Selbst wenn nach wie vor jener Zweckoptimismus galt, der einen guten Paten auszeichnete, hatte er ihn abgeschrieben. Schon deshalb lud er seinen Gast zu einem Cointreau in den Salon ein, in der Absicht, noch Weiteres über die anstehende Vorgehensweise zu erfahren. Da jener aber zögerte und der Hausherr längst fühlte, dass Diethard Säuberling etwas auf der Seele brannte, versuchte es der Baron mit Nonchalance und einigen Verweisen auf eigene Schwächen.
Ob es nun an der besinnlichen Atmosphäre bei Kerzenschein und Sandelholzduft oder seiner vertraulich lockeren Art lag, war schwer zu sagen. In jedem Fall begann ihm sein Gast daraufhin tatsächlich einige Dinge zu gestehen, die er so nicht erwartet hätte. Nicht dass er manches von dem, was er tat, bereute, räumte er dabei zögerlich ein. Vielmehr bedauerte er, in manchen Situationen nicht stark genug geblieben zu sein.
„Wie meinen Sie das?“, wollte der Baron sogleich wissen.
„Haben Sie schon mal jemanden sterben sehen, der nicht sterben will? Es ist weniger das Mitgefühl für den Sterbenden als die Gewissheit, damit etwas Vollendetes, Einmaliges und Unwiederbringliches für immer auszulöschen. Wenn man demjenigen in die Augen schaut und die Erwartung auf das Ende darin lesen kann, ist es, als würde man einen Teil von sich selber töten.“
Der Baron zeigte sich beeindruckt, wog den Kopf hin und her und schien ernsthaft zu überlegen. Dann sah er sein Gegenüber mit festem Blick an. „Das ist sehr bemerkenswert und beweist, dass Sie sich ihre Menschlichkeit bewahrt haben. Das findet man heutzutage selten“, lobte er. „Wissen Sie, Skrupel sind niemals ein Zeichen von Schwäche, sondern im Gegenteil von Stärke, wenn man bedenkt, dass man immer einen Grund für ein Befinden voraussetzt. Und dieser wiederum bedarf einer Motivierung, um sich seiner bewusst zu werden. Je stärker diese ist, je geringer die Gewöhnung an eine Ursacheninterpretation als Hemmnis ihrer Erforschung. Wahrlich ein Teufelskreis, der nur schwer zu durchbrechen ist. Aber glauben Sie mir, niemand von uns tötet aus Vergnügen. Es ist immer eine dahinterstehende Notwendigkeit, und Sie können mir glauben, ich hasse nichts mehr als gerade diese. Ich danke Ihnen für Ihre Offenheit.“
Daraufhin stießen die beiden Herren an und leerten ihre Gläser, obwohl Baron von Billow schon jetzt Diethards Verlust bedauerte. Fast hätte Säuberling seine Zuneigung gewonnen. Aber ein Koordinator, der auf solche Weise die eigenen Fehler korrigieren musste, war nicht länger tragbar.
Kein Wunder, dass der Baron unmittelbar nach diesem Treffen eine bestimmte Nummer wählte und die nötige Anweisung gab.
Danach betupfte er pedantisch die manikürten Finger mit einer vorgewärmten Zitronenserviette und las sorgsam ein kaltes Stück Wachtelfleisch vom Teller auf. Der Kaviar folgte. Seine brillantgeschmückte Rechte langte in die Traubenschale. „Nun gut“, räusperte er sich wenig später. „Vielleicht sollte ich noch etwas meditieren. Das beruhigt den Geist. Denn, wie sagte einst Chrysippos: ‚Man soll leben mit gehöriger Kenntnis des Herganges der Dinge in der Welt‘.“ Von Billow starrte aus dem Fenster in den großzügigen Garten des Anwesens und war, wie immer, mit sich sehr zufrieden.
Mit Blüten im Portemonnaie fuhr er los. Die Adresse war leicht zu merken. Etwas aufzuschreiben wäre unprofessionell. Dank GPS fand er die Straße punktgenau, wobei er den blauen Audi durch typische Wohnviertelgassen mit Häusern aus der Jahrhundertwende manövrierte. Diese wirkten nostalgisch, verschroben, nicht unbedingt anheimelnd und doch imposant.
Aus Sicherheitsgründen parkte er den Wagen ein paar Ecken weiter und bemühte sich um Unauffälligkeit. Unter der Kofferraumabdeckung wähnte er sein Bargeld sicher versteckt, hinzu kam eine Beretta und reichlich Falschgeld. Buchen säumten den Fahrbahnrand wie salutierende Posten.
