„Sie sind sicher hungrig und haben bestimmt noch nicht einkaufen können. Wir freuen uns, wenn Sie mit uns zusammen essen, und dabei können wir über alles reden.”
Wohlerzogen lehnte sie das ab, da sie viel zu viel Angst hatte, ihre Dummheit einzugestehen, um dann mit Schimpf und Schande auf die Straße gesetzt zu werden.
„Das ist sehr freundlich von Ihnen. Aber ich habe in Baden-Baden schon etwas gegessen. Vielen Dank für das Angebot. Ich werde später, wenn ich meine Sachen ausgepackt habe, bei Ihnen klingeln.”
Kaum war die Abschlusstür geschlossen, warf sich Stasia auf das Bett und weinte verzweifelt, alles erschien ihr aussichtslos. „Alles lief zuerst gut, wie konnte ich nur so leichtsinnig sein!” Selbstzweifel und quälende Angst vor der Zukunft rissen an ihrer Seele. Snoopy war genauso traurig. Auch für ihn war alles sehr verwirrend und fremd, er spürte, dass es seinem Frauchen schlecht ging, und deshalb schmiegte er sich eng an sie. Nachdem sie sich ausgeweint hatte, sich die Tränen trocknete, wusste sie, dass keine Zeit mehr war zu trauern, sondern es Zeit war, um endlich zu handeln. Sie wusch sich das Gesicht, legte etwas Schminke auf und ging mutig zu den Vermietern. „Haben sie sich gut eingelebt? Setzen sie sich zu uns und trinken sie mit uns ein Glas Wein“, lud der nette Vermieter sie ein. Sie waren gerade mit Essen fertig. Sie nahm Platz, trank einen Schluck des angebotenen Weins und fragte, ob sie einen sehr wichtigen kurzen Anruf zu ihren Eltern machen dürfte.„Ich habe versprochen, sofort anzurufen. Meine Eltern wissen noch nicht, dass ich bei Ihnen eine so schöne Wohnung gefunden habe und sofort einziehen konnte.”
„Selbstverständlich, Fräulein Burani, ich zeige Ihnen das Telefon. Es steht im Flur.”
Da die Eltern jedoch nicht wussten, wo sich Stasia aufhielt, wusste sie, dass sie sich kurz fassen musste, um ihre Vermieter nicht unnötig misstrauisch zu machen, falls sie dieses Gespräch mithörten. Nach längerem Klingeln ging ihr Vater endlich ans Telefon.
„Papa, ich bin's. Ist Mama da? Ich habe nicht viel Zeit zum Sprechen, hol sie bitte schnell ans Telefon.”
Der Vater war ziemlich verdutzt über den plötzlichen Anruf und wusste nicht, was er fragen oder sagen sollte. Die Mutter war im Moment nicht zu Hause.
„Stasia, du bist's? Wir suchen dich überall, wo bist du? Mama macht sich große Sorgen und weint den ganzen Tag, weil sie nicht weiß, ob es dir gut geht!“, Stefan hatte wieder seine Fassung gefunden.
„Ja, es geht mir gut. Ich habe eine schöne Wohnung gefunden. Sag Mama, dass sie mich dringend noch heute anrufen muss!… Nein, das kann ich jetzt nicht erklären. Später.”
Dann bat Stasia um die Telefonnummer der Vermieter, die sie ihrem Vater durchgab.
„Papa, es ist sehr wichtig, dass Mama heute noch anruft, auch wenn sie spät nach Hause kommt. Ich erkläre euch dann alles ausführlich. Mir geht es gut. Wirklich gut! Mach dir keine Sorgen.”
„Eltern, dauernd machen sie sich Sorgen um ihre Kinder“, gab Stasia von sich, als sie aufgelegt hatte. Die Vermieter schauten Stasia unsicher, jedoch gütig an. Natürlich bemerkten sie die Nervosität von Stasia, waren aber einfühlsam und stellten keine weiteren Fragen. Selbstverständlich würden sie Stasia rufen, wenn die Mutter anrufen würde. Das sei kein Problem, auch wenn es spät sein würde. Dem Zusammenbruch nahe lag Stasia wartend auf ihrem Bett. Die Stunden und Minuten vergingen schleppend, bis es endlich an ihrer Wohnungstür klingelte und Stasia ans Telefon gerufen wurde. Frauke, sehr aufgeregt, wollte endlich wissen, wo sie denn sei, und viele weitere Erklärungen für alles was geschehen war. Die Mutter berichtete, dass Max fast jeden Tag da gewesen sei, er hätte die Polizei beauftragt sie zu finden, da sie einfach ohne Nachricht verschwunden wäre. Auch wurde ihre beste Freundin Marina befragt, doch Marina bestätigte, dass Stasia nicht so einfach verschwunden sei, und es ihr gut ginge. Sie erklärte der Polizei, dass Stasia einen Abschiedsbrief hinterlassen und sie Max verlassen hätte, da er gewalttätig und unberechenbar sei. Damit war der Fall für die Polizei erledigt. Atemlos schilderte die Mutter:
„Max hat nicht aufgegeben, er hat ohne Unterlass nach dir gesucht, war sogar auf dem Weg nach Frankreich, da er von irgendjemand gehört hatte, dass dein Ziel Südfrankreich sein könnte. In Marseille ist er jedoch mit Alkoholfahne bei einer Kontrolle erwischt worden und hat den Führerschein mit zwei Promille abgenommen gekriegt”
Eine wunderbare Nachricht, denn nun fühlte sie sich etwas sicherer. Kurz schilderte Stasia, wo sie sich befand, dass sie kein Geld mehr hätte und dass die Eltern schnellstens kommen müssten, um ihr zu helfen. Frauke versprach gleich am nächsten Morgen mit dem Rest der Familie loszufahren, um sie am Bahnhof „Oos” zu treffen. Die Vermieter, die wohl etwas vom Gespräch mitbekommen hatten, ließen sich nichts anmerken und verabschiedeten Stasia mit einer „guten Nacht” für sie, und dass doch alles gut für sie werden würde.
