Er zog Schuhe und Socken aus, welche er akkurat unter den Stuhl platzierte. Der Rest folgte auf der Stuhllehne drapiert. Dabei betrachtete er seine Hände mit den filigran gezeichneten Venen. Sie waren sehr schlank und weich und konnten sehr zärtlich sein, aber auch wie Schraubzwingen zupacken. Doch darüber mochte er jetzt nicht nachdenken.
Entkleidet legte er sich auf das Bett, zog ein weißes Baumwolllaken bis zum Bauch und verschränkte beide Arme hinter dem Kopf. An das trübe Licht hatte er sich rasch gewöhnt. Allerdings vermisste er ein Kissen. Seltsam angespannt betrachtete er den goldenen Deckenspiegel, in dem sich sein kantiges Gesicht zeigte, welches von dunkelbraunem Haar umrahmt wurde.
Man sagte, es wirkte maskulin-herb. Wie immer das auch gemeint war, hässlich fand er sich nicht. Dazu hatte er schon zu viele Angebote bekommen, sogar von durchaus attraktiven Damen, die von Hause aus wählerisch sein konnten. Manche fanden ihn interessant, andere etherisch, ohne das jedoch näher zu erklären. Dabei störte ihn schon immer die seiner Meinung nach zu längliche Nase, die in Verbindung mit den hohen Wangenknochen seinem Gesicht etwas Aristokratisches, beinahe Überhobenes verlieh. Auch so etwas hatte er schon wiederholt gehört. Selbst wenn er nichts weiter darauf gab, störte es ihn, denn er war irgendwo auch verdammt eitel.
Plötzlich sinnierte er über die Zukunft. So etwas passierte ihm öfter, meist in den unmöglichsten Situationen, so wie jetzt. Dann fragte er sich, was ihn wohl erwartete, wenn er weiter so sträflich leichtfertig blieb und mit seinem Schicksal spielte. Aber vielleicht wäre es besser, solche Gedanken schnell wieder zu vertreiben. Sie verwirrten ihn und zerstörten alles.
Für einen Augenblick schloss er die Augen und sog die Luft tief ein, um sie möglichst lange innezuhalten. Das tat er immer, wenn er eine starke innere Anspannung empfand. Meist wurde er danach ruhiger. Heute jedoch gelang es ihm nicht. Mit einem Mal hatte er das Gefühl zu schweben, um danach wieder herabzusinken. Selbst die Wände drohten einzustürzen mit der grässlichen Vision eines qualvollen Erstickens. Er war irritiert, empfand jedoch keine Angst. Eine seltsame Beklommenheit erfasste seine Seele mit dem Gefühl, etwas Verlorenes auf wundersame Weise zurückzubekommen und sei es nur für einen winzigen Moment. Es war die Sehnsucht nach Liebe und Zweisamkeit, Vollkommenheit und Harmonie – kurzum, all das, was er bisher entbehren musste und schon deshalb bei anderen nicht ertrug. Dieses Gefühl setzte sich in seinem Herzen fest wie eine eiserne Klammer und es gab kein Mittel, sich davon zu befreien. Ein Geräusch ließ ihn herumfahren.
Das Mädchen kam zurück. Sie duftete nach Moschus und hatte den Lederbody gegen weinrote Spitzenunterwäsche getauscht, dessen Ränder Pailletten säumten. Sogleich begann sie, in ihren High Heels um ihn herumzutänzeln und dabei mit lasziv gesenkten Lidern langsam den linken, dann den rechten Träger des BHs abzustreifen. Wahrlich die perfekte Show. Alles saß, nichts war dem Zufall überlassen und folgte einer kalten Berechnung. Es war die Art, wie sie die Hüften wog, die Brust herausdrückte und sich zutiefst obszön verbog. Ihre bewusst zur Schau getragene Selbstverliebtheit, samt dem erstaunt berückten Ausdruck eines sich ihrer Fertilität bewussten Mädchens, verriet ihre Lust, sich in eigenartig wollüstiger Trance darzubieten. ‚Nun komm schon, spring an, ich will, dass es schnell geht‘, war darin zu lesen. Doch er dachte nicht daran.
Vielmehr starrte er sie mit jener Skepsis an, die er für jede käufliche Liebe empfand. Doch irgendetwas stimmte nicht. Es lag an ihren herzförmig türkisfarbenen Ohrsteckern, die irgendwie nicht zu ihr passten. Gleich einem Rudiment aus einer anderen Welt störte es die nahezu perfekte Show. Das befremdete ihn. Im Gegensatz zu vorhin schimmerte ihr Gesicht jetzt rosig. Es erinnerte ihn an ein frischgeborenes Ferkel, das er einst als Lausejunge zuhause aus dem Stall gehoben hatte. Der weiche Schweinebauch hatte nach Erde, Milch und Stroh gerochen, während er das Tier an sich gedrückt hatte. Verbunden mit ihren kindlichen Ohrsteckern, erweckte diese Erinnerung eine eigenartige Assoziation, die er hier nicht erwartet hätte und ihn zutiefst irritierte.
