Der Gedanke, dass er sich die Sucherei hier unten eigentlich gar nicht antun müsse, kam zu spät. Er sah zwei Mädchen aus einer Neunten, in der er auch unterrichtete, wie sie, an einem Pfeiler lehnend, in ein Gespräch vertieft waren, das sie so sehr zu fesseln schien, dass sie Hansen erst bemerkten, als er sich ihnen bis auf wenige Meter genähert hatte, und ein Fluchtversuch nicht mehr in Frage kam.
Die brennenden Zigaretten schienen sie mehr im Reflex als mit kalkulierter Leugnungsabsicht fallen zu lassen, aber mit Routine, genau neben die zum Austreten angehobenen Absätze, oder, weil es sich so gehörte, wenn man erwischt wurde, als Respektbezeugung sozusagen. Es gab auch einige, die unbekümmert weiterrauchten, der harte Kern, an denen man sich - um im Bild zu bleiben - die Zähne ausbiss.
Zu denen gehören die beiden nicht, hoffte Jochen.
„Herr Hansen, Sie auch hier unten?“
Marita strich über ihren Minirock, versuchte ein kokettes Lächeln, konnte aber verlegen zuckende Mundwinkel nicht überspielen. Auch Stephanie, die so leicht nichts umhauen konnte, wirkte alles andere als souverän.
Und das nur wegen ein paar Zigaretten im Keller?
Es schien auch ein anderer Geruch in der Luft zu hängen, als der übliche muffig-warme.
Vielleicht ne besondere Zigarettenmarke, dachte Jochen, während er den beiden erklärte, dass er sich hier von Berufs wegen aufhalte, ganz im Gegensatz zu ihnen.
Sie hätten unbedingt allein sein müssen, ungestört, er kenne doch die blöden Jungens; nirgends könne man mal was in Ruhe bequatschen.
„Und vor allem in Ruhe rauchen“, ergänzte Jochen.
„Aber Herr Hansen, Sie rauchen doch selber, Sie wissen doch wie das ist, bei Problemen und so.“
Jochen bewunderte, wie schnell Marita die Situation wieder in den Griff bekommen hatte. Auch Stephanie wirkte nun wieder entspannter. Mit lässiger Offenheit zerrieb sie die Zigarettenkippe unter ihrem Absatz, wobei sie das dazugehörige Bein noch in Bewegung hielt, als die Kippe schon längst zerbröselt war.
„Herr Hansen, wirklich, Probleme, echt“, sagte auch Stephanie und sah bekümmert auf ihr wedelndes rechtes Bein.
„Kann ich helfen? Ihr wisst doch...“
„Nee nee“, wie aus einem Munde, spontan und endgültig, fast wie ‚um Himmels willen’ kam die Antwort bei Jochen an.
„Mädchenangelegenheiten, wissen Sie, leider nich, wirklich nich, das verstehen Sie doch, oder?“
Marita beherrschte die Situation wieder, ganz offensichtlich. Jochen kannte keine Schülerin, die Gefühle so glaubhaft spielen konnte, wie sie. Als Zugabe schenkte sie Jochen noch einen Blick, bei dem nur ein herzloser Schuft kein mitfühlendes Verständnis empfunden hätte.
„Na schön, ich komme in zehn Minuten nochmal, aber dann ist Schluss.“
Auf die Frage, wo denn ihre Mitschüler geblieben seien, erklärte Marita, dass die abgehauen seien, zu irgend ner Demo. „Da könnse mal sehen, Herr Hansen, wir sind die einzigen …“
„Musterschülerinnen, ich weiß. Also in zehn Minuten.“
Mit allen Wassern gewaschen, dachte Jochen auf seinem Weg in die oberen Stockwerke. Was bringt denen schon meine ‚Reformation’ und ‚Gegenreformation’, die ‚Paulskirche’, ‚Großdeutsche oder Kleindeutsche Lösung’. Chancenlos, absolut chancenlos. Die brauchen ganz andere Lösungen als klein- oder großdeutsche. Dass ein Bruder Napoleons in seiner Eigenschaft als König von Westfalen in Sekt gebadet haben soll, das fanden sie toll. Marita hatte dazu mit verklärtem Blick und gehauchter Stimme geäußert: „Muss das prickeln, besonders an bestimmten Stellen.“
Die Klasse war damals außer Rand und Band gewesen: Gejohle und Gekreische „Wo denn?“, „Zeig uns deine Stellen“, „Die hat doch jarkeene Stellen“.