„Hatten sie etwas bemerkt? Oder waren sie einfach nur höflich“, dachte sie.
Mit knurrendem Magen, aber beruhigt, zog sie sich zurück und trank einen großen Schluck von dem restlichen warmen Sekt, den sie noch übrig hatte und dachte sehnsuchtsvoll an die Stunden mit Mario. Gut, dass sie unterwegs eine Schlafdecke und ein Kopfkissen gekauft hatte. Das war eine wunderbare Idee von Mario gewesen, der viel praktischer veranlagt war als Stasia. So war fast alles geregelt. Snoopy war erst mal satt, der Sekt und die vielen Aufregungen des Tages hatte sie schwer und müde gemacht.
„Jetzt muss ich nur noch auf den nächsten Morgen warten.”
Eine traumlose Nacht verging. Früh am Morgen erwachte Stasia, ging mit ihrem geliebten Hund spazieren, und dabei „erschnüffelte” er mit feiner Nase einen Bäckerladen, aus dem der verlockende Duft von frisch gebackenen Brötchen strömte. Ihr Magen rief nach Nahrung.
„Hunger, auch für Snoopy!”
Sie hatte noch ihre restlichen Pfennige. Das reichte für zwei blanke Brötchen. Eins für Snoopy und eins für sich selbst. Das Reisegespann saß auf der Bahnhofsbank und genoss das köstliche Frühstück. Endlich nach einigen Stunden des Wartens sah sie erleichtert das Auto ihres Bruders anfahren. Die Familie kam erleichtert zusammen, nach großer Sorge um sie nach ihrem plötzlichen Verschwinden. Das Auto war voll beladen. Kisten gefüllt mit Lebensmitteln, Getränken, Handtüchern, Decken, Lampen, Toilettenartikeln, Streichhölzern und vielem, was man in einem Haushalt so braucht. Glücklich und stolz zeigte Stasia der Familie die neue süße Wohnung, und stellte den Vermietern ihre Familie vor. Etwas Geld hatten sie für Stasia vom Sparkonto abgehoben, und dann besprachen sie gemeinsam den Mietvertrag und bezahlten danach Miete und Kaution für Stasia.
„Das ist so schön, zu sehen, dass sich Eltern derartig liebevoll um ihre Kinder kümmern. Wir haben leider keine Kinder. Wir beneiden sie um ihre Tochter“, hörte Stasia zufällig mit, als sie von der Toilette zurückkam.
„Wahrscheinlich sind die Leute mir gegenüber deshalb so verständnisvoll“, dachte sie erleichtert. Die Familie verbrachte zusammen einen Frühlingstag wie aus dem Bilderbuch in Baden-Baden. Die aufgestaute Angst und die Ungewissheit um Stasia hatten sich vorerst gelegt.
„Meine Tochter, du schaffst das, wir stehen immer an deiner Seite. Wir werden Max nicht erzählen, wo du bist. Du wirst ein eigenes besseres Leben bekommen, als du mit ihm hattest“, verabschiedete sich Stefan mit Tränen in den Augen. Stasia musste bei der Abreise der Familie versprechen, schnell für Arbeit zu sorgen, und mindestens einmal in der Woche kurz anzurufen, um zu berichten, wie es ihr erging. Schließlich war sie erst süße einundzwanzig Jahre alt. Nachdem die Familie abgereist war, der Kühlschrank war gefüllt, die Miete für drei Monate war ebenso gesichert, kam der nächste Schritt. Das weitere Leben musste geplant werden. Aber die schon immer ersehnte Unabhängigkeit konnte erst dann geregelt sein, wenn ein regelmäßiger Job mit einem überschaubaren Einkommen gefunden wäre. So studierte sie sämtliche Stellenangebote in den Zeitungen und überlegte, wie sie arbeiten gehen und das Versorgen ihres geliebten Pudels vereinbaren konnte. Nie wollte sie ihren geliebten Hund über den ganzen Tag alleine lassen. Die meisten für sie geeigneten Stellenangebote waren nun mal ohne „Hundeanhang” angeboten. Während eines Spaziergangs durch den herrlichen Kurpark mit Snoopy entdeckte sie am Kurhaus einen Aushang:
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