Wir gehen quer über den Platz an dem Baum vorbei. Dann bemerke ich tatsächlich den seltsamen Geruch.
»Es riecht ... schwer zu beschreiben ... säuerlich?«, meine ich.
»Kein Problem, bis du deine Matratze hier aufschlägst, hat sich das verzogen.«
Ein Ruck fährt durch Will, und er fängt an, mit einer aufgesetzten Stimme zu sprechen.
»So, Herr Paul, wenn ich ihnen ihre neuen Gemächer zeigen dürfte?«
Er hält die Tür auf, macht eine Verbeugung und winkt mich übertrieben hinein.
»Zu ihrer Linken sind die Ess- und Kochbereiche. Zur Rechten haben wir ein Wohnzimmer, womöglich für ausgelassene Feierlichkeiten, und wenn sie mir bitte nach oben folgen würden.«
Er springt mit großen Sätzen die Treppe hinauf. Ich folge ihm.
»Hier haben wir dann das Schlafzimmer, mit einem Balkon zum Platz und auf der anderen Seite ein Bad.«
»Danke, Herr William«, entgegne ich. »Fehlen nur noch die Möbel.«
»Die kannst du dir quasi Stück für Stück aus dem Bona-Fama holen oder du fragst Alex, er macht die Schränke, Stühle und Tische genau auf Maß.«
»Irgendwie verrückt, ich wache an einem unbekannten Ort auf und bekomme gleich am ersten Tag ein Haus geschenkt. Wie kann ich das je wieder gutmachen?«
Er blickt mich fragend an.
»Geschenkt? Es ist ja nur ein Haus. Schließlich braucht ja jeder eine Unterkunft. — Finde einfach etwas, das du machen möchtest, der Rest ergibt sich dann von selbst.«
»Du meinst etwas Nützliches wie ... Tische schreinern oder Kleidung schneidern? Wer weiß, vielleicht bin ich ja ein Schneider?«
Er zieht die Augenbrauen hoch.
»Ja, wer weiß.«
Ich schüttle den Kopf.
»Nein, wohl eher nicht. Es ist schwierig herauszufinden, was man ist, wenn man nicht mehr weiß, wer man ist.«
»Ach was, das ist nicht schwer. Tue einfach irgendwas ... und das bist du dann!«, erwidert er und nickt.
»Und wenn ich feststelle, dass ich das gar nicht sein will?«
Er blickt mich wieder fragend an.
»Dann machst du halt was anderes.«
Seiner unkomplizierten Logik habe ich nichts Brauchbares mehr entgegenzusetzen.
»Danke, Will, hoffentlich wache ich morgen nicht auf und habe wieder alles vergessen.«
Will gähnt und seine Stimmung wechselt schlagartig in eine matte Müdigkeit.
»Das wirst du nicht. Das ist hier jedem nur einmal passiert«, erwidert er.
»Woher willst du das wissen?«
»Also ... ich weiß es einfach!«
Er taumelt die Treppe hinunter.
»Richte dich erst mal in Ruhe ein. Bin echt müde, war‘n langer Tag. Maria wird dir morgen sicher die Schmiede zeigen. Du wirst staunen, sag ich dir.«
»Ich bin gespannt«, erwidere ich.
Nachdem er gegangen ist, hole ich die Matratze, das Kissen und die Decke aus dem Karren und mache es mir im Schlafzimmer bequem. Als ich die Geschehnisse dieses seltsamen Tages durchgehe, überkommt mich tiefe Müdigkeit, der ich unvermittelt nachgebe.
Die Schmiede
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Die Sonne blendet mich durch die Augenlider hindurch. Ein Moment von Orientierungslosigkeit. Ich bin ... in Memoria. Erinnerung — so fühlt sich das an. Ich verdränge meine Müdigkeit, stehe auf und tappe zum Balkon. Das Sonnenlicht ergießt sich über den Platz, taucht seine Strahlen in das Grün der Blätter, in das Beige der Säulen und in das Ocker der Häuser. Mitten in dem Farbenspiel erscheint vor mir wieder der rote Lichtreflex, ein Schmetterling, der sich im Blau des Himmels auflöst. In dem großen Baum zwitschert ein gelber Vogel. Ein älterer Mann fegt Laub zu einem Haufen zusammen, und eine Gruppe von Frauen schlendert, ins Gespräch vertieft, an den Säulen entlang. Auch wenn ich mich nicht damit abfinden mag, dass meine Erinnerung möglicherweise nie wieder zurückkommt, fällt es mir doch leicht, diesen Platz als mein neues Zuhause anzunehmen.
