Sie lacht und gibt mir einen Klaps auf den Arm. Von allen Seiten treffen immer mehr Menschen zusammen und strömen den Weg hinunter zum Theater. Das Gewirr von Stimmen und Gelächter erzeugt eine knisternde, erwartungsfrohe Atmosphäre.
Das Theater ist größer, als ich es erwartet hatte. Die Senke ist kreisförmig und nimmt zur Mitte hin an Steigung ab. Es erinnert mich von der Form an etwas, ... dessen Name mir im Moment nicht einfallen will. Die Bühne wurde in den gegenüberliegenden Hang hineingebaut. Sie erstreckt sich bis beinahe zur Mitte des Beckens und wird von einer aufwendigen Holzkonstruktion umrahmt. Die in einem Halbkreis angeordneten, weißen Bänke reichen Reihe für Reihe bis zum obersten Rand der Mulde. Jetzt fällt es mir ein — die Form erinnert mich an eine riesige Radioschüssel. Dieser Eindruck wird von einem schlanken Mast, der vom Bühnengerüst bis in die Mitte ragt, noch verstärkt. Von ihm aus verlaufen Gewebebahnen wie die Speichen eines Rades über das gesamte Theater. Den Eingang säumen zwei lebensgroße Holzfiguren. Eine davon stellt eine Frau in einem langen Gewand dar, sie hat die Augen geschlossen und ist in ein Harfenspiel vertieft. Bei der anderen Figur handelt es sich um einen Mann, der mit gespitzten Lippen in eine Querflöte bläst.
»Da ist Will«, bemerkt Maria und zeigt auf eine der hinteren Reihen.
»Ihr seid ja spät dran«, meint er angespannt, als wir uns zu ihm setzen.
»Der Bau ist sehr beeindruckend«, meine ich, »und das, wo er ohne Brunnen errichtet wurde.«
Will nickt. »Ja, das war ein ganzes Stück Arbeit, hat echt ewig gedauert.«
Maria meint, dass das Einsetzen der Bänke sogar länger gedauert hat als der Bau der Bühne selbst.
Ein Gong erklingt. Der Ton schwebt für einige Sekunden klar und weich im Raum, bis er sich ausbreitet — an all den Ecken und Kanten bricht und schleichend an Stärke verliert. Zur selben Zeit schwillt ein gelbes Licht an, als würde es die Energie des Tons verschlingen und in Helligkeit umwandeln. Die Bühne löst sich nun leuchtend aus der Dämmerung heraus und der Vorhang gleitet geräuschlos zur Seite. Mina tritt in das Licht. Ein einfaches, weißes Gewand fällt von ihren Schultern in unzähligen Falten herab. Sie schreitet bis zum linken Bühnenrand. Ihr schweifender Blick scheint jede Reihe zu sondieren, dann hebt sie die Hand, als würde sie in dem lautlosen Theater um Ruhe bitten.
»Es gibt Geschichten, die berichten von Helden und ihrem Kampf gegen übermächtige Dämonen, von Hinterlist, Mord, Liebe und Leidenschaft. Die Geschicht‘, die ich euch heut‘ erzählen will, besitzt gewiss von allem etwas, und doch ist sie ganz anders. Es ist die Geschicht‘ von Phil, dem Sonnenschirmmacher.«
Ein kleiner Mann mit kurzem, grauen Haarkranz betritt die Bühne. Er blickt suchend über den sandigen Boden. Sein Hemd und seine Hose sind völlig zerschlissen. Hin und wieder durchzieht er mit einem Stock prüfend das Erdreich. Im Hintergrund befinden sich Palmen, aufgemalt auf einer Leinwand. Er kniet sich nieder, scharrt etwas frei und streift den Sand davon ab.
»Ja, genau, was ich suche!«, ruft er. »Diese Muschel hat die richtige Form.«
Das Licht fällt wieder auf Mina.
»Phil war ein Reisender auf der Suche nach dem Baum der Wahrheit. Seinerzeit gab es einen weitverbreiteten Glauben an ein verzaubertes Gewächs. Es sollte die Gabe besitzen, einem zu offenbaren, wer man sei. Menschen, so die Mär, welche unter dem Baum nächtigten, riefen am Morgen voll Freud: Nun kenn ich meinen Klang im Lied der Welt!«
Ein weiterer Vorhang öffnet sich und offenbart die ganze Tiefe der Bühne. In einer einfachen Hütte fertigt Phil aus Ästen und Stroh ein Gestell an. Erst als er es mit großen Blättern bedeckt, erkenne ich, dass es sich um einen Schirm handelt. Die geriffelte und geschwungene Form erinnert tatsächlich an eine Muschel.
Mina tritt erneut am Rand der Bühne hervor.