Als er heute Morgen losfuhr, war der Mond noch zu sehen. Jetzt standen die Zeiger der Uhr bereits auf elf. Zielstrebig begab er sich zur besagten Hausnummer. Die Wohnung befand sich im vierten Stock, ohne Namensschild und lediglich mit einem silbernen Sternchen versehen. Ansonsten schien alles normal: Altbau, Kinderwagen im Flur und Bohnerwachsgeruch. Er klopfte wie vereinbart dreimal kurz und zweimal lang. Jemand entriegelte die Tür.
„Jacqueline?“, fragte er.
„Ja, komm herein“, erwiderte das Mädchen mit den hochgesteckten Haaren, das ihm öffnete. Sie lächelte freundlich, wobei ihre brombeerroten Lippen mit ihrer auffallenden Blässe kontrastierten und ihr eine puppenhafte Kälte gaben. Zügig verschloss sie die Tür. Dann führte sie ihn, vorbei an einer Kommode, auf der eine Visitenkarte lag, ins Gästezimmer – einen zweckmäßig eingerichteten Raum mit schweren braunen Samtstores und süßlichem Deodorantgeruch. Die Gardinen waren zugezogen und das rötlich gedimmte Licht erschien hier milchig dumpf, obwohl es draußen taghell war. Typisches Asthmawetter für einen nebeligen Tag Ende März in Kiel.
Das Zimmer war angenehm temperiert, seine Kehle hingegen trocken. Erst wollte er um ein Glas Wasser bitten, verkniff es sich aber. Mit einem sonderbaren Gefühl zwischen prickelnder Erwartung und Abscheu betrachtete er die tigerimitierte Tagesdecke des Bettes, den Spiegel an der Decke und die mit pinkfarbenem Plüsch gepolsterten Handschellen am Bettgiebel. Das ließ einiges erwarten. Es gab noch einen Durchgang mit Vorhang, zwei Sessel und einen Beistelltisch mit anderweitigen ihm nicht näher bekannten Accessoires.
Im mannshohen Wandspiegel gegenüber der Spielwiese erkannte er sich wieder, gleichwohl wanderte sein Blick zu ihr zurück. Sie war etwa Mitte zwanzig, schlank, blond, mit langen, wohlgeformten Beinen und einer hohen, jugendlichen Brust. Zudem hatte sie einen stolzen Gang, was auf ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein verwies. Das war ihm sofort aufgefallen, als sie vor ihm hergelaufen war und aufgrund des beengten Flurs zur Vorsicht mahnte.
Der Blick ihrer großen, hellen Augen hingegen wirkte freundlich und sanft, aber auch irgendwie unbestimmt und harmonierte absolut nicht mit ihrem Lächeln. Wie alle Mädchen ihres Gewerbes trug sie einen dunklen, mit silbernen Noppen besetzten Lederbody, der ihre Figur aufreizend betonte, dazu erwartungsgemäß Strapse. Die schwarzen High Heels gefielen ihm. Garantiert sähe sie ohne diesen ganzen Fummel wie jede andere aus und stand irgendwo im Supermarkt in der Schlange oder wartete auf den Bus. Allein dieser Gedanke torpedierte sein eigentliches Verlangen. Doch zur Umkehr war es zu spät.
„Dreißig Minuten fünfzig Euro, das ist mit Kondom“, riss sie ihn aus seinen Gedanken. „Hundert ohne. Sonderwünsche kosten extra.“
Wortlos zog er das Portemonnaie heraus und legte großspurig einen gelben Schein auf den Beistelltisch. „Der Rest geht aufs Haus“, bemerkte er.
Über die unerwartete Großzügigkeit erstaunt, hellte sich ihr Gesicht auf. Sogleich bereitete sie alles für eine exklusive Bedienung vor. Ihr Anblick faszinierte ihn. Es erinnerte ihn an die Aphrodite von Milos, deren Statue er schon mal irgendwo gesehen hatte. Und wäre ihr Körper jetzt noch von bläulichem Nebel umwölkt und von diffusem Licht bestrahlt, man hätte sie in der Tat für eine Göttin halten können.
Doch das war nur Fassade. Keine Frau takelte sich derart grundlos auf. Alles war zweckbestimmt und diente einem einzigen Ziel. Wer weiß, wie sie morgens um fünf nach einer durchzechten Nacht wirkte. Er hatte mal irgendwo gehört, dass eine Frau nur dann wirklich schön ist, wenn sie auch innerlich zu glänzen versteht. Wie das hier funktionieren sollte, blieb ihm unklar.
„Mach dich schon mal fertig, ich bin gleich wieder da“, forderte sie ihn auf und wies kopfnickend zum Bett. Dann verschwand sie hinter dem Vorhang, der offenbar in ein Badezimmer führte.
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