»Der Brunnenplatz ist euer Marktplatz?«, frage ich.
»Gewissermaßen. Einige wollten ihre Fähigkeiten zur Verfügung stellen und fragten mich, ob ich ihr Haus, mithilfe des Brunnens, im Erdgeschoss öffnen könne. Mit der Zeit schlossen sich immer mehr an. Das war fraglos, eine unserer besten Ideen. Es gab uns ein ganz neues Gemeinschaftsgefühl.«
Mit einem Mal bleibt eine junge blonde Frau vor mir stehen.
»Oh! Das steht dir ausgezeichnet, ganz fantastisch!«, schallt es aus ihr heraus. Sie zeigt auf meine grüne Jacke aus dem Bona-Fama.
»Die gelben Nähte mit dem kurzen Kragen, das passt zu deinen braunen Haaren«, bekräftigt sie und streicht über die Jacke. »Du musst Paul sein. Will hat mir schon alles über dich erzählt. Der Held vom Wasserfall.«
Sie ist einen Kopf kleiner als ich und trägt ein blaues Kleid, das ihre weibliche Figur elegant betont. Ihre dunkelblauen Augen werden von einer geschwungenen Nase und kurvigen Lippen untermalt. Tatsächlich, Will hatte nicht übertrieben, sie hat etwas Engelhaftes.
»Du bist dann sicher Mina?«, erwidere ich.
»Richtig! Gut angezogen und auch noch blitzgescheit. Maria, da braucht er bald ein größeres Haus«, erwidert sie laut lachend.
Ich will antworten, doch sie fährt mit lauter Stimme fort.
»Du benötigst selbstredend mehr Kleidung, ich habe einiges auf Lager, für drunter und drüber. Kommt doch gleich mit zu mir, dann kann ich bei Paul sofort Maß nehmen.«
»Später vielleicht. Paul will sich die Schmiede ansehen«, wirft Maria ein.
»Ach so, ihr seid auf einem Besichtigungsrundgang ... gut, gut. Paul, erwarte da nicht zu viel. Die Schmiede mag praktisch sein, aber sie ist unsagbar langweilig.«
»Will hat gemeint, ich soll sie mir unbedingt anschauen.«
»Sicherlich, schau sie dir an. Aber wie gesagt, dort gibt es nur Bänder, Röhren und Kontrolltafeln.«
»Und Sid«, meint Maria.
»Stimmt, Sid. Er ist ganz besessen von der Schmiede ... aber ich will mich nicht beklagen. Er versorgt mich mit feinstem Garn und Gewebe«, erklärt sie und streicht demonstrativ über ihr Kleid.
»Sid ist genauso begeistert von seiner Tätigkeit wie du von deiner, Mina«, bemerkt Maria.
Mina nickt. »Ja, ja, selbstredend und das zum Wohle aller, ansonsten wäre es ja eine Verschwendung. Denkst du an Kleidung, denkst du an Mina, sag ich immer«, erwidert sie und lacht herzhaft.
»Also, Paul, komm einfach vorbei, sobald du Zeit hast. Mein Haus ist dort drüben.« Sie zeigt auf eines der wenigen dreistöckigen Gebäude.
»Gerne, Mina.«
Als wir schließlich an Marias Haus ankommen, höre ich Mina über den gesamten Platz rufen: »Hallo Ingrid, hast du die Decken bekommen? Was sagst du zu den Blumenmustern? Sind die nicht fantastisch?«
Ich blicke zurück und sehe sie auf der anderen Seite des Platzes mit einer Frau überschwänglich diskutieren.
»Ja, sie ist schwer zu überhören«, meint Maria, »darum probt sie auch für dieses neue Theaterstück. Ich glaube, es heißt: Der Sonnenschirmmacher .«
»Das klingt sehr ... tiefsinnig«, erwidere ich.
Ihr Grübchen am Mund vertieft sich, und sie lächelt.
Vor der Tür fällt mir wieder der kunstvolle Türknauf auf.
»Das ist ein ungewöhnlich aufwendiger Knauf«, bemerke ich.
Sie nickt. »Es ist etwas verrückt ... ich habe es bisher noch niemanden erzählt. Aber eines Nachts träumte ich von einem Blumenfeld, und überall flogen Schmetterlinge herum. Als ich eine der Blüten berühren wollte, verwandelte sie sich in meiner Hand zu einem Türknauf.«
»Nicht gerade etwas, dass ich mit einer Blume verbinden würde«, erwidere ich.
»Na ja, am Tag zuvor hatte sich der alte Griff von meiner Tür gelöst, er fiel immer wieder ab, gewissermaßen ist er dann wohl in meinem Traum gelandet.«
»Und dann hast du ihn in der Schmiede anfertigen lassen?«
Sie greift den Knauf und drückt die Tür auf.