Mit knappem Blick deutete er aufs Bett, um dieses Spiel zu beenden. Inzwischen völlig entblößt, legte sie sich zu ihm und spulte routiniert ihr Repertoire ab, indem sie an seinem Ohrläppchen knabberte, Hals und Nacken liebkoste und schließlich seine Brust streichelte. Dabei hauchte sie ihm ihren heißen Atem ins Ohr und registrierte amüsiert jeden Schauer, der über sein bleiches Gesicht lief. Dann wieder glitten ihre geübten Finger an verbotene Stellen entlang, um sein Feuer dosiert zu entfachen. Hin und wieder verklärten sich seine blauen Augen.
Jetzt war es so weit. Sie schob ihren Schenkel seitlich über ihn und ließ ihn das leichte Stacheln ihrer Intimrasur fühlen. Jeder andere hätte die Beherrschung verloren. Ihn aber beschäftigte nur die Frage, wie oft sie es hier bereits getrieben hatte und was sie dabei empfand.
„Du bist schön“, schmeichelte sie und ließ ihre Finger liebkosend über seinen Bauch gleiten. Dennoch sah sie an ihm vorbei.
‚Heuchlerin‘, dachte er und fragte sich, warum die Menschen niemals ohne eigenes Interesse loben. Würde sie in einigen Jahren nach zahllosen verglühten Zigaretten, Schnaps und anderen Drogen, verkommen vom Alltag und erdrückt von der Last der zahlenden Freier, immer noch so anmutig aussehen? Doch er verdrängte die Gedanken und ließ sich auf das hier gebotene Schauspiel ein.
Spielerisch öffnete sie ihr wasserstoffblondes Haar, das lockig herabfiel und an manchen Stellen einen rötlichen Ansatz verriet. Ihre Haarpracht bedeckte weich ihre weiblich formschönen Attribute. Warm und sanft wie Wellen eines sonnenverwöhnten Meeres fühlte sie sich an. Ihre silberne Haarspange ließ sie auf den Boden gleiten, während er sich auf den Rücken zurücklegte und versuchte zu entspannen. Worte waren von nun an überflüssig.
Während sie ihn nun wie eine Katze bespielte, bemerkte er im Deckenspiegel ihren sich grazil windenden Rücken und den formschönen Steiß. Dabei fiel ihm die bunte Tätowierung in Form einer sich windenden Schlange auf, die sich von ihrem Hals bis zur Hüfte erstreckte. Nein, das passte nicht. Mit diesem Stigma degradierte sie ihre naturgegebene Schönheit zur Farce. Das half ihm jetzt bei der dringend nötigen Abkühlung. Schließlich musste es nach seinen Regeln ablaufen.
Fest zog er sie an sich heran. Das Mädchen lächelte ihn weiterhin an, dennoch machte sie sich im Rücken steif, wenn auch unmerklich. Ihre Blicke trafen sich. Eine eigenartige Härte in seinen Zügen ließ sie zögern. Irritiert sah sie zu Boden. Er registrierte ihre Unsicherheit. Diese Ergebenheit gefiel ihm, so dass er sich wieder aufsetzte.
Er hob ihr Kinn und betrachtete ihre graugesprenkelten Augen. Konnte er darin lesen? Unmöglich. Nichts außer Kälte und Leere, vor allem aber die erschreckende Abgestumpftheit meinte er darin zu erkennen.
„Küss mich!“, befahl er ihr.
Das Mädchen stutzte. „Wie jetzt? Auf den Mund?“
„Ja, natürlich! Wie denn sonst?“, erwiderte er entgeistert. „Oder meinst du, ich gebe mich mit Halbheiten zufrieden?“
„Wie kommst du denn auf die Idee?!“
„Ich möchte es einfach, weil ein Kuss etwas Sinnliches ist“, erklärte er ihr.
„Ist das jetzt ein Scherz?“ Sie starrte ihn ungläubig an.
„Keineswegs.“
„Das gehört nicht zu meinen Leistungen“, entgegnete sie kurz, wobei er sah, wie verlegen sie wurde.
„Dann frage ich mich, wofür ich dich bezahle!“
„Bestimmt nicht fürs Küssen!“, erwiderte sie leicht schnippisch.
„Deine Offenheit überrascht mich“, gab er zu.
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