„Manchmal ist es durchaus nötig.“
„Manchmal?“
„Ja, in solchen Situationen zum Beispiel, wenn ein Freier so etwas fragt.“
„Bekommst du oft solche Fragen gestellt?“
„Eher selten.“
„Hast du eigentlich keine Angst?“
„Ja schon, aber sie gehört zum Geschäft. Sag mal, was fragst du mich für komische Sachen? Willst du mich jetzt, oder nicht?“
„Erst wenn du mich küsst“, wiederholte er und erwartete ihre Reaktion.
„Willst du mich veräppeln?“, begann sie sich plötzlich zu echauffieren und wich erschrocken zurück. „Was soll das eigentlich werden?“
„Wieso zierst du dich? Kriegst auch einen Extrabonus. Was ist jetzt?“
Sie schien zu überlegen. Ihr Gesicht wirkte plötzlich sehr bedrückt, als müsste sie sich zu etwas überwinden.
„Nun gut. Kostet aber extra!“, gab sie schließlich nach, ohne einen Grund dafür zu benennen.
Nach einigem Zögern schlang sie den Arm um seinen Hals und sog an seinen Lippen. Ihr Pfefferminzgeschmack war unerträglich. Was sollte es überdecken? Und tatsächlich. Abrupt ließ er von ihr ab. Dafür sollte er sie ohrfeigen. Aber er hatte es ja so gewollt. Weshalb erregte er sich? Nein, dafür taugte sie nicht, wie sie überhaupt für die ‚wahre Liebe‘ nicht geschaffen war. Wie konnte er nur so töricht sein. In der Gosse gab es keine Liebe und dieser Ort war der letzte, wo er sie finden konnte. Das Einzige, was zählte und wofür hier bezahlt wurde, waren körperliche Reaktionen, frei von jeder Sinnlichkeit. Er hätte es wissen müssen.
Verstört packte er sie am Oberarm und fixierte ihre grauen Augen. Sie starrte ihn erschrocken an, meinte trotzdem zu ahnen, was jetzt zu tun war. Mit der Geschmeidigkeit einer Katze glitt sie an ihm herab, während er sich zurücklehnte und zu entspannen versuchte. Ihr Haar kitzelte. Dennoch hemmte ihn etwas. Echte Liebe war ein Geschenk, das hier nicht zu bekommen war. Da er sich trotz aller Mühe nicht in den dafür nötigen Zustand versetzen konnte, versuchte es das Mädchen manuell. Für einen Moment dachte er daran, sie für diesen Betrug an der Seele zu erwürgen. Demonstrativ umklammerte er ihren zarten Hals und ergötzte sich an ihrer Angst. Nur ein kleiner Druck und es wäre vorbei.
Dann aber ließ er von ihr ab. Nein, das war es nicht und würde es auch niemals sein. Nicht so. Dann besser gar nicht. Zu ihrer Verwunderung verzichtete er auf Weiteres. Ohne jede Erklärung zog er sich wieder an, steckte ihr noch einen Schein zu – schließlich hatte er davon genug – und begab sich zur Tür.
Verwirrt begleitete sie ihn. In einem Augenblick ihrer Unachtsamkeit nahm er die auf der Kommode liegende Visitenkarte an sich. Es handelte sich um eine Hinterlassenschaft eines seiner Vorgänger, die ihm eingangs schon aufgefallen war. Zögerlich öffnete sie die Haustür, sah hinaus und nickte ihm zu. Er sah sie noch einmal kurz an, zwickte ihr in die Wange und verschwand, ohne auch nur ein Wort zu verlieren. Wieder auf der Straße bedauerte er nicht im Geringsten, ihr nur Blüten angedreht zu haben. Schließlich war es kein Betrug, eine Betrügerin zu betrügen, denn eine solche Show musste nicht noch honoriert werden.
Draußen zogen sich trübe Wolken zusammen und aus dem Autoradio dudelte Musik. Eine halbe Stunde später konnte er sich nicht einmal mehr an ihr Gesicht erinnern. Aber solche Frauen hatten auch keins und wenn, war es immer das gleiche.
Doch wen interessierte das angesichts der Tatsache, dass er etwas ganz anderes, viel Profaneres suchte, nämlich einen Schlüssel in einem Kobold, genauer in einem Gartenzwerg. So war es ihm jedenfalls aufgetragen worden. Kein Witz. Zugegeben hatte er gerade deshalb den Auftrag angenommen, um zu erfahren, was es damit auf sich hatte. Denn wenn er auserwählt wurde, musste es schon etwas Besonderes sein.
Nicht, dass er sich damit aufwerten wollte. Nur sagte ihm seine Erfahrung, dass mitunter die profansten Sachverhalte die kompliziertesten Hintergründe verbargen. Wie immer kannte er die genauen Beweggründe nicht und das war auch unnötig. Er tat, was ihm gesagt wurde und folgte dabei strengen Regeln. Das dafür gezahlte Honorar ermöglichte ihm ein Leben weit über dem Standard, so dass er sich solche Eskapaden wie eben jederzeit erlauben konnte.
