„Was gibt es?“, fragte sie und es klang ein wenig milder gestimmt.
„Ich möchte mich bei ihnen entschuldigen“, begann ich zerknirscht und ich fand, dass mir das ganz gut gelang. „Ich wollte sie nicht beleidigen. Sergio ist so ein großer Künstler und ich finde, sein Tanz ist etwas Besonderes. Sie haben die Tournee großartig geplant und es liegt mir fern, irgendwelche Kritik üben zu wollen. Ich war vorlaut und habe über meine Worte nicht richtig nachgedacht. Bitte nehmen sie meine Entschuldigung an!“
Sie zog eine weitere Zigarette hervor und ich gab ihr wieder Feuer. Jeka nickte langsam, dann wandte sie sich ohne ein Wort zu verlieren um und verschwand zwischen den Tanzenden.
Am nächsten Morgen kamen Sergio und Jeka auf den Tisch zu, an dem Birgit und ich schon saßen und frühstückten. Sergio grinste und die beiden setzten sich zu uns. Ich atmete erleichtert auf.
Die Frau verhielt sich jetzt etwas zugänglicher und zeigte sogar ein wenig Interesse an unserem Beruf. „Und sie sind richtige Bodyguards?“, fragte sie und verteilte großzügig Marmelade auf einer Brötchenhälfte.
Ich nickte: „Ausgebildet und zertifiziert. Wir haben schon zahlreiche Stars und Sternchen beschützt.“
„Tragen sie auch Waffen? Als Bodyguards ist doch so etwas Pflicht, oder?“
„Pflicht nicht gerade“, freute ich mich über meinen Beruf Auskunft geben zu können. „Aber meistens tragen wir natürlich Waffen. Außerdem sind wir bestens im Kampfsport ausgebildet.“
Jeka sah mich fragend an: „Dann sind sie momentan auch bewaffnet? Würden sie mir ihre Pistole einmal zeigen?“
Jetzt übernahm meine Kollegin das Erklären und sie schüttelte den Kopf: „Nein, im Augenblick sind wir unbewaffnet. Wegen der Flugreisen. Wir müssen uns also auf unsere Kenntnisse in Selbstverteidigung verlassen.“
„Das ist aber schade. Ich hätte so gerne einmal ihre Pistolen gesehen.“ Jekaterina Krynow wirkte enttäuscht.
Sergio, den dieses Thema zu langweilen schien, blickte seine Frau an: „Du weißt doch, wie diese abscheulichen Waffen aussehen. Ich für meinen Teil bin froh, dass unsere Bodyguards nicht so - hach - bewaffnet sind. Ich bringe den Menschen Glück und Freude, da wird es doch wohl kaum jemand auf mein Leben abgesehen haben. Lass uns lieber über unseren Termin bei Madame Routon sprechen.“
„Wie du willst, lieber Sergio“, säuselte seine Frau und sah Birgit und mich an: „Wir werden um siebzehn Uhr in der Tanzschule sein, so dass Sergio sich noch ein wenig auf seinen Auftritt vorbereiten kann. Die Aufführung beginnt um zwanzig Uhr und Einlass ist ab neunzehn Uhr. So haben die Zuschauer noch etwas Zeit, sich an einem Gläschen Sekt zu erfreuen. Nach dem Auftritt erhalten sie dann die Möglichkeit, von dem Meister Autogramme zu bekommen. Bis zu unserer Abfahrt hier, wird sich Sergio in unserem Zimmer ausruhen.“
„Hach Göttchen, ich bin ja schon ganz aufgeregt“, zwitscherte der Tänzer. „Vor einem Auftritt bin ich immer sooo aufgeregt, das könnt ihr gar nicht glauben. Es wird ein hinreißender Abend werden!“
Ich nickte und dachte an die eintönige Flötenmusik und an das nervige Herumgehopse auf der Bühne. Es würde bestimmt ein ‚hinreißender‘ Abend werden.
Die Fahrt zu der Tanzschule im Norden von Paris dauerte etwas über eine halbe Stunde und führte uns in die Nähe von Sacré-Coeur. Eine weißhaarige, alte Dame öffnete die Tür und lächelte uns an: „Herr Sergio, da sind sie ja schon, wie schön.“ Sie sprach ein akzentfreies Deutsch und mochte meiner Meinung nach an die achtzig Jahre alt sein. Die Frau machte einen recht rüstigen Eindruck, was vermutlich an der sportlichen Betätigung beim Tanzen lag. Ich nahm mir vor, sie zu fragen, ob sie immer noch unterrichtete.
„Madame Routon. Herrjechen, wie sehen sie gut aus.“ Sergio deutete einen vollendeten Handkuss an und machte dabei einen Knicks, wie ein Prinz im Märchen. „Es ist so eine Freude, Herrjechen, so eine Freude ... Und jetzt darf ich in ihren geheiligten Hallen auftreten. Sie sehen mich über alle Maßen erfreut und voller übermäßiger Dankbarkeit. Herrjechen!“
„Jonathan, Herrjemine, Lärpers“, stellte ich mich vor und grinste Birgit an. Die schüttelte aber vorsichtig den Kopf.
