»Herr Fischli, ach Herr Fischli! Hätten Sie kurz Zeit? Es wäre dringend. Dauert auch nicht lang, nur ein paar Minütchen. Ich mach Ihnen auch einen kleinen Schwarzen. Da sagen Sie nicht nein, nicht wahr? Natürlich nicht. Soviel Zeit muss sein. Aber Herr Fischli! Nun bleiben Sie doch endlich mal stehen!« Fischli blieb schließlich widerwillig stehen und warf die Hände theatralisch in die Luft. Er drehte sich um.
»Frau Sontheimer. Ich hab keine Zeit. Ich muss …«
»Ach was. Tun Sie doch nicht so beschäftigt. Sie haben doch den Adnan.« Zweifel war ein paar Meter entfernt stehengeblieben und tat so, als interessiere er sich für die Preisliste des Coiffeurs, der sein Geschäft neben dem Laden von Frau Sontheimer hatte, die Bademoden und Dessous verkaufte. Fischli warf Zweifel einen verstohlenen Blick zu.
»Wer ist denn jetzt der Tote? Mir können Sie es doch sagen. Von mir erfährt keiner was.« Sie hatte Fischli vertraulich am Arm gefasst und versuchte, ihn in ihren Laden zu lotsen.
»Von mir auch nicht. Hat mir die Polizei verboten. Fragen Sie doch den Kommissar, der steht schon hinter Ihnen.« Sie riss die Augen auf und schwenkte hastig herum. Zweifel, so plötzlich ins Spiel gebracht, reagierte sofort.
»Gegen einen Espresso hätte ich nichts einzuwenden«, sagte er mit einem gewinnenden Lächeln. Ilse Sontheimer, reich verwitwet, die ihren Laden hauptsächlich als Gerüchteküche und geschickt getarntes Kommunikationszentrum für das gehobene weibliche Publikum nutzte, verschlug es für wenige Sekunden die Sprache. Zweifel nutzte diesen taktischen Vorteil aus. »Vielleicht wäre es auch wieder mal Zeit für eine neue Badehose«, sagte er und ging schnurstracks an ihr vorbei in den menschenleeren Laden. Ein Blick auf die Preisschilder genügte ihm. Sie hatten eine eher abschreckende Wirkung auf die 0815-Kundschaft. Ilse Sontheimer blieb nichts anderes übrig, als ihm zu folgen. Er drehte sich zu ihr um. »Schön, Frau Sontheimer, so war doch Ihr Name, mein Name ist Zweifel, Kriminalkommissar. Dann wollen wir uns doch mal ungestört unterhalten.« Sie fand ihre Sprache wieder.
»Mit einem kleinen Schwarzen habe ich einen Mokka gemeint. Espresso gibt es bei mir nicht. Das klingt so nach ›hoppla hopp‹ und ›wird’s bald‹ und ›jetzt aber fix‹. Mokka ist was für Genießer, die sich Zeit lassen können, finden Sie nicht?« Zweifel schenkte ihr ein Lächeln.
»Dann lassen Sie in diesem Fall bitte den Zucker weg.« Sie nickte gleichfalls lächelnd und verschwand in einem Nebenraum, der als Kaffeeküche diente und kaum größer als eine Umkleidekabine war. Zweifel setzte sich in einen Korbstuhl, der dort platziert war, wo üblicherweise der männliche Teil der Kundschaft am besten aufgehoben war: In der Nähe der Kasse und darüber hinaus nicht im Weg. Er hörte sie emsig herumhantieren. Den Geräuschen nach zu urteilen verfügte »Sonny’s Dessous« über eine hochmoderne Mokkamaschine. Überhaupt waren nicht nur die Preise, sondern die gesamte Ladeneinrichtung hochklassig, wie Zweifel unschwer erkennen konnte.
»Sie mögen Schweizer Pralinen, hoffe ich.« Ilse Sontheimer war mit einem Tablett erschienen, auf dem sich zwei goldgeränderte Designertassen neben einer gläsernen Etagere mit einer erklecklichen Anzahl verführerischer Schokojuwelen befanden.
»Ich höre mich nicht Nein sagen«, sagte Zweifel.
»Dann greifen Sie ungeniert zu«, sagte sie und stellte eine Tasse in seine Reichweite.
»Gibt es denn viele Besucher, die 350 Euro für einen Badeanzug ausgeben?«, fragte er und angelte nach einer mit zwei Pistazien verzierten, hellbraunen Schönheit. Sie nippte an ihrer Tasse.
»Mehr als Sie sich vermutlich vorstellen können. Vor allem Ausländer, Schweizer, um genau zu sein, gönnen sich gern mal was ganz Besonderes.« Sie stellte ihre Tasse ab. »Meine Ware ist ja nicht einfach nur teuer. Sie bekommen eben auch etwas ganz Außergewöhnliches für Ihr Geld«, fügte sie hinzu. Zweifel nickte und wechselte das Thema.
