Ein dringendes Bedürfnis riss ihn aus seinen Gedanken und drängte ihn zur Eile. Mit überhöhter Geschwindigkeit raste er durch Klein-Nordsee. Während er in die Ortschaft Felde hineinschoss, nahm er nicht den Fuß vom Gas. Zur Rechten flog die ‚Apotheke am Westensee‘ vorbei. Wenig später setzte er an der nächsten Abzweigung den Blinker links Richtung Resenis.
Eine Polizeikontrolle in Höhe des EDEKA-Marktes winkte den Audi an den Straßenrand. Das fehlte ihm noch. Ausgerechnet jetzt, wo ihm schon fast die Blase platzte. Tom straffte seine Haltung und versuchte, notgedrungen zu lächeln. Er senkte das Seitenfenster herab und stellte den Motor aus. Seine Hand ruhte auf dem Schaltknüppel. „Womit kann ich dienen, Herr Wachtmeister“, erkundigte er sich bei dem Polizisten in dunkelblauer Uniform.
„Moin. Verkehrskontrolle. Ihren Ausweis bitte.“ Mit strenger Miene kontrollierte der Beamte die Dokumente und wechselte den Blick wiederholt zwischen ihm und dem Bild auf dem Ausweis. Dann guckte er prüfend in den Innenraum des Wagens. Dabei registrierte er eine schwarze Reisetasche sowie einen Mantel auf der Rückbank. „Was befindet sich dort drin?“, folgte seine logische Frage.
„Dieses und jenes, was man so braucht“, eierte Tom herum, der nicht einsah, darauf zu antworten, denn im Grunde ging ihn das einen feuchten Kehricht an. Dann aber fiel ihm ein, dass dort die Blüten drin lagen. Nicht auszudenken, wenn dieser Beamte jetzt auf eine dumme Idee käme. Also nahm er die Tasche hervor und zog den Reißverschluss auf, allerdings nur so weit, dass sein Ellbogen einen großen Teil des Inhaltes verdeckte. Gelassen wies er auf eine Zeitung hin. Ebenfalls lagen alte Socken gleich obenauf. Ihr unangenehmer Geruch verhinderte Schlimmeres. Natürlich hatte er die andere Hand längst an der Wade, wo seine Pistole steckte, nur für den Fall.
Doch dazu kam es zum Glück nicht. Offenbar von Toms demonstrativer Gleichgültigkeit eingelullt, verzichtete der Polizist auf Weiteres. „Schon gut“, winkte dieser ab, konnte sich aber die Frage nach einem möglichen Alkoholgenuss nicht verkneifen.
„Na hören Sie mal. Sehe ich so aus?“, empörte sich Tom mit einem milden Lächeln, nachdem er die Tasche wieder nach hinten gelegt hatte.
„Wo soll es hingehen?“, wollte der Beamte wissen.
„Nach Resenis“, legte sich Tom fest, obwohl das keineswegs klar war.
„Bitte öffnen Sie den Kofferraum.“
„Muss das sein?“
„Sonst würde ich nicht darum bitten!“, sagte sein Gegenüber mit Nachdruck.
Tom drückte den dazugehörigen Knopf im Wageninneren. Prompt hob sich die Kofferraumklappe. Dann schwenkte er umständlich die Fahrertür auf und stieg aus.
Der Polizist beugte sich über die Stoßstange und musterte den Verbandkasten. Gemächlich drehte er sich wieder um. „Sind Sie Literaturagent?“, mutmaßte er plötzlich.
„Wie kommen Sie darauf?“, wunderte sich Tom.
„Aufgrund Ihres auswärtigen Kennzeichens nehme ich an, Sie wollen zu unserem Poeten“, fuhr der Beamte fort. „Der feiert heute seinen runden Geburtstag und erwartet allerhand Gäste. Deshalb auch Ihre Tasche dort hinten. Sicherlich mit der Begutachtung seines neuesten Werkes, nicht wahr?“
„Nun ja, wenn Sie mich so fragen“, erwiderte Tom, was dem vermeintlichen Scharfsinn dieses Wachtmeisters schmeicheln musste.
„Habe ich mir doch gleich gedacht, denn Sie sehen so aus“, legte der Schutzmann noch einmal nach.
„Ach ja, wirklich?“
„Manchen Leuten sieht man einfach ihre Profession an, hahaha …“ An dieser Stelle lachte Tom sogar mit, denn das war einfach zu drollig.
„Bitte benutzen Sie nur die offiziellen Straßen. Wir hatten in den letzten Tagen einige Sturmschäden und diese sind noch nicht überall geräumt“, setzte die Streife, zur Sachlichkeit zurückkehrend, hinzu.
„Danke für den Hinweis. Ich werde mich bemühen.“
„Sie können weiterfahren.“
Tom stieg wieder ein, drehte das Radio an und ließ das Seitenfenster hochfahren. Scherzhaft salutierend fuhr er davon. Verkniffen schaute der Polizist ihm nach. Im Rückspiegel konnte Tom noch beobachten, wie sich dieser Kerl etwas notierte. Zweifellos würden jetzt neue Kennzeichen gebraucht. Er musste also umdisponieren.