»So einfach war das nicht. Nahezu jede Fertigkeit aus Memoria war letztlich für die Umsetzung nötig. Ich wollte es schon einige Male abbrechen. Ich meine, es ist ja albern, so ein Aufwand für einen Knauf. Aber es war nicht mehr zu stoppen.«
»Wegen dem Traum?«
Sie schüttelt den Kopf.
»Nein, nein, das war mir nicht so wichtig. Sondern, weil die Leute so begeistert von der Aufgabe waren, sie es schlicht machen wollten. Sie sahen es gewissermaßen als eine Herausforderung an. — Das mit dem albernen Traum weiß niemand ... es bleibt natürlich unter uns«, meint sie und lächelt verlegen.
»Natürlich.«
»So, ich hole schnell das Q. Dann können wir weiter zur Schmiede«, sagt sie und geht ins Haus.
Als Maria zurückkommt, reicht sie mir eine silberne Platte, die nicht größer wie ein Buchdeckel ist. Es wirkt wie ein mattes Stück Metall, mit abgerundeten Kanten. Ich berühre die Oberfläche und verstehe, warum es Q genannt wird. Es erscheint ein Kreis, aus dessen Mitte — wie bei einem Q — eine schräge Linie nach rechts unten verläuft. Das Symbol leuchtet kurz auf und verschwindet wieder. An meinen Fingerspitzen entstehen kleine leuchtende Symbole. Eines davon erkenne ich sofort, es zeigt die Buchstabenfolge: ABC. Ich wähle es mit einem kurzen Antippen aus und bekomme eine Tastatur und ein Textfeld eingeblendet.
»Das Q kann unser Alphabet?«
»Nun ja ... sie können Symbole verarbeiten. Das Alphabet brachte ihnen jemand von uns bei. Er hatte eine ungewöhnliche Begabung, mit der Technik hier umzugehen.«
»Hatte?«
»Ja, er ist eines Tages verschwunden, aber das war noch vor meiner Zeit. Will kannte ihn, er kann dir sicher mehr erzählen. Ach, und hier nimm diese Tasche, die ist sehr stabil und praktisch.«
Sie reicht mir eine Umhängetasche mit einem breiten Riemen.
»Danke. Wie schalte ich das Q eigentlich aus?«
»Gar nicht. Die brauchen nur sehr wenig Energie, wir legen sie vielleicht einmal im Jahr auf die Ladeplatte. Die Bedienung ist selbsterklärend, aber wenn du mehr wissen möchtest, solltest du Jules fragen. Er kennt sich mit den Qs am besten aus.«
Ich nicke, hänge mir die Tasche um und stecke das Q hinein.
»Dann auf zur Schmiede. Wir müssen diesem Weg aus der Stadt folgen«, sagt sie und zeigt in eine Gasse neben dem Haus.
Der Weg verläuft an bewachsenen, steilen Hügeln vorbei. Nach einiger Zeit betreten wir eine Lichtung, in deren Mitte ein großes Gebäude steht. Es sieht anders aus als alle bisherigen Bauwerke. Die gelben Wände sind unterbrochen von silbernen Strukturen, Schächten und Rohrleitungen. Zudem bemerke ich ein tiefes Summen. So tief, dass ich es eher durch den Körper als durch die Ohren wahrnehme.
»Ich verstehe, warum die Schmiede sich nicht in der Stadt befindet«, sage ich.
»Ja, und gelegentlich riecht es auch etwas unangenehm«, meint Maria.
Vom Eingangstor des Bauwerks führt eine breite Rampe hinab zum Weg.
»Es sieht gar nicht aus wie eine Schmiede, eher wie eine ... Fabrik.«
»Genau das ist es auch. Eine automatische Fabrik. Wir geben Rohmaterialien in die Schächte und die Schmiede produziert das von uns zuvor in Auftrag gegebene Erzeugnis. So geben wir Erze aus der Umgebung hinein und können gewissermaßen jede Art von Metallteilen herstellen. Soweit funktioniert es wirklich wie eine Schmiede. Allerdings ist die Prozedur nicht nur auf Erze und die Metallgewinnung beschränkt. Aus dem Rohstoff Holz erzeugen wir Grundelemente für Möbel, aus bestimmten Pflanzen bekommen wir Textilien und aus Getreide gewinnen wir Mehl.«
Ich stehe mit offenem Mund vor dem summenden Gebäude.
»Erstaunlich! Jetzt wird mir klar, wie ihr diesen Wohlstand erreichen konntet.«
»Fraglos, die Schmiede ist eine wichtige Grundlage für Memoria«, erwidert sie und mustert das Bauwerk. »Obwohl wir immer mehr herausfinden, gibt es auch Grenzen. So können wir nur Rohmaterialien hineingeben und nicht — sagen wir — Holz und Stoff zu einem fertigen Stuhl verbinden.«
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