Was für ein Erlebnis! Es wurde getanzt, viel Champagner ausgeteilt, der Stasia zu der damaligen Zeit noch nicht so richtig schmecken wollte. Aber das gehörte zur großen Welt einfach dazu. Hans gesellte sich dann mit einem seiner Freunde zu ihnen, nachdem er mit all seinen Gästen geplaudert hatte. Er stellte Mario vor. Mario war ebenso wie Hans attraktiv und selbstbewusst. Dunkles Haar, tiefbraune Augen, schlaksige Erscheinung, eher lässig mit offenem Kragen, doch geschmackvoll gekleidet.
„Das ist mein Freund Mario, Handlungsreisender einer großen internationalen Bekleidungsfirma, die den Hauptsitz in Amerika hat und den deutschen Markt erreichen will.”
Mario reichte galant den beiden Freundinnen die Hand.
„Mario ist dafür genau der Richtige. Er wird einige Tage hier in der Gegend verbringen, bevor er zurück nach München fährt.”
Der Händedruck war nicht zu hart und nicht zu lasch. Sollte höflich und professionell wirken, jedoch empfand Stasia diesen Händedruck, als würde ein Blitz durch ihren Körper funken.
„Das bedeutet, dass er durch ganz Deutschland reist und dafür sehr viel Zeit in Deutschland verbringt“, dachte Stasia angetan.
Sie war sofort von diesem Mann fasziniert. Ebenso er von Stasia. Auch er empfand ein angenehmes Prickeln, als er ihre Hand etwas länger als üblich hielt.
„Haben die Damen etwas dagegen, wenn Mario euer Tischherr sein wird, später werde ich dazu kommen.”
Stasia und Marina nickten erfreut. Sogleich setzte sich Mario zu den beiden Damen an den Tisch. Er konnte interessant erzählen, war witzig und charmant. Marina wie Stasia waren angetan von seinem Charme. Als Hans sich mit an den Tisch setzte, forderte Mario Stasia zum Tanz auf. Da die Tanzfläche sehr überfüllt war, die Musik zu laut, um sich zu unterhalten, zog Mario es vor, an der gegenüberliegenden Bar Platz zu nehmen.
„Hier können wir uns besser verständigen.”
Stasia nickte erwartungsvoll.
„Es ist wundervoll, dass ich dich kennen lerne. Als ich euch beide beim Hereinkommen gesehen habe, habe ich Hans gebeten, mich dir vorzustellen. Du bist mir gleich aufgefallen. Wie lange bleibt ihr denn hier?”, fragte er und blickte Stasia dabei tief in die Augen.
„Ach, eigentlich wollen wir morgen nach dem Frühstück abreisen“, antwortete Stasia unsicher.
„Dann haben wir wenig Zeit, uns kennen zu lernen. Wir müssen die uns verbleibende Zeit so lange es geht gut nutzen. Jede Stunde, jede Minute, jede Sekunde.”
Wieder fühlte Stasia ein angenehmes Prickeln in ihrem Körper. Er stand auf und führte Stasia auf die Tanzfläche, als ein Blues gespielt wurde. Beim Tanz ließ Mario keinen Zentimeter Platz zwischen den beiden Körpern. Willig ließ Stasia sich im Rhythmus der Musik treiben. Alles um sie herum verschwand. Als wäre sie nur mit Mario im Raum. Das nahm auch Marina wahr. Sie freute sich für Stasia und amüsierte sich mit Hans. Es wurde immer später. Viele der Gäste zogen sich zurück, und die Musik wurde ruhiger und langsamer. Die verbliebenen Paare tanzten eng umschlungen zur Musik. Während des Tanzes spürte die sonst prüde Stasia ein ihr fremdes Verlangen in sich aufsteigen, diesem Mann näher zu sein. Wohlig ließ sie den engen körperlichen Kontakt mit der wohlig ausströmenden Hitze, die von diesem Mann ausging, während des Tanzes zu.
„Ist das der Champagner?”
Sie wollte nicht, dass diese Stunden vergingen. Sie fühlte sich geborgen und schwebte mit ihrem Tänzer wie im Märchen durch die Nacht. Es war früher Morgen, Marina war mittlerweile gegangen, die Angestellten gähnten und die Musik hörte auf zu spielen. Jedoch das letzte Paar auf der Tanzfläche, Stasia und Mario, hatten noch lange nicht genug von dem bezaubernden Abend. Als sie das Lokal verließen, war der Morgen erwacht. Die Sonne stieg blutrot und dann orange über den Wäldern des Schwarzwaldes auf. Einladend für einen frühen morgendlichen Spaziergang. Keiner der beiden sprach ein Wort. Hinter dem Hotel stand eine Bank. Sie nahmen Platz und bestaunten den beeindruckenden Sonnenaufgang. Keiner empfand Müdigkeit. Mario legte seinen Arm um Stasia, die anfing leicht zu frieren. Dabei streichelte er zart ihre nackten Schultern. Zärtlich küsste er sie. Die Lippen von Mario brannten wie loderndes Feuer auf ihrem Mund. Nie hatte sie einen Kuss derartig erlebt und genossen. Zum ersten Mal schmeckte ihr ein Kuss so köstlich, als er seine Zunge sanft durch ihre weichen Lippen führte. Ihr Körper wurde warm und leicht, als wollte er von der Erde abheben. Auch Mario genoss die weichen Lippen von Stasia. Auch in ihm stieg ein heißes körperliches Verlangen auf. Der Duft ihrer Haut raubte ihm den Atem. Nein, er wollte sie nicht verlassen. Noch nicht. Er musste sie besitzen. Egal, wie viel Zeit es in kosten würde.