„Benimm dich, Jonathan“, flüsterte sie mir ernst zu.
Die alte Dame sah Sergio fragend an: „Wer sind die Herrschaften, Herr Sergio? Schon die ersten Zuschauer? Es ist doch noch gar nichts vorbereitet.“
Sergio schüttelte den Kopf: „Das sind meine Bodyguards. Das ist Johni und das ist Birgit. Sie sind für meine Sicherheit zuständig, eine Auflage der Versicherung.“
„Dann kommen sie doch herein, wir müssen ja nicht in der Kälte hier draußen stehen.“
Es war mindestens sechsundzwanzig Grad draußen, immerhin war es ja Anfang Juni. Von ‚Kälte‘ konnte also keine Rede sein.
Madame Routon führte uns durch eine Diele, an dessen Wänden zahlreiche Haken für Jacken und Mäntel hingen, in einen Saal, dessen eine Wand komplett verspiegelt war. Die gesamte Einrichtung erinnerte an die sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts und war alt und abgenutzt. In einem Drittel des Raumes standen Reihen von Campingklappstühlen, die ganz offensichtlich für die Zuschauer gedacht waren. Auf einem kleinen Schränkchen stand ein Plattenspieler, neben dem einige Schallplatten in einem Ständer lagerten. Hier war die Zeit wirklich stehengeblieben. Wohl extra für diesen Abend befand sich an einer Seite des Raumes ein Tapeziertisch mit einer weißen Decke darauf, der als provisorische Bar diente. Wenn es mit dem Abstieg der Auftrittsräumlichkeiten so weiterging, würde uns in London vermutlich der gekachelte Waschraum einer Damentoilette erwarten. Aber was kam danach?
„Willkommen in der Tanzschule von Madame Routon“, zwitscherte die Alte, breitete die Arme aus und vollführte einige Bewegungen über die freie Fläche, die an Tanz erinnern sollten. Fast wäre sie gestolpert, konnte sich aber im letzten Moment noch fangen.
„Bravöchen, Bravöchen, gnädige Frau. Besser hätte ich es selbst kaum vermocht. Ich wünschte, sie könnten zusammen mit mir auftreten.“ Sergio klatschte begeistert in die Hände. „Wo kann ich mich umkleiden, Gnädigste?“
„Danke, multo Dank Maestro. Kommen sie, ich zeige ihnen, wo sie ihr Beintrikot und ihr Suspensorium anlegen können. Ach ist das nicht herrlich? Sie hier in meinen Räumen, lieber Herr Sergio!“ Sie nahm einen Arm des Tänzers, dann fiel ihr noch etwas ein und sie wandte sich zu Birgit und mir um: „Sie, meine Herrschaften können sich ja um die Bar kümmern. Wenn die Zuschauer etwas zu trinken wollen, dann schenken sie es ihnen aus. Wir haben Sekt, das Glas zu fünf Euro. Und vergessen sie nicht zu kassieren!“ Sie rauschte mit Sergio davon, wobei sie den ein- oder anderen Tanzschritt von sich gab. Sergio passte sich ihr an und es sah so aus, als würden zwei hüpfende Kinder den Raum verlassen.
Ich grinste und stieß Birgit an: „Gute Idee, kümmern wir uns um die ‚Bar‘. Da fallen wir am wenigsten auf und haben alles im Blick. Das Angebot erscheint mir zwar ein wenig einseitig, aber diese gesamte Veranstaltung ist ja auch ... merkwürdig. Ich wette, es kommt höchstens eine handvoll Zuschauer.“
„Die Wette halte ich“, entgegnete meine Kollegin. „Ich sage, es kommen mehr als zehn Leute.“
„Gut, dann sage ich weniger als zehn. Bei genau zehn ist Gleichstand und keiner hat gewonnen.“
Birgit nickte und lächelte: „Und worum wetten wir? Wie wäre es mit fünfzig Euro? Das ist mir die Sache wert.“ Sie hielt mir die Hand hin und ich schlug ein.
Sergio ließ sich mit dem Umkleiden Zeit. Als sich seine Frau die dritte Zigarette ansteckte, kehrte er, gefolgt von Madame Routon, zurück. Ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen, denn die alte Frau hatte die Gelegenheit genutzt und sich ebenfalls umgezogen. Sie trug jetzt einen schwarzen Body und um die Hüfte ein rosa Tutu. Die goldenen Ballettschuhe rundeten das Bild ab und mit ausgebreiteten Armen schwebte sie förmlich in den Raum. Aus den Augenwinkeln sah ich, dass Birgit ebenfalls ein Grinsen kaum unterdrücken konnte. Anders Jeka Krynow: Sie betrachtete die alte Frau mit einem abfälligen Gesichtsausdruck.
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