Die Sache mit diesem Dr. von der Ruh musste warten. Sein Schweigegeld könnte er sich auch später noch abholen. Das bedauerte er zwar, denn dessen dummes Gesicht hätte ihn schon interessiert. Doch zuerst musste ihm der Pole Budniak behilflich sein und das möglichst schnell. Anderenfalls würde alles gefährdet. Bei der nächstbesten Gelegenheit würde er diesen Windhund kontaktieren.
An der nächsten Abzweigung bog Tom rechts vom sandigen Hauptweg ab und fuhr tief in den Wald von Resenis hinein. Hier erleichterte er sich endlich. Über die soeben erduldete nachlässige Kontrolle war er dankbar. Das hätte dumm ausgehen können. Was war er doch für ein Glückspilz.
Die Schwere der Nacht übermannte Sina Brodersen und bettete sie, wie so oft, in ihre qualvollen Träume.
Ich kann nicht, ich kann doch. Reichlich du, übermäßig ja, genug Begehren. Ich will schreien. Du verschließt meinen Mund. Warum quälst du mich? Du Dämon aus dem Dunkel, was habe ich dir getan? Du okkupierst meine Hand, meinen Körper, meine Seele und ergötzt dich an meinem Leid! Deine Hände sind so schrecklich groß! Du tust mir weh! Warum? Geh bitte fort und lass mir meinen Frieden! Ich bitte dich! Zwing mir nicht deinen Hass auf! Was uns trennt, ist größer, als was uns verbindet! Beschädige nicht deinen letzten Rest Anstand und Respekt. Bewahre dir deine Würde, damit du einst im Himmel deine seelische Ruhe finden kannst.
„Das Wetter zeigt sich heute am 5. April von seiner böigen Seite. Die Regenwahrscheinlichkeit beträgt 70 Prozent. Aus unterschiedlichen Richtungen strömt …“
Wie jeden Morgen weckte Sina der Sprecher von NDR 1. Murrend zog sie die Decke über den Kopf und verweigerte das Aufstehen. Aber der Tag startete wie immer erbarmungslos. Die Zeiger standen auf fünf Uhr morgens und forderten ihren Tribut, deren gnadenlose Härte Sina seit frühester Kindheit bekannt war. Müde schlug sie die Bettdecke zurück, schwang sich aus dem Bett und schlurfte ins Badezimmer. Ihr apricotfarbener Mops namens Boy schlief im Hundekorb auf der Diele. Als er ‚Frauchen‘ witterte, öffnete er seine braunen, treuen Hundeaugen, erhob sich und strich ihr begrüßend mit freudigem Hecheln um die Beine.
„Na, wer kommt denn da?“ Sina kraulte verspielt sein rechtes Ohr, so dass sein Körper vor Wonne bebte. Speichel floss ihm aus dem knautschigen Maul und seine Augen blitzten. Er umstreifte sie immer wieder, darüber froh, ihre Nähe zu verspüren. Augenblicklich knuddelte sie ihm kräftig über den Rücken und zwickte ihm neckend in die Flanke. Dann aber schob sie ihn bestimmend zur Seite. Sie unterbrach dieses Spiel nicht oft, da sie Boys Wohlgefallen genoss, doch wenn sie es tat, dann aus einem ganz bestimmten Grund.
In dieser Nacht war es wieder geschehen. Das seltsame Traumbild hatte sie genarrt und nicht mehr losgelassen. Es war der gleiche große Schatten, der sich ihr jedes Mal lautlos näherte und sie dann völlig bedeckte. Erbarmungslos drängte er sich auf und drohte ihr, gleich einem riesigen Kraken, den Atem zu nehmen. Manchmal war es so schlimm, dass sie schreien wollte, doch nicht konnte. Etwas verschnürte ihre Kehle. Völlig paralysiert schien sie wie gefesselt und war auch nur zur geringsten Gegenwehr unfähig. Es schien, als laste ein tonnenschwerer Fels auf ihrer Brust, der sie völlig niederdrückte.
Ihr blieb nichts anderes übrig, als es zu ertragen und darauf zu hoffen, dass dieser Albtraum möglichst rasch von ihr wich. Aufgrund des fehlenden Zeitgefühls vermochte sie über die Dauer nichts zu sagen. In jedem Fall aber kam es ihr endlos vor. Spätestens wenn ihr Atem immer schwerer wurde und sie zu ersticken glaubte, erwachte sie und setzte sich schlagartig auf. Dann starrte sie schweißgebadet in die Dunkelheit und brauchte lange, wieder zur Ruhe zu kommen. Meist stand sie dann auf und nahm einen großen Schluck aus der Flasche des selbstangesetzten Schlehenlikörs.
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