„Die Geschäfte können warten“, dachte er, als beide sich benommen von ihrer Leidenschaft von der Bank erhoben. Eng umschlungen gingen sie zurück ins Hotel. Der Tag erwachte mit emsigen Leben, das aus der Hotelküche drang. Während des Frühstücks besprachen sie den Weitergang ihres Zusammenseins. Mario hatte diese private Einladung in Bad Herrenalb mit einem bevorstehenden Termin in Karlsruhe verbunden und hatte am nächsten Morgen nach dieser Party weiterreisen wollen. Ebenso hatten Marina und Stasia abgesprochen, gleich nach dem Frühstück zurück nach Mannheim zu fahren. Doch Mario und Stasia wollten sich noch lange nicht trennen. Dieser körperlichen Anziehung konnte sich keiner der beiden entziehen. So beschlossen sie, noch einen weiteren Tag miteinander zu verbringen. Stasia ging zu Marina aufs Zimmer, um ihr das mitzuteilen. Marina war noch sehr verschlafen und konnte erst mal dieses für sie absolut fremde Verhalten von Stasia nicht begreifen, da sie oft Stasias Furcht vor Max erlebt hatte.
„Bist du sicher? … Klar kann ich dich verstehen. Aber was, wenn Max vor meiner Tür steht und du nicht da bist und er dich sucht?”
Sie sah die Entschlossenheit ihrer besten Freundin.
„Was sage ich ihm, wo du bist?”
Natürlich konnte sie Stasia nicht vorschreiben, was sie zu tun hätte und wollte sie auch nicht abhalten zu bleiben.
„Du bist einfach „angeblich” auch noch nicht zu Hause. Wir haben einfach beschlossen, einen Tag zu verlängern. Wenn er bei deiner Mutter nach uns fragt, soll sie einfach sagen, dass wir einen Tag später als ursprünglich geplant zurückkommen. Dann kommt er auch nicht zu euch.”
Sie wusste, dass Marinas Mutter Stasia sehr gerne hatte und sie sie sicher unterstützen würde. Auch sie hatte die Ausbrüche von Max gegenüber Stasia einige Male miterlebt. So fuhr Marina ohne Stasia ab. Sie freute sich, dass sich Stasia verliebt hatte.
„Vielleicht ist das ein Weg, um Max zu verlassen, und sie hat jemanden, der ihr bei der Flucht hilft und ihr zur Seite steht”, dachte sie. Stasia versprach beim Abschied, dass sie am nächsten Tag kommen würde, ohne weitere Verlängerungen. Unruhig wartete Max am nächsten Tag auf Stasias Rückkehr. Als sie am Nachmittag immer noch nicht zu Hause erschien, rief er die Mutter von Marina an.
„Nein, die beiden sind noch nicht angekommen“, log sie.
„Marina hat heute früh angerufen und gesagt, dass sie noch einen Tag länger als vorgesehen bleiben wollten, weil das Wetter so schön sei und sie den wunderschönen Schwarzwald mit ihrer Freundin genießen wollen. Ich soll dir sagen, falls du anrufst, dass du dir keine Sorgen machen sollst. Sie kommen dann morgen.”
Während sie sprach, stand Marina neben ihr und hielt ihr die Hand. Stasia war ihr ans Herz gewachsen. Sie wusste, dass Stasia es verdient hatte, nach dem was sie alles erlebt hatte, ihr Glück zu finden. Max war derart überrascht, dass er keine Antwort fand, und legte schnell den Hörer auf. Misstrauisch suchte er den Brief der Schulkameradin. Diesen hatte Stasia jedoch gleich vernichtet – „keine Beweise“, hatte sie vorsorglich gedacht. Es folgten ungeahnte glückliche Stunden, durchflutet von unbekannter Lust und Leidenschaft, die Stasia bisher nie so frei und hemmungslos erlebt hatte. Sollte sie deshalb von Max dafür getötet werden, war ihr das gerade egal. Nie würde er ihr diese erlebten Gefühle rauben können. Mario war ein sanfter und zärtlicher Liebhaber. Er wollte jeden Zentimeter von Stasias seidenweicher Haut erkunden und in sich aufnehmen. Kaum war ihre Leidenschaft erschöpft, kam eine neue Welle des Verlangens in ihm auf. Beide konnten nicht genug voneinander bekommen. Sie wohnten in einer kleinen Pension in Rastadt.
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