Welche Rolle er dieses Mal für sich präferieren sollte, wusste er freilich noch nicht. Das blieb ihm überlassen. Über die nötigen Dokumente verfügte er. Etwas landestypisch Nordisches wäre in diesem Fall angebracht, so nach Art eines netten Jung von der Waterkant mit Namen Fiete Jensen oder Henning Harmsen. Aber da er weder so aussah noch so sprach, erschien ihm ein neutraler Tom Enders günstiger.
Als diplomierter Verwaltungswirt und verschlagener Geschäftsmann in der Investmentbranche der Sparda Bank würde er bestimmt nicht weniger beeindrucken. Selbst wenn er davon keine Ahnung hatte, blieb das ohne Belang. Es diente lediglich der Legitimation, wobei allein Begriffe wie Bonds, Derivate oder Impact Investments für die nötige Glaubwürdigkeit sorgen sollten.
Blieb nur zu hoffen, dass auch niemand etwas davon verstand. Sonst könnte es schon mal eng werden, wie vor einem Jahr, als er in der Rolle eines IT-Programmierers eine tiefergehende Frage nicht beantworten konnte und sich damit in eine dumme Situation brachte. Sei’s drum. Seine Aufträge versprachen hohe Gewinne. Allein das zählte.
In Achterwehr bog er von der Autobahn ab und steuerte Deutsch-Nienhof an. Er schaute in den Rückspiegel und setzte zum Überholen an. „Also gut, Tom Enders. Wo ist deine Designerbrille, die dich als Investmentbanker auszeichnet?“, murmelte er vor sich hin und kramte in der Konsole herum. Besorgt betrachtete er sein blasses Gesicht im Spiegel. Augenblicklich entblößte ein Lächeln seine perlengleich aufgereihten Zähne.
Nicht, dass er besonders eitel war. Aber um Sympathien zu verbreiten, musste er gefallen. Kurzum, dies alles verlangte einen wahren Sonnyboy, dem man blindlings die Brieftasche anvertraute. Das war sein Credo, zumal die Bekanntschaft sympathischer Frauen nicht auszuschließen war. Davon hing mitunter sehr viel ab. Ja mehr noch, seinen Erfahrungen nach war eine überzeugende Reflexion seiner Rolle nur durch weibliches Wohlwollen möglich. Schon deshalb sah er sich bisweilen zu gewissen Überschreitungen genötigt, dies notfalls zu erzwingen. Das mag jetzt skrupellos klingen, war aber zweckmäßig.
Sanft federte der Audi jedes Schlagloch ab. Mit einem Mal erinnerte er sich an die Visitenkarte in seiner Brusttasche. Er zog sie hervor und studierte den Namen: ‚Dr. Alexander von der Ruh‘. Klang so weit recht verlockend, genauso, wie er ihn sich vorstellte: Jung, smart, verheiratet, zwei Kinder, rundum wohlsituiert und skrupellos genug, seine Frau regelmäßig zu betrügen. Allerdings war es auch leichtsinnig, die Handynummer zu hinterlassen. Mit anderen Worten – ein Schwein vom Feinsten, dessen Ruin kein Verlust war.
Gedankenverloren pochte er mit der Karte auf das Autolenkrad. Innerhalb von Sekunden schaltete Tom das „Bluetooth“ vom Audi - MMI Control ein, entsperrte sein Smartphone per Fingerabdruck und diktierte: „OK Google.“ Er wartete ein, zwei Sekunden und sagte: „Dr. Alexander von der Ruh.“ Tom vernahm die Antwort der weiblichen Computerstimme ‚Siri‘ über den anwaltlichen Familienstand. Zufrieden steckte er die Karte zurück in seine Brusttasche und bemerkte: „Na, Herr Winkeladvokat! Volltreffer! Mal sehen, wie wir dich überraschen können. Ich denke, mir wird für ein kleines Ferkel wie dich etwas ganz Besonderes einfallen!“
Somit lief dieser Tag doch noch gut an, nachdem er so mies gestartet war. Die ersten kräftigen Sonnenstrahlen fielen in goldgelben Bündeln durch das Blätterdach einer Allee. Fasziniert beobachtete er ein Storchenpaar auf Beutezug in den nahegelegenen Feuchtwiesen. Das erinnerte ihn an seine Kindheit. Diese verbrachte er in Pontresina im Oberengadin. Das satte Grün der Almen, die Glocken der grasenden Kühe und das schneeweiße Diavolezza-Massiv mit seinen blau-weißen Gletscherzungen hatten sich dabei tief in sein Herz gegraben. Bisweilen vermisste er den Duft von frischgemähtem Heu sowie das Plätschern eisiger Gebirgsbäche. Es waren vor allem jene Momente, in denen er sich an den Berghängen dem Himmel so unglaublich nahe fühlte, dass es nur eines Fingerzeigs zur Berührung bedurfte. Dort oben gab es die Orte, die er hier vergebens suchte.
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