Der Vorhang öffnet sich. Phil steht an einer Reling, hinter ihm sind weiße Wolken, aufgemalt auf einer blauen Leinwand zu sehen. Taue und Verstrebungen verlaufen von einem Mast bis zu der Reling herab. Jemand nähert sich ihm von der Seite, ich erkenne ihn wieder, es ist derselbe Kapitän, der ihn einst aus dem Ozean fischte.
»Und, ... konnten sie den Baum der Wahrheit finden?«, fragt er.
Phil zögert. »Nein.«
»Es ist eben doch nur eine Legende«, erwidert der Kapitän.
»Ich weiß nicht, ... aber selbst wenn es ihn gäbe, welcher Antworten könnte ich überhaupt gewahr werden, wenn mich die Suche nach ihm erblinden und ertauben lassen?«
Beide blicken für einige Zeit auf das Meer.
»Wir sind auf dem Weg nach Altus, einem kleinen Land auf einer Halbinsel im Norden. Der König persönlich wird seine Lieferung entgegennehmen. Er liebt solche Geschichten, sie sollten ihm diese nicht vorenthalten.«
In der nächsten Szene legt das Schiff am Hafen an und der Kapitän stellt Phil dem jungen König vor. Sie kommen schnell ins Gespräch und Phil schildert, wie er unter Affen lebte und von seiner Suche nach dem Baum. Der König ist völlig fasziniert von den Abenteuern und lädt ihn zum Speisen an seinen Hof ein. Dort erzählt Phil von seiner Leidenschaft Sonnenschirme anzufertigen. Der König erwidert, dass er zufällig nach einem Hoftischler Ausschau halte.
»Wenn es euch gelänge, unseren Hof mit einigen von euren Schirmen zu erfreuen, würde ich euch die Stelle eventuell offerieren«, meint der König und prostet Phil zu.
»Wenn ihr mir eine kleine Werkstatt bereitstellt, werde ich sofort damit beginnen«, erwidert Phil.
Inspiriert von dem Giebel eines hohen Turmes, den er vom Palast aus mitten in der Stadt emporragen sieht, formt er seine Sonnenschirme. Die Leute am Hof sind begeistert. Seine Schirme werden schnell zur Mode und er wird zum königlichen Hoftischler ernannt. Er erhält einige Zeichnungen, nach denen er neue Möbel anfertigen soll. Phil ist über die seltsamen Formen verwundert, will jedoch den König nicht enttäuschen.
»Ist euch von den Aufständen in der Stadt zu Ohren gekommen?«, fragt der König Phil eines Tages.
»Nein, ich arbeite den ganzen Tag an euren Möbeln. Gegen was begehren sie denn auf?«
»Diese ... Bauern glauben, ich würde zu viele Abgaben verlangen. Sie haben keine Vorstellung davon, wie aufwendig es ist, das Land zu verwalten. Ich liege oft in der Nacht wach und sorge mich, ... ja, sorge mich um jeden einzelnen Bürger. Aber mir scheint, dass nicht jeder meine Sorge verdient.«
»Und wenn ihr versucht, es ihnen zu erklären?«, erwidert Phil.
Der König lacht mit einem Geräusch, das mich irgendwie an eine knarrende Tür erinnert.
»Es sind Bauern und Mägde! Sie können es nicht mit ihren kleinen, winzigen Schädeln begreifen, dafür wurden sie nicht geschaffen«, entgegnet er.
Nun folgen größere zeitliche Sprünge. Phils Werkstatt vergrößert sich, und er bekommt Untergebene. Er nimmt an Leibesfülle zu. Seine Kleidung wird immer pompöser. Allerdings kann er sich an dem Luxus schon lange nicht mehr erfreuen, stattdessen wirkt er angespannt und verhält sich abschätzig gegenüber seinen Bediensteten. Er befürchtet ständig, er könne seinen Stand beim König verlieren. In der nächsten Szene blickt er von seinem Fenster aus auf die Stadt.
»Was ist dort unten los? Der Turm, er brennt! Oh nein, die Meute hat ihn angezündet.«
Sein Entsetzen steigert sich, als er bemerkt, dass die aufgebrachte Menschenmasse, mit brennenden Sonnenschirmen, zum Palast strömt. In Panik sucht er nach dem König und findet ihn, blutüberströmt mit einem Messer in der Brust, tot im Speisesaal liegen. In diesem Moment erstürmen die Aufständischen den Palast. Die Wachen fliehen vor der Überzahl. Der tobende Mob erreicht schließlich den Speisesaal. Sie umkreisen den toten König und starren ungläubig auf den Leichnam.
Der Vorhang fällt. Ein aufgeregtes Gemurmel durchläuft das Publikum. Ich blicke zu Maria hinüber.
