Die Seekönigin dümpelte mit gerefften Segeln am Rand des neuen Feldes. Valez brauchte nicht zum Horizont zu sehen, um zu wissen, dass die Zeit knapp werden würde. Die Männer schufteten mit aller Kraft. Auch sie wussten, welche Gefahr in der Dämmerung lauerte. Trotzdem trieb er sie an.
»Los Männer, beeilt euch!«
Die letzten drei Beiboote lagen noch längsseits. Algenbündel um Algenbündel wurden jetzt triefnass an Bord gehievt, anstatt sie gründlich abtropfen zu lassen und damit auch weniger Gewicht an Bord zu nehmen. Doch dafür gönnte man sich nicht mehr die Zeit. Lieber schufteten die Männer, als wäre der Shaitan persönlich hinter ihnen her. Ihre Gesichter und nackten Oberkörper glänzten vor Schweiß, während sie die blauen Bündel verluden. Als zwei der Boote gelöscht und in ihre Halterungen gehängt waren, und das letzte nur noch eine halbe Ladung trug, erteilte Valez neue Befehle.
»Segelmannschaften bereit machen! Rudergänger: Auf Gegenkurs vorbereiten!«
Dann endlich war auch das letzte Boot geleert und in seiner Hebevorrichtung fixiert. Noch während es langsam aus dem Wasser kam, kletterte dessen Besatzung die Außensprossen an der Schiffswand hinauf.
Nach seiner Wache, die er freiwillig unter Deck mit dem Verstauen der Ladung verbracht hatte, kletterte Dapan wieder in den Ausguck und löste den Mann ab, der dort trotz der Hitze ausgeharrt hatte. Geschickt verließ der Vorgänger den stabilen und geschlossenen Korb, der bei allen Schiffen auf Driftworld als Ausguck diente. Lediglich die obere Hälfte bestand aus einem weitmaschigen und zähen Geflecht, das selbst bei schwerem Seegang verhinderte, dass ein Mann ins Meer stürzen könnte. Dapan liebte seine Aufgaben und zählte zu den Hoffnungsträgern des Clans. Außerdem hatte er die besten Augen. Wie immer richtete er zunächst seine Aufmerksamkeit in die Richtung, aus der am ehesten Gewinn oder Gefahr zu erwarten war. Seine schon sprichwörtlich gute Laune trug nicht wenig dazu bei, die Stimmung an Bord zu heben. Aber kaum hatte er sich dem Algenfeld zugewandt, als ihm die Freude aus dem Gesicht wich. Der Erste Offizier wollte gerade den Befehl Alle Segel setzen! geben, als ihm Dapan zuvorkam. Jetzt besaß seine Stimme einen völlig anderen Klang.
Lauter.
Rauer.
Angsterfüllt.
»Wasserläufer!«
Und als wäre ein Ruf nicht genug, schrie er ein zweites Mal, sodass seine Warnung durch die geöffneten Ladeluken bis in die Tiefen der Seekönigin dringen konnte. Das Wort, das selbst altgedienten Algenmännern das Blut in den Adern gefrieren ließ.
»Wasserläufer!«
Dagegen klang die Stimme des Ersten Offiziers überraschend nüchtern, fast schon kaltschnäuzig. »Lasst das letzte Boot außen hängen! Wir nehmen es später an Bord.« Wenn es ein Später für uns geben wird, dachte Valez und rief: »Alle Mann an Deck! Volle Segel setzen! Rudergänger: Auf Gegenkurs gehen!«
Mit Befriedigung sah er die Männer auseinanderspritzen. Jeder wusste, was er zu tun hatte. Er wollte einen der Schiffsjungen – seinen Sohn Valezian – nach dem Kapitän schicken, als Chisso bereits die Stufen zum Achterdeck heraufstürmte und seine kostbar geschnitzte, aber nicht minder tödliche Armbrust samt Bolzentasche auf dem Rücken trug.
»Dapan, wie viel Zeit bleibt uns noch?«, rief Patriarch Chisso, ohne nach oben zu blicken. Stattdessen richtete er Augen und Armbrust auf das Algenfeld. Woher der Kapitän wusste, dass sein Neffe wieder Dienst tat, wunderte Valez nicht wenig.
»Zum Segel setzen langt es sicher noch, Patriarch ... aber nicht, um genügend Fahrt aufzunehmen.« Dapan schien für die Dauer eines Lidschlages unsicher zu sein, ob er seine Prognose über das ganze Schiff brüllen sollte. Dann siegte die Vernunft in ihm. »Wir werden nicht genug Distanz erreichen, bevor sie da sind.«
Chisso und Valez tauschten einen kurzen Blick, dann schallten die Befehle des Patriarchen über das Deck. »Schaufelräder herablassen und besetzen! Armbrustschützen zu deren Schutz! Je vier Mann an die Kurbeln! Sobald die Räder arretiert sind: Dreht, verdammt noch mal!« Noch immer starrte er auf das Algenfeld und schien mehr als bereit zu sein, dem ersten Vieh, das er sehen würde, einen Bolzen entgegenzuschicken. Dann fiel ihm noch eine Maßnahme ein. »Holt die Zimmerleute und den Koch nach oben! Gebt ihnen Waffen!«
Kurz drehte er sich herum und nahm den Sohn seines Ersten wahr. Die Augen des etwa neunjährigen Jungen glichen riesigen schwarzen Perlen.
