Vors. : Sie, Herr Zeuge, befinden sich in glänzender Vermögenslage ? Sie sind zu einem Einkommen von 150000 Mark veranlagt. Ihr Vater hat ein Vermögen von 1300000 Mark, sein Besitz beträgt 30000 Morgen?
Zeuge : Jawohl.
Vors. : Wie groß ist Ihre eigene Familie?
Zeuge : Ich habe einen Sohn und drei Töchter. Ich würde natürlich stets dafür sorgen, daß die Gräfin, wenn sie aus der Herrschaft hinaus müßte, nicht auf die Straße gesetzt würde, aber die Frau Gräfin geht wohl aus Hochmut oder weil sie nicht auf die Gnade von Verwandten angewiesen sein will, ihre eigenen Wege.
Auf weiteres Befragen erklärte der Zeuge : Die Frau Gräfin hat einmal die Äußerung getan: »Wenn ich den Prozeß verliere, so schieße ich den Jungen und mich tot. « So spricht doch keine Frau, die die wirkliche Mutter eines Kindes ist. Ebenso hat der Vater einmal geäußert: »Er sei der letzte Majoratsherr aus seiner Familie«, und als man ihn auf seinen Knaben hinwies, hat er gesagt: »Ach, ich wäre froh, wenn der Sohn nicht da wäre oder nicht lebte.« Das ist doch auch bezeichnend genug.
Graf Hektor bemerkte ferner auf Befragen: Zu dem Thema »Bestechung« ist so viel gelogen worden, daß es um aus der Haut zu fahren ist. Man hat gesagt, ich hätte der Ossowska 15000 Taler versprochen, einem anderen soll ich 30000 Mark versprochen haben, man behauptet, ich hätte »Millionen« ausgegeben (die ich überhaupt nicht habe). Man hat gefabelt, ich wollte nachts in Wroblewo den angeblichen Sohn stehlen, um ihn beiseite zu schaffen, der Untersuchungsrichter hat mir sogar einmal in scherzhafter Form mitgeteilt, daß behauptet werde, ich wollte den Knaben ermorden. Ich habe geantwortet: Jawohl, ich sehe wohl gerade wie ein Mörder aus! (Heiterkeit!) Später erhielt ich von dem Dr. Filimowski in Krakau, der dort Rechtsgeschäfte betreibt, einen Brief des Inhalts, daß er die Angelegenheit des untergeschobenen Kindes gut kenne. Dr. Filimowski ist inzwischen durch Dekret des Bezirksgerichts in Krakau zum Vormund des kleinen Jungen, der in Wahrheit Leo Franz Parcza heißt, bestellt worden. Dr. Filimowski hat mir in dem Briefe auch mitgeteilt, daß Professor Rosenblatt und ein Rechtsanwalt sich an diesen gewandt und gesagt hätten: er möchte doch die Familie nicht ins Unglück stürzen. Nachdem ihm Hechelski Bericht erstattet, sei er nach Krakau gefahren. Er habe dort der Cäcilie Meyer sechs bis acht Knaben-Photographien vorgelegt und ihr gesagt: »Darunter befindet sich Ihr Sohn, suchen Sie diesen doch einmal heraus!« Sie hat auf die Photographie des angeblichen »kleinen Grafen« gedeutet und gesagt: »Das ist er! Das ist mein Sohn, darauf will ich schwören!« Nach sieben Jahren konnte sie ihn natürlich nicht ohne weiteres erkennen, sie erkannte ihn aber an der Ähnlichkeit mit seinem älteren Bruder, der von demselben Vater stammt. Einige Zeit darauf meldete sich bei mir die Hedwig Andruszewska und teilte mir alles auf die Kindesunterschiebung Bezügliche mit. Ich dachte mir, daß ja schließlich alles Quatsch sei, was so unter vier Augen gesagt werde, ich habe deshalb einen Fragebogen mit 25 Fragen aufgestellt, bin damit zum Distriktskommissar gegangen und habe dort die Antworten der Andruszewska von dieser unterschreiben lassen, wobei der Ortsgeistliche als Dolmetsch fungierte. Da die Leute bei uns den größten Respekt vor dem Distriktskommissar und dem Ortsgeistlichen haben, ist bei dieser Gelegenheit alles durchaus ordnungsmäßig zugegangen. Für die Reise habe ich der Hedwig 20 Mark gegeben. Natürlich habe ich auch gesagt, daß ich mich eventuell erkenntlich zeigen würde, falls durch die gerichtliche Untersuchung die Kindesunterschiebungsgeschichte als wahr sich erweisen wurde.
Distriktskommissar Leithof (Wronke) bekundete auf Befragen des Verteidigers Justizrats Wronker: In seiner Gegend werden leider ungeheuer viel Meineide geleistet.