»Wie spannend, was so ein Sonnenschirmmacher alles erlebt«, meint sie.
Der Vorhang hebt sich. Phil sitzt auf einem Stuhl. Der Lichtkegel öffnet sich und vor ihm sind nun drei Personen zu erkennen, die ihrerseits an einem großen Tisch sitzen. Die Frau in der Mitte trägt eine schwarze Robe. Einige Zuschauer befinden sich hinter einer roten Kordel als Absperrung auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes. Ein hochgewachsener, schlanker Mann in einem Frack schreitet eine Weile vor dem Tisch hin und her, dann wendet er sich Phil zu.
»Sie wollen dem Gericht ernsthaft weiß machen, dass sie nichts über den Turm wussten?«
Er nimmt einen Sonnenschirm vom Tisch und öffnet ihn. Empörung bricht im Gerichtssaal aus. Die Richterin muss um Ruhe bitten.
»Und das die Form ihrer Sonnenschirme genau der Turmkuppel entspricht, ... nur ein Zufall?«
Phil wischt sich mit einem Tuch den Schweiß von der Stirn.
»Ich ... ich hatte keine Ahnung davon, mir wurde nicht mitgeteilt, dass es sich um ein Gefängnis handelte. Ich sah nur das Dach von meinem Fenster aus und gab den Schirmen die Form, ... ich wusste nicht ...«
Gelächter erschallt im Gerichtssaal.
»Ich habe den Königspalast nie verlassen ...«
Der Ankläger zeigt mit ausgestrecktem Arm auf Phil.
»Ganz genau! Warum verließen sie den Palast nie? Weil sie eben doch von dem Elend und dem Terror da draußen wussten!«
Der Ankläger wendet sich der Richterin zu.
»Ich bitte nun um das Beweisstück.«
Die Richterin nickt. Es wird eine Bank mit Riemen und Ketten hereingetragen.
»Dieses Möbelstück, hier nur als Referenz von über zwanzig Exemplaren, stammt aus ihrer Werkstatt, richtig?«
»Ja ... aber ...«, stammelt Phil.
»Das heißt, sie bauten Folterinstrumente für den König und wussten nichts davon? Wollen sie uns zum Narren halten?«
»Nein, nein, so sah die Bank nicht aus, als sie meine Werkstatt verließ. Von Riemen und Ketten weiß ich nichts.«
Rufe und Aufregung breiten sich im Saal aus. Diesmal hebt der Ankläger die Hände und bittet um Ruhe.
»Ich habe mich erkundigt, es stimmt, dass diese Dinge erst im Turm angebracht wurden. Aber sie fragten auch nicht, wozu die ganzen Ösen und Bolzen nötig sind, ... weil sie es ja wussten!«
Der Vorhang fällt.
In der nächsten Szene läuft Phil in einer Gefängniszelle auf und ab.
»Was wollen diese Bürger nur von mir? Was habe ich ihnen denn getan?«
Mit einem dumpfen, schleifenden Geräusch schiebt sich plötzlich eine Wand zur Seite. Phil bleibt wie erstarrt stehen. Aus dem dunklen Spalt ragt zuerst eine Hand heraus, dann zwei Arme. Eine Gestalt schält sich aus dem Schatten — es ist Mina.
»Phil, es ist an der Zeit; verliere die Welt, erlange die Freiheit«, flüstert sie.
Wieder fällt der dünne, seidige Vorhang und taucht alles dahinter in ein Spiel von dunklen Flächen und Silhouetten. Als er sich schlagartig öffnet, liegt Phil auf der Pritsche. Der Spalt in der Wand wie auch Mina sind verschwunden. Er richtet sich auf und ein Lächeln breitet sich auf seinem Gesicht aus. Eine neue Szene beginnt im Gerichtssaal.
»Sie baten um das Wort und wollen sich erklären«, meint der Ankläger. »Nun, da bin ich sehr gespannt.«
Phil nickt und erhebt sich von seinem Stuhl. »Ich habe über die Geschehnisse nachgedacht. Es stimmt, dass ich von dem Gefängnis und der Folter nichts wusste, jedoch trifft es auch zu, dass es mich nicht interessierte. Ich hinterfragte nie, wie der König zu seinem Wohlstand kam und wie es seinem Volk ergeht. Die Wahrheit ist, ich war ausschließlich bemüht meinen Besitz und Stand zu mehren, oder zumindest zu halten. Mein Eigennutz entsprang nicht aus einer Boshaftigkeit, er formte sich aus der Furcht. Der Furcht zurückzufallen und der Befürchtung den Erwartungen nicht zu genügen. Dessen bekenne ich mich schuldig.«
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