Ich denke, ich werde von der Honwurst probieren und den Sessel vom Karren holen. Wenn mein Aufenthalt hier von Dauer ist, benötige ich natürlich mehr als nur einen Sessel und eine Matratze. Ich sollte ins Bona-Fama zurück und überlegen, was ich noch gebrauchen kann. Vielleicht finde ich dort etwas zum Schreiben, um mir einige Notizen zu machen. Da fällt mir mein Notizbuch wieder ein. Ich gehe zu meinem Jackett und greife in die Tasche. Sie ist leer. Ich muss es oben am Wasserfall vergessen haben. Das Notizbuch ist meine einzige Verbindung zu dem Leben vor Memoria. Bei der Einsturzgefahr wäre es allein wohl zu gefährlich dort hinzugehen, besser ich frage Will.
***
Als ich mit dem Karren vom Bona-Fama zurückkomme, läuft mir Maria entgegen.
»Morgen Paul, allem Anschein nach kommst du schon gut zurecht. Benötigst du da überhaupt noch meine Hilfe?«
Ich nicke. »Ja, ich würde mir einige Notizen machen wollen, aber im Bona-Fama hab ich nichts zum Schreiben gefunden ... und diese Schmiede von der Will gesprochen hat ... kann ich sie mir mal anschauen?«
»Also, zum Schreiben«, meint sie und hilft mir, die Sachen von dem Karren ins Haus zu tragen, »sind Stift und Papier, nun ja, ein wenig aus der Mode gekommen. Wir benutzen dafür solch silberne Leuchttafeln. Wir nennen sie einfach nur: Q .«
»Ach so, dazu sind sie da. Ich glaube, ich habe welche im Bona-Fama gesehen.«
Sie nickt. »Richtig. Allerdings, wenn wir zur Schmiede gehen, kommen wir sowieso an meinem Haus vorbei, da kann ich dir gleich ein Q und eine Tasche geben.«
Sie lächelt und mir fällt auf, dass es dazu keines bestimmten Anlasses bedarf, es ist schlicht ihr Gesichtsausdruck, ihr Wesenszug.
»Wie geht es Sebastian? Konntest du gestern noch Jules finden?«, frage ich.
Maria erstarrt kurz in ihrer Bewegung und presst die Lippen zusammen.
»Sebastian ist ... gestern von uns gegangen.«
»Das tut mir leid!«
Sie schüttelt andeutungsweise den Kopf.
»Es ist nicht allein wegen Sebastian. Natürlich, er war ein warmherziger und immer fröhlicher Mensch. Ein großer Verlust. Aber es erinnert mich daran, dass wir in Memoria immer weniger werden ... wir sterben aus, Paul.«
»Will hat mir davon erzählt. Was denkst du, warum nur noch selten Neuankömmlinge hier aufwachen?«
»Das ist eine gute Frage. Hat dir Will auch schon erzählt, dass der Tag hier vier Stunden länger ist?«
»Ja, aber ich kann das kaum glauben«, entgegne ich, beuge mich über die Ladefläche und schiebe den Tisch nach vorn.
»Es stimmt. Nun ja, dennoch fasse ich die Tage gerne in Jahren zusammen, auch wenn mich Sid immer damit aufzieht«, erklärt sie. »Die allermeisten sind hier vor über 5 Jahren aufgewacht, dann im Verlauf des ersten Jahres kamen über zweihundert dazu, darunter auch ich. Von da an endete es abrupt. Und vor einem Jahr tauchte Jules auf, ja, und nun du.«
Sie greift den Tisch am anderen Ende, und wir tragen ihn ins Haus.
»Hat jemand solch eine Ankunft beobachtet?«
»Nein, leider nicht. Alle wachen irgendwo am Wasserfall auf, meistens so wie du auf dem Plateau. Anfangs untersuchten wir die Gegend, konnten aber nichts Besonderes finden. Mittlerweile schaut nur noch Will gelegentlich vorbei.« Wir stellen den Tisch mitten im Wohnzimmer ab. »Versuche ihm das bitte auszureden, die Konstruktion dort ist zu instabil«, fügt sie an und zupft sich ihr Kleid zurecht. Ich nicke, obwohl ich mehr denn je motiviert bin, mir das Gebiet anzuschauen. Wenn dort die meisten aufgetaucht sind, muss es einen Grund dafür geben.
»Ich hab oben in der Kammer, hinter dem Wasserfall, so eine silberne Wand mit Symbolen gesehen.«
»Ja, die Konsole. Wir haben schon alles probiert, sie zeigt immer die gleiche Sequenz. Vermutlich ist sie einfach defekt.«
Auf dem Weg durch die Stadt wird Maria immer wieder in Gespräche verwickelt. Einige möchten ihre Häuser umbauen, andere fragen nach dem Ertrag der letzten Ernte. Je näher wir dem Brunnenplatz kommen, desto mehr füllen sich die Straßen. Mir fallen wieder die Häuser mit den geöffneten Erdgeschossen auf. In einem ist ein Friseur bei der Arbeit, in einem anderen bietet jemand Früchte an, daneben gibt es Brot, und ein weiterer malt an einem Gemälde.
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