Frau Biedermann, Portiersfrau des Hauses Kaiserin-Augusta-Straße 74, bekundete: Sie habe die Gräfin schon am Abend des 26. Januar wiederholt stöhnen gehört; sie hatte am folgenden Tage keinen Zweifel, daß die Gräfin geboren habe. Vorher habe sie Kindergeschrei nicht gehört.
Im weiteren Verlauf der Verhandlung bat Graf Hektor v. Kwilecki folgende Erklärung abgeben zu dürfen:
1. Nicht wir, sondern die angeklagten gräflichen Eheleute haben es für angezeigt erachtet, die Entscheidung über die Legitimität des Kindes den Gerichten zu übertragen, indem sie den Vorschlag meines Vaters, die Angelegenheit in dem diskreten Rahmen einer Erörterung im engen Familienkreise zu prüfen, abgelehnt hatten. Nachdem aber die Sache auf Anregung des gräflichen Ehepaares zur öffentlichen Besprechung bei Gerichten gelangte, mußte man mit logischer Konsequenz verlangen, daß auch auf dieselbe Weise das gesamte uns durch dritte Personen enthüllte Material zur Aburteilung gelange.
2. Trotz meiner hier wiederholt abgegebenen Versicherung, daß meine Tätigkeit nicht durch Rücksichten auf pekuniäre Vorteile veranlaßt war, sind Zweifel an der Aufrichtigkeit meiner Worte erhoben worden. Um einen klaren Beweis für meine Absichten zu liefern, erkläre ich hiermit feierlich, daß ich auf das Majorat Wroblewo, falls die Frage an mich herantreten sollte, für meine Person verzichten werde.
Professor Dr. Dührßen gab sein Gutachten dahin ab: Ich kann nicht den Beweis liefern, daß die Frau Gräfin nicht geboren hat, ich kann aber nicht annehmen, daß gerade in diesem Fall eine Reihe von besonderen Umständen zusammengetroffen sein sollte, die eine Entbindung nach Schema F für wahrscheinlich erscheinen ließen. Ich glaube daher nicht, daß die Gräfin 1896 schwanger war und 1897 geboren hat.
Professor Dr. Freund (Straßburg): Daß eine 50jährige Frau noch schwanger wird, ist nichts Wunderbares. Es kommt nicht auf die Zahl der Jahre an, sondern darauf, daß die Frau noch ihre Menstruation habe. Medizinisch ist gegen die Schwangerschaft oder gegen die Geburt nichts Positives vorzubringen. Mit Vermutungen will ich nicht operieren.
Gerichtsarzt Medizinalrat Dr. Störmer trat im wesentlichen dem Gutachten des Prof. Dr. Dührßen bei.
Auf Anregung des Gerichtsarztes Medizinalrats Dr. Störmer wurde beschlossen: eine Kommission, bestehend aus Medizinalrat Dr. Störmer, Professor Dr. Straßmann und dem Porträtmaler Professor Vogel mit der Prüfung der Ähnlichkeitsfrage zu betrauen.
Rechtsanwalt Dr. Filimowski (Krakau): Er sei durch Dekret des k.k. Bezirksgerichts in Krakau am 1. April 1903 zum Vormund des kleinen Franz Pracza, alias Grafen Josef Adolf Stanislaus v. Kwilecki ernannt worden. Die angebliche Mutter des Knaben, Frau Cäcilie Meyer, habe ihm gesagt: Sie wurde es lieber sehen, wenn der Knabe ein ehrsamer, wenn auch armer Mann werde, als ein Eindringling in eine gräfliche Familie.
An einem der letzten Verhandlungstage erstattete die Ähnlichkeitskommission, zu der auch der Leiter des polizeilichen Erkennungsdienstes nach dem Bertillonschen System, Polizeiinspektor Klatt, hinzugezogen war, ihr Gutachten. Außer dem kleinen Grafen und seinem angeblichen um ein Jahr älteren, aber kleineren Bruder, Felix Pracza, die beide, in Weiß gekleidet, von einem Gerichtsdiener in den Saal geführt wurden, nahmen als Vergleichsobjekte vor dem Richtertisch Platz: die Tochter des angeklagten gräflichen Ehepaares, Graf Brinski, Bruder der angeklagten Gräfin, und Frau Cäcilie Meyer. Diese bemerkte auf Befragen des Vorsitzenden unter Tränen: das von ihr verkaufte Kind habe sie nur etwa 4 1/ 2Wochen gesehen; seitdem habe sie es nicht mehr vor Augen bekommen. Sie behauptete, die Ähnlichkeit zwischen ihrem früher geborenen Sohne und dem jüngeren kleinen Grafen sei ziemlich bedeutend.
Gerichtsarzt Medizinalrat Dr. Störmer erstattete darauf sein Gutachten:
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