stiefeln, deren seidener Glanz ihre Herkunft verriet. Sie waren aus dem Leder von Schollenspringern gefertigt, was den Träger allein durch diese Details als reichen Mann erkennbar werden ließ. Schollenspringer gab es nur auf dem Nordpol. Gefährliche Jäger, die nicht leicht zu erlegen waren. Ihre Gerissenheit, ihre Unberechenbarkeit, sowie ihr kostbares Fell und Leder, bildeten die Hauptgründe für die horrenden Preise, welche die Eismänner des Nordens für jedes Produkt verlangten, was sie daraus herstellten. Am Kragen und über der Stelle des Herzens trug der Mantel ein aufwändig gesticktes Zeichen: ein blaues Algenbündel mit zwei gekreuzten Schwertern auf weißgelbem Grund, welche die Haupteinnahmequelle des Chisso-Clans, seine Wehrhaftigkeit und das Wasser der Weltmeere symbolisierten.
Kapitän Chisso hatte am Vorabend nur das Hauptsegel und das erste Vorsegel setzen lassen. Sie hatten es nicht eilig. Ein Großteil der Mannschaft war ohnehin noch damit beschäftigt, den Rest der letzten Ernte von Strünken und unerwünschtem Beifang zu befreien und für die Fahrt zum Ziel zu konservieren. Sie hatten vor zehn Tagen ein so ausgedehntes Algenfeld entdeckt gehabt und selbstverständlich auch abgeerntet, dass die Laderäume der Seekönigin bald das Maximum erreichen würden.
Chisso blickte zum Himmel und sah, dass die Wolken weit über ihnen nur wenig schneller als sein Schiff in die gewünschte Richtung zogen.
Manchmal muss man einfach auch nur Glück haben, dachte er. Dann beugte er seinen mächtigen Oberkörper über die Reling und begutachtete die Schleimschicht auf der Schiffswand, die über der Wasserlinie fast wie am Tag ihrer letzten Erneuerung aussah, naturgemäß aber spröde geworden war. Zwischen dem Heben und Senken der Wellen erkannte er jedoch, dass die Schicht darunter nicht mehr lange ein reibungsarmes Gleiten durch die See ermöglichen würde. Seiner Schätzung nach hielt der Schneckenschleim noch für höchstens ein Drittel der Strecke.
Wir werden wohl oder übel ein Dock in Anspruch nehmen müssen, grummelte er innerlich, richtete sich wieder auf, rollte ein wenig mit seinen breiten Schultern und fügte den Kosten für Algen als Futter für ihre Schnecken an Bord noch die Kosten für die Dockgebühren und die Arbeit der Schleimer hinzu. Unvermittelt grinste er. Aber wir haben wenigstens eigene Schnecken. Andere Kapitäne müssen Schleim kaufen. Und frischer Schleim ist immer noch der Beste. Die Ladung bringt auch nach Abzug aller Kosten einen stattlichen Gewinn.
Nicht umsonst nannten ihn andere Algenmänner Chisso, den Glückvollen. Er wollte sich gerade zu seinem Ersten Offizier begeben, als der Ausguck einige seiner Lieblingswörter rief:
»Algenfeld Steuerbord voraus!«
Der Stimme war deutlich anzuhören, dass sie sich über den weiteren Bonus freute. An Bord der Seekönigin – und auf allen anderen Schiffen des Chisso-Clans – war es üblich, für solche Entdeckungen einen kleinen Zusatzlohn zu erhalten. Nur sehr wenige Algenmänner-Kapitäne taten es Chisso gleich. Die anderen argumentierten, dass es schließlich die Pflicht des Ausgucks sei, alles zu melden, was er sah. Sie verstanden einfach nicht oder waren schlichtweg zu gierig, um zu erkennen, dass es dazu führte, dass sich die freien Seeleute schier darum rissen, auf einem Chisso-Schiff anheuern zu dürfen. Die Folge davon war, dass sein Algenmänner-Clan wohl die motiviertesten und effektivsten Mannschaften auf ganz Driftworld besaß.
Dem Glück kann man es auch leicht machen.
Der Kapitän hob den Kopf zum Ausguck und sah, dass Dapan dort seinen Dienst tat. Selbst auf diese Entfernung hin konnte Chisso das breite Grinsen seines Neffen und dessen leuchtende Augen sehen.
»Wie weit ab vom Kurs, Dapan?«
»Ich schätze etwa vier Meilen, Patriarch.«
Chisso schürzte die Lippen und blickte in die angegebene Richtung. Nachdem Algenteppiche recht flach waren und die See heute nur mäßig bewegt, konnte er selbst noch nichts erkennen. Während er grübelte, ob sich der Abstecher lohnte, trat sein Erster Offizier neben ihn. Auch er zeigte ein leichtes Lächeln.
»Ich komme gerade aus dem Laderaum, Herr. Wenn wir einen Teil der neuen Algen auch an Deck verstauen, könnten wir etwa ein weiteres Zehntel an Fracht aufnehmen. Die Qualität leidet nicht, da wir die restliche Strecke in wenigen Tagen zurücklegen können.« Chisso wusste dies natürlich und musste schmunzeln. Wahrscheinlich addierte sein Erster Offizier schon den Extra-Bonus für ein volles Schiff.
»Wir würden dadurch natürlich sehr langsam werden, Valez«, antwortete Chisso und blickte in die dunkelbraunen Augen des Mannes. Für einen Moment hielt er den nachdenklichen Ausdruck bei und wusste genau, dass ihn viele der Männer an Deck so unauffällig wie möglich beobachteten und dabei gleichzeitig versuchten, der Unterhaltung zu folgen. Dann hoben sich auch seine Mundwinkel. »Allerdings müssen wir für eine neue Schleimschicht ohnehin in ein Dock. Dieses Feld dort draußen gleicht die Kosten wieder aus.« Er nickte Valez zu und winkte dankend zum Ausguck hoch. Dann raunte er dem Mann neben ihm zu: »Na schön: Kursänderung auf das Algenfeld.«
Chisso hatte kaum ausgesprochen, als sich Valez dem Rudergänger zuwandte und ihm Befehle zurief:
»Rudergänger: Kursänderung nach Steuerbord! Setzt zweites Hauptsegel!«
Die Männer an Deck hatten nur darauf gewartet. Sie stießen Jubelrufe aus, da auch sie mit mehr Heuer rechnen durften. Die meisten machten sich sofort mit frohen Mienen ans Werk. Einige sahen zum Himmel und bemerkten, dass der Goldene Vater noch einen langen Weg bis zum Zenit hatte. Alle jedoch wussten, dass die Fahrt, das Ausladen der Beiboote, die Ernte selbst und die Beladung des Schiffes viel Zeit in Anspruch nehmen würde. Ein voller Tag mit harter Arbeit stand ihnen bevor. Und alle wussten auch, dass das Abdrehen vom Algenfeld vor Einbruch der Dämmerung erfolgen sollte. Danach wäre es keinem Schiff geraten, sich noch in der unmittelbaren Nähe eines Algenfeldes aufzuhalten …
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