»Phil war sich sicher, dass der Baum jenseits des großen Ozeans liegen müsse. So nahm er das nächste Schiff.« Sie bewegt sich einen weiteren Schritt nach vorn. Auf ihr Gewand fällt ein flackerndes Licht. »Aber dann zeigte das Meer sein teuflisches Gesicht: peitschende Winde, gewaltige Wellen, panische Schreie im berstenden Körper aus Holz und Metall. Phil rettete sich auf eine Planke und nach endlosen Tagen spülte es ihn an diese Insel.«
Im Hintergrund fertigt Phil weiter seine Schirme an.
»Dies alles hat ihm der Schreck längst aus seinem Verstand geraubt. Im Wald traf er auf seltsame Eingeborene. Sie nahmen ihn auf und teilten ihr Essen mit ihm. Er bedankte sich mit dem Einzigem, das er nicht vergessen hatte, mit dem, was er am besten konnte.«
Phil tritt vor die Hütte. Von allen Seiten erscheinen Darsteller mit verzerrten Masken. Sie tanzen in einer merkwürdig gebückten Haltung um ihn herum. Er nimmt seine Schirme und verteilt sie unter den Maskenwesen.
»Ja, Franziskus, du bekommst auch einen, ... und du Sophia, du auch. So seid ihr immer geschützt vor der Sonne, meine Freunde.«
Sie nehmen die zerbrechlichen Objekte gerne an, scheinen jedoch nicht zu verstehen, wozu sie gedacht sind. Einer schlägt den Schirm freudig gegen einen Baum, ein anderer dreht seinen Schirm auf den Kopf und setzt sich hinein. Phil beachtet es nicht weiter. Der Schiffbruch hat seinem Verstand offensichtlich schwer zugesetzt. Er fängt an, wirre Geschichten zu erzählen.
»Wollt ihr wissen, wie ich hierher fand?«
Die Eingeborenen scharen sich um ihn.
»Ich segelte auf Schnee, ... natürlich kein echter Schnee. So nannte ich mein Schiff. Hatte es mir aus dem Salzbaum geschnitzt. Der wächst hier nicht. Das Holz, das ist ganz weiß, so wie das Fruchtfleisch der Kokosnuss. Ihr müsst wissen, es hatte keine Segel, also ... keine über dem Wasser. Zwei Krebsscherensegel unter dem Bug, in den Planktonwind gesetzt, gaben ihm den Antrieb. So machte ich beinahe zwanzig Knoten, selbst bei stärkster Flaute. Nur ... die See ist hungrig in diesen Breiten, langsam aber unaufhaltsam fraß es das weiße Holz. Hilflos musste ich zusehen, wie es sich auflöste, wie es unter meinen Füßen dahin schmolz. Dann als ich auf der letzten Ecke stand, sah ich die Insel, sah, wie sie im Mondlicht glitzerte. Die Sterne tanzten vor Aufregung, immer schneller und schneller. Die Wolken konnten nicht widerstehen und nahmen den Rhythmus auf. Es wirbelte und brauste um mich herum, ich sage euch, Poseidon selbst riss es aus seinem Becken und mich gleich mit. Da spannte ich meinen besten Schirm auf, hielt ihn derart geschickt in den Strom von Äther und Sternenstaub, dass ich — ihr werdet es nicht glauben — doch tatsächlich trockenen Fußes meine Ballen in den Sand des Ufers bohrte.«
Die Eingeborenen geben zustimmende Laute von sich, obwohl ich bezweifele, dass sie auch nur ein Wort verstanden haben. Einer von ihnen reicht Phil eine längliche Frucht.
»Nein, das ist keine gute Form. Ach, Mantis, du musst noch viel lernen, so kann man doch keine Sonnenschirme bauen.«
Maria beugt sich zu mir herüber. »Das ist allem Anschein nach doch ein trauriges Stück. Ich wünschte, es würde nun regnen«, flüstert sie.
In der nächsten Szene sucht Phil wieder den Strand ab, dabei stößt er auf angespülte Kisten und Trümmerteile.
»Von wo kommt das denn her?«
Ein Klopfen dringt aus einer der Kisten. Er geht einige Schritte auf sie zu, da springt sie auf. Eine Frau fällt heraus, ich erkenne sie an ihrem weißen Gewand — es ist Mina. Phil kniet sich neben sie.
»Wer bist du?«
Plötzlich öffnet sie die Augen und packt ihn am Arm.
»Phil, es ist an der Zeit; verliere die Welt, erlange die Freiheit«, raunt sie.
Er erstarrt. Ein dünner Vorhang — eher ein Schleier — fällt herab. Dahinter verliert sich die Szene in unscharfe Schattenspiele.
Читать дальше