„Magst dich losreißen?“, brummt Anton kühl, schlenkert den Korb in ihr Blickfeld. „Weiter! Oberhalb wächst mehr!“
Sie gehen eine Weile schrittgleich hintereinander. Längst bereut Anton seinen brüsken Ton. Er erträgt Usas Stille kaum. Die erinnert zu arg an sein im Schlaf Geträumtes. An dem haftet eher stumme Beunruhigung denn stilles Schweigen.
Ein Steinchen am Pfad kickt Anton ins Gebüsch, und flüchtet zu Unverfänglichem und in eine warmherzige Stimmlage.
„Was bedeutet dir der Sommer?“
Usa atmet tief ein, um bald neu in sich zu ruhen, und auch in ihren Wechselblicken gen Antons graugesprenkeltes Nackenhaar vor sich. Der Übergang zu seiner Haut am Hals vermittelte ihr zuvor die sehr seltsame Empfindung, er stemme dort ein Gewicht. Gehend am Weg, lugt sie an ihre zwei leicht schlenkernden Arme.
„Nun, Sommer heißt für mich, bis Dezember Sonne satt!, und zauberhaft goldiges Haar an der tief gebräunten Haut der Arme. Der Sonne zu trauen, trägt mich durch die kühleren Monate wie ein Sinnbild fürs Paradies, und für überschwappende Freude, ein offenes Herz, leichte Gedanken! Nie kriege ich den Hals zu voll davon, obgleich ich, seit ich in der Quinta lebe, Stille bei jeder Gelegenheit mag! Verdirb sie nicht mit latentem Druck.“
„Retourkutsche für meinen barschen Ton vorhin? Okay!“
Anton legt einen Schritt zu, enteilt ihr. Usa aber folgt, spontan und neugierig, einem Weg zu einem verfallenen Gemäuer. Versteckt liegen brandschwarze, von Gras überwucherte Steine. Nahebei steht ein kurzer Nadelbaum mit brauner Rinde, und fast waagerechten Zweigen. Winzige Früchte hängen daran, von einer Kletterranke bedeckt, deren Triebe spitze, lederartig glänzende Blätter tragen, wie Mäusedorn. Die Augen beschattend, geht Usa darauf zu, um an den Beeren zu erkennen, worum es sich handelt.
Knall auf Fall fängt eine aufragende Wurzel eine Sandale. Armwedelnd stolpernd, richtet sich Usa keuchend auf. An ihrem Beinahesturz erkennt sie, für ihre Erdung absolut ihre Füße zu brauchen, niemