„Mit Referentinnen aus’em Puff ja ja, aber …“
„Na siehste, weeßte also noch. So, und nu stell ick mir det so vor.“
Die Erde hat ihn wieder, dachte Jochen, er berlinert wieder. Rolf stellte sich in Positur, überschritt dabei den Sicherheitsabstand, den sich Jochen inzwischen geschaffen hatte, und begann wie ein Prediger ohne Kanzel mit mahnend aus- gestrecktem Zeigefinger mit seinen Offenbarungen.
„Also“ - Pause - „keine Schulpflicht mehr“ - Pause - „Thema Pornografie is angesagt“ - Pause - „Wat passiert?“ - Pause - „Ick wer’s dir sagen.“ - Pause - „Die bürgerliche Elite zieht ihren Nachwuchs freiwillig ab, die Kinder des sojenannten Proletariats kommen in Scharen, und zwar jenauso freiwillig, empfangen mit offenen Armen von unsern roten Kollegen und Kolleginnen natürlich, denn rot und röter gesellt sich gern, wie det Sprichwort schon sagt. Und denn jeht et los mit Leninismus, Marxismus, Sexualismus und allet, was sonst noch auf ‚mus’ rausläuft, Vandalismus zum Beispiel, Lesen und Schreiben nur noch im äußersten Notfall.“
Für’n Sportlehrer wie dich genau das Richtige, dachte Jochen.
„Ick hör se direkt beim Appell morjens vorm Unterricht, wie se jemeinsam mit jlänzenden Oogen deklamieren:
‚Morjenröte ick jrüße dir,
dem Sozialismus weihe ick mir.
Ihm jilt mein Streben, er ist mein Leben,
bald wird janz Kreuzberg davon erbeben!’
„Vor allem ‚erbeben’ und das Ganze auf ‚Großer Gott wir loben dir’, entschuldige ‚dich’, ausnahmsweise ‚dich’.“
„Zum Beispiel; wat soll ick mich, ick meene mir?“
„Vergiss es, war nur so ...“
„Jeht in Ordnung. Wart’s ab, bald musst auch du solche Verse von dir jeben zur Begrüßung der ‚freiwilligen Schülerbrigaden’, oder „ - er verlieh seiner Stimme etwas Feierliches – „zur Einstimmung der Lehrerkommune auf die tägliche Planerfüllung.“
„Gib deinem Affen mal weiter Zucker.“
„Ick sehe schon, du willst et nich wahrhaben. Aber spätestens, wenn die AG ‚Bundschuh’ zum fröhlichen Molotowcocktail-Basteln einlädt, wirst du meiner Worte gedenken.“
Auf dem Schulhof war es merkwürdig still. Nirgends Schüler, keine Zuspätkommer, keine Schwänzer, die sich Deckung suchend an die Kastanien drückten. Vier Bäume standen am Rande des asphaltierten Hofes. Außer Rolf Stemmer und Jochen Hansen niemand.
Fast wie Ferien, dachte Jochen auf dem Weg zum Sekretariat im Hauptgebäude, während Rolf weiter auf ihn einredete. Wenn da nicht die Müllhaufen gewesen wären. Sechs Haufen, pyramidenähnlich aufgeworfener Abfall, in gleichmäßigen Abständen um den halbfußballfeldgroßen Schulhof, wie Spielfeldmarkierungen für eine außergewöhnliche Auseinandersetzung. Dass im Boden verankerte Abfallbehälter die Abstände und den Aufbau dieser ‚Markierungen’ bestimmten, konnte - außer Insidern - niemand mehr erkennen. Von den Behältern war nichts mehr zu sehen.
Beuys was here, Beuys, Beuys, Beuys was here, here was Beuys.[1]
Beim Anblick dieser Gebilde aus Plastik, Pappe, Dosen und Essensresten auf diesem Gelände, das wie ein zu groß geratener Hinterhof wirkte, fühlte er einen Rhythmus, der seine Schritte zu verändern begann.
Beuy, Beuy, Beuys was here, Beuy... .
„Musste mal oder zappelste dir Mut an?“
„Nee, nee ...“
„Wat nee? Genier dir nich Jochen, darauf kommt’s nu auch nich mehr an, bei der Müllhalde. Übrigens, is Jenosse Hausmeister ooch abhanden jekommen, oder sind das schon die ersten zarten Hinweise auf ein neues Arbeitsgebiet für Lehrer: die kulturrevolutionäre Ausweitung unseres Lehrauftrages auf ‚Beseitigen von Schülermüll’, täglich.“
„Statt Lesen und Schreiben, du sagtest. …“
„Na bitte, selbst Wessis sind lernfähig“, grinste Rolf.
Im Gegensatz zu dem einen oder anderen Sportlehrer, dachte Jochen.
Im Sekretariat trafen sie auf einen Schulleiter, der mit deutlich röterem Gesicht als sonst, markanteren Falten auf der Stirn als üblich und beängstigend angeschwollenen Halsschlagadern vor der Stundentafel stand - dem Organisationsplan jeder Schule, an dem man ablesen kann, wer in welcher Klasse zu welcher Zeit unterrichtet -. Er drehte sich ruckartig zu den beiden Kollegen, aufgeschreckt, so schien es, durch Stemmers „na alter Junge“. Sie kannten sich aus Studientagen. „Läuft alles nach Plan?“
„Plan? Nach Plan, in diesem Chaos? Gestern Randale, heute Streik oder sowas Ähnliches und morgen, was kommt morgen? Barrikaden vor der Schule, dass wir erst gar nicht reinkommen, damit sie in Ruhe die Schule verwüsten können? Und das Dollste: mit freundlicher Unterstützung einiger Mitglieder dieses Kollegiums. Kollegen, Kolleginnen sogar, obwohl, das weiß man ja schon länger, die mischen da ganz offensichtlich besonders kräftig mit, sind sich auf einmal für nichts zu schade, man fast es nicht. Die legen da mit Hand an, wenigstens moralisch-ideologisch oder sogar - Tach Herr Hansen, Entschuldigung -, aber das ist doch das Ende von Anstand und Kultur oder etwa nicht!“
Vor allem, wenn Kolleginnen ‚moralisch und ideologisch Hand anlegen’, vorne weg die scharfe Rita, handanlegend ..., stellte sich Jochen vor.
„Rolf, oder was sagst du dazu? Und keiner hilft, nicht einer lässt sich blicken, vom Bezirksamt. …“
„Vielleicht haben sie da schon die Barrikaden“, brach Jochen seine Gedanken an die scharfe Rita ab, „aufge...“
„Was?“, fuhr Reimers dazwischen, „nun malen Sie man nicht den Teufel an die Wand Hansen, Barrikaden vorm Bezirksamt!, ich bitte Sie.“
Ein Zucken schien durch seinen Körper zu laufen, er tat ein paar Schritte , stützte sich auf die Lehne des Schreibtischstuhls, stand da wie jemand, der auf der Flucht kurz verschnauft und fuhr fort : „Da wird ja wohl die Polizei, die sitzen doch an der Quelle, irgendwo müssen die doch sein, hierher kommt ja keiner!“
„Wer kommt nich?“, fragte Rolf.
„Die Polizei, wer denn sonst!“ Reimers Unmut über diese Frage war unüberhörbar.
Rolf nickte Reimers, wie um Vergebung bittend, zu und unterrichtete ihn dann über die Situation in seiner und Hansens Klasse.
„Ich sag’s ja“, Reimers fuhr sich mit der linken Hand über die Stirn, stützte sich mit der anderen noch immer auf die Stuhllehne, stand da gekrümmt und mit ratlos suchendem Blick.
„Ich sag’s ja, Streik, Randalismus, Vandalismus“, - Sexualismus, dachte Jochen. - „womit müssen wir noch alles rechnen!“
Porno im Unterricht natürlich, Jochens Gesicht hellte bei diesem Gedanken auf.
„Sagen Sie mal Hansen, finden Sie das lustig? Sie sind doch inzwischen lange genug in Berlin, um die Tragweite …“
„Det sind die Nerven von unserm Neuberliner, so unbedarft issa ja nu ooch nich mehr, wa Jochen.“
Du altes, mieses Arschloch, dachte Jochen, als Rolf ihm dabei auch noch kumpelig auf die Schulter haute.
„Nerven?“ - in Schulleiter Reimers Gesicht zuckte es bei diesem Wort - „Nerven habe ich schon lange nicht mehr, kann ich mir nicht mehr leisten. Das Einzige, was ich noch habe, ist Stress, Stress von morgens bis abends, selbst Hildchen“, er schluckte, „ na tut ja nichts zur Sache; und die da oben.“ Bei ‚oben’ richtete er seinen Blick und einen Arm mit erhobenem Zeigefinger zur Zimmerdecke des Sekretariats.
Meint er nun die himmlischen Heerscharen oder die Schulverwaltung, dachte Jochen, dessen Augen unwillkürlich dem Schulleiterblick gefolgt waren.
„Die da oben hüllen sich in Schweigen.“
Mit einem Ruck senkte er Arm und Blick wieder, löste sich vom Stuhl, drehte seinen Kopf zum Fenster, verharrte dann regungslos und flüsterte in den Raum, in dem nur das Tropfen einer Kaffeemaschine zu hören war:
„Ruhe, seien Sie doch mal ruhig, hören Sie das auch? Da kommen sie
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