»Und du gehst zum Schiffsarzt und hilfst ihm, so gut du kannst! Er wird dir sagen, was du zu tun hast.«
Valezian nickte stumm, schaute kurz in das Gesicht seines Vaters und stürmte dann davon. Seine Bewegungen verrieten, dass ihn nicht nur die Angst trieb, sondern auch das Wissen, dass er dort unten hilfreicher sein würde als in einem Kampf mit den Bestien.
Chisso sah ihm hinterher. »Ein guter Junge.« Dann wandte er sich wieder der Bedrohung zu.
»Ja, das ist er«, antwortete ihm Valez. »Danke, Kapitän!« Dabei musterte er das Gesicht seines Clan-Oberhauptes und fragte sich, ob auch er befürchtete, dass sich die Ernte an diesem Feld jetzt als Fehler herausstellen würde.
Es ist nicht das erste Mal, dass wir gegen diese Brut kämpfen … es wird auch nicht das letzte Mal sein. Dennoch: Wir hätten früher abbrechen sollen!
Beide Männer verzichteten darauf, die Mannschaft weiter anzutreiben. Mit grimmigem Ausdruck machten sie ihre Waffen bereit und vernahmen die heiseren Rufe der Besatzung, die nun alle Segel gesetzt hatte. Der Wind bauschte die Flächen und die Seekönigin machte fast einen Sprung, so als wolle auch sie der Gefahr entkommen. Mann um Mann gesellte sich zum Kapitän und seinem Ersten, bewaffnet mit Pfeil und Bogen. Die vorerst zweite Reihe bildeten Speer- und Axtträger; sie würden mit den Bogenschützen die Plätze tauschen, sobald die ihre Pfeile verschossen hatten … oder die Wasserläufer zu nahe für einen Schuss waren. Lediglich die Offiziere besaßen Armbrüste oder Schwerter; selten beides. Metall war kostbar auf Driftworld. Das Clan-Symbol daher mit zwei Schwertern zu zieren, war somit Warnung und Stolz zugleich. Valez hoffte in diesem Moment, dass aus gesundem Stolz nicht Überheblichkeit geworden war. Er schwor sich in diesem Moment, bei ähnlichen Gelegenheiten ein wenig mehr Zurückhaltung zu üben.
Stolz und Gier kann tödlich sein auf dieser Welt, dachte er und kontrollierte mit schnellen Blicken, ob die Männer die Befehle korrekt ausführten. Ein Teil seiner Selbstvorwürfe milderte sich, als er sah, dass alle bereit waren.
Die vier Matrosen außenbords – je zwei nebeneinander im Innern eines Schaufelrades stemmten sich mit aller Kraft in die nun ins Meer eingetauchten Hilfsantriebe. Ihre Kameraden an den Kurbeln zerrten an den schweren Stangen, welche die Drehbewegung über Zahnräder weitergaben und die Schaufelläufer unterstützen sollten. Dies taten sie im klaren Bewusstsein, dass die Läufer völlig unbewaffnet waren. Denn sie brauchten beide Hände, um sich an nahe der Nabe befestigten Griffen festhalten zu können, während ihre Beine einen immer rascheren Tanz aufführten.
Dann geschahen mehrere Dinge gleichzeitig.
Die Segel blähten sich durch einen überraschenden aber willkommenen Windstoß stärker auf und die Seekönigin nahm merklich Fahrt auf.
Die beiden Schaufelräder und ihre Bedienungen fanden ihren Rhythmus und drehten sich von Runde zu Runde schneller.
Und die Wasserläufer tauchten aus der Dämmerung auf.
Es war ihr bevorzugter Zeitpunkt für einen Angriff. Nicht nur die Ältesten aller Clans diskutierten seit Generationen über die Frage, ob die Wasserläufer einen Hauch von Intelligenz besaßen oder einfach ihrem Instinkt folgten, der ihnen sagte, dass die meisten ihrer Opfer in der Dämmerung schlechter sahen als am Tag. Und Menschen waren schon immer ihre bevorzugte Beute gewesen. Die zweite Sache, über die mehr gestritten als diskutiert wurde, war die Frage, wer zuerst auf Driftworld entstanden war: Die Menschen oder die Bestien? Selbst die Legenden Nach Dem Fall gaben hierzu keine klaren Auskünfte.
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