Und als sich ihre Mitschüler ausgejohlt hatten, hatte sie in gleicher Stimmlage und gleichem Blick - diesmal auf Jochen gerichtet - nachgeschoben: „Herr Hansen weiß schon, wovon ich rede, nich Herr Hansen?“
Von den zweiundfünfzig der Sekretärin als anwesend gemeldeten Schülern hatte er dreiundzwanzig aufgespürt, fast alle aus dem siebten und achten Jahrgang. Die anderen hatten es sich offensichtlich nochmal anders überlegt, hatten die Gunst der Stunde genutzt. Auf jeden Fall waren sie nicht mehr da. Er schickte sie auf den Schulhof mit der Auflage, sich in einer viertel Stunde in der 8c einzufinden.
Er selbst beeilte sich ins Lehrerzimmer zu kommen. Die Zeit war knapp. Er musste den Kaffee noch kochen, den er vor seinem nächsten Auftritt in 15 Minuten trinken wollte, bei einer, vielleicht zwei Zigaretten.
Die Klinke der Lehrerzimmertür hatte er bereits in der Hand, als er Fanselow und Reimers wahrnahm, die vor dem Sekretariat standen. Er sah, wie Reimers auf Fanselow einredete.
Wie auf einen kranken Gaul, dachte Jochen.
Er konnte nicht hören, was da vor sich ging. Eine Glastür trennte ihn von den Beiden. Aber auch ohne akustische Verbindung spürte Jochen, dass etwas Ungewöhnliches in der Luft lag.
So belämmert, wie der dasteht, wie ein Streber, den man beim Mogeln ertappt hat. Unser ostpreußisches Kaltblut scheint es erwischt zu haben. Was soll’s, den bringt so leicht nichts um, den nicht, aber mich, wenn ich meinen Kaffee nicht mehr hinkriege, und verschwand im Lehrerzimmer.
Er war allein, jetzt, wo den meisten Kolleginnen und Kollegen die Schüler abgehauen waren.
Die verdrücken sich bis die Dinge geregelt sind, dachte Jochen und ärgerte sich erneut, dass es ihn wieder mal erwischt hatte.
Vielleicht sollten wir es doch machen, überlegte er, während der Kaffee in die Kanne tröpfelte. Einfach abhauen, andere machen es ja auch. Endlich frei sein, davon reden doch alle. Frei und selbstbestimmt leben; aber hier in Berlin. Dazu braucht man nicht nur einen freien Kopf, dazu braucht man auch Luft zum Atmen, und das in diesem Hexenkessel: Besetzte Häuser, brennende Barrikaden, aufgerissene Straßen, Pflastersteine auf Bullen, dumpf stampfende Hundertschaften gegen Jugendliche und Kinder, depressive Lehrer, in denen ein Virus wuchert mit Namen ‚Fremdbestimmung’ und zu allem Überfluss auch noch Dreck und Smog.
Alle fühlten sich fremdbestimmt, die ganze Demonstriererei hatte nichts gebracht.
Auch Jochen wurde von diesen Gefühlen heimgesucht, zwar nur in Schüben, aber immerhin.
Dann wollte auch er nicht mehr von der Pausenklingel abhängig sein,
Campus-Treiben im Pädagogen-Hain am Kottbusser-Tor, dem würde, um mit ihnen im Gleichklang edler Seelen Gedanken auszutauschen, zu lernen und sich des Lebens zu freuen. von unnötigen materiellen Ansprüchen, von Konsumdenken und Statusgehabe, dann wollte auch er sich befreien von gesellschaftlichen Zwängen, von Hetze und Stress.
Er dachte an Manuel, der unerschütterlich an seinem Glauben festhielt, dass er sich irgendwann nicht mehr vor randalierenden Schülern ängstigen müsste, sondern Freunde, Gleichgesinnte, Verehrer, Jünger, befreite Schüler eben, um sich scharenSlum von Kreuzberg, gaukelte er sich vor, der gute Manuel.
Schön wär’s ja, dachte Jochen beim Anblick des tropfenden Kaffees.
Auch Kathi - seine Frau - fühlte sich immer öfter bedrückt in dieser Stadt, die sie auch für die häufigen Krankheiten ihrer Kinder verantwortlich machte.
Irgendetwas muss sich ändern, dachte auch sie, irgendetwas, was für alle gut ist, für die Kinder, für Jochen und für mich.
Die Verlockungen der ‚Selbstbestimmung’ leuchteten auch bei Kathi und Jochen gegen das düstere fremdbestimmte Dasein an. Vor allem an Smogtagen spürten sie den Glanz der strahlenden Verheißung jenseits der Dunstglocken. Die Unbilden, die sich in Küche, Kinderladen und Klassenzimmer schlichen, empfanden sie dann umso deutlicher.
Bis zu dem Sonntag, an dem Jochen im Immobilienteil der Berliner Morgenpost eine Anzeige aufgefallen war.
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