»Wie haben Sie den Vormittag erlebt?«
»Tja, Herr Kommissar, was soll ich sagen? Das war doch mal eine nette Abwechslung.«
»Wie bitte?« Fast hätte er sich an seinem Mokka verschluckt.
»Ich weiß natürlich, dass niemand ernsthaft zu Schaden gekommen ist, sonst würde ich nicht so daherreden. Das heißt …« Sie schaute ihn mit großen Augen an. »Jemand ist doch zu Schaden gekommen. Darf man wirklich nicht erfahren, um wen es sich bei dem Toten im Whirlpool handelt?« Er setzte seine Tasse vorsichtig wieder ab und inspizierte die Etagere. Sollte sie ruhig noch ein bisschen zappeln.
»Was ist denn das hier für eine Köstlichkeit?« Er hatte sich eine schwarze Praline geangelt, die zur Hälfte in einer goldenen Papiermanschette steckte.
»Neunzigprozentige Surabaya-Schokolade mit einer Füllung aus weißem Rum und Kokosnussmus.«
»Da muss ich ja beinahe überlegen, ob das als Beamtenbestechung angesehen werden kann.« Sie antwortete ihm mit einem breiten Lächeln und sagte nichts. Er ließ sich ihre Praline und ihr Schweigen auf der Zunge zergehen.
»Was haben Sie denn von dem Rauchgas mitbekommen?«
»Von dem Rauch selbst so gut wie nichts. Ich hatte gerade meinen Laden dichtgemacht und wollte für eine Viertelstunde an die frische Luft. Ich rauche ganz gern mal diese kleinen schwarzen Zigarren, Sie wissen schon. Auf dem Weg nach draußen hab ich einen kleinen Schwatz mit Roberto gehalten. Der betreibt das Bistro gleich nebenan. ›Du rauchst zu viel‹, sagte er gerade zu mir, und da ging es los. Unter den Ruhebänken, die da in der Mitte der Galerie stehen, kam dichter Qualm hervor. Es dauerte nicht lang und die ganze Ladenstraße war eingenebelt und zwar genau zu dem Zeitpunkt, als eine große Besuchergruppe an den Kassen stand. Das müssen wohl zwei oder drei Reisebusse voll gewesen sein. Und als der Rauch kam und den Weg nach draußen versperrte, sind die alle Richtung Saunabereich geflüchtet. Ich hab mich dann gleich mit Roberto in dessen Küche verzogen, die hat einen Seitenausgang ins Freie.«
»Und die Panik drinnen im Saunabereich?«
»Davon hab ich nichts mitbekommen.«
»Wann waren Sie heute Morgen da?«
»Kurz nach neun, wie immer. Ich öffne um halb zehn.«
»Irgendjemand muss diese Rauchgasgranaten unter den Sitzen versteckt haben. Können Sie sich an irgendwas erinnern, was uns weiterhelfen könnte?«, fragte er und leerte seine Tasse.
»Da muss ich nachdenken, das heißt, warten Sie, da muss ich gar nicht groß überlegen. Möchten Sie noch einen Mokka?« Sie wartete seine Antwort gar nicht erst ab und verschwand mit beiden Tassen. »Gestern Abend, kurz bevor ich ging, hab ich was beobachtet«, rief sie ihm aus ihrer Miniküche zu, während es dort zischte und brodelte. Zweifel stand auf und ging ihr nach. »Wenn ich jetzt so drüber nachdenke, bin ich sicher …«, rief sie im Bemühen, ihre Maschine zu übertönen, laut über ihre Schulter. »Huch, hab Sie gar nicht bemerkt. Also …«, sagte sie im normalen Tonfall und füllte beide Tassen aus einer kleinen Glaskaraffe, »ich bin sicher, dass ich den gesehen hab, der die Gasbomben versteckt hat. Bitte sehr, Herr Kommissar, sehr heiß.« Zweifel nahm ihr seine Tasse ab und zog die Augenbrauen in die Höhe. »Ich hörte es klimpern.« Er schaute sie an und schlürfte dabei vorsichtig an der dunkelbraunen Flüssigkeit. »Als ich nachschauen wollte, wer da mit Geld um sich warf, sah ich einen Mann auf allen Vieren bei den vorderen Sitzbänken. Er fluchte, aber es hörte sich Französisch an. Was sagen die bei solchen Gelegenheiten? ›Mörde‹ oder so ähnlich. Er hatte einen weinroten Overall an mit irgendeiner Firmenaufschrift. Sah wie ein Techniker aus. Es könnte aber auch ein Handwerker gewesen sein. Jedenfalls sammelte er all seine Münzen, die da auf dem Boden verstreut waren, ein und das waren nicht wenige. Er war also eine ganze Weile beschäftigt.« Sie nahm einen nachdenklichen Schluck aus ihrer Mokkatasse. Zweifel schwieg und wartete. »Ich hab ihn dann nicht weiter beobachtet, sondern meine Kasse abgeschlossen. Dann nahm ich meine Tasche und drehte gerade den Schlüssel in meiner Tür um, als es ein zweites Mal klimperte. Wie schusslig kann ein Mann denn sein, frag ich Sie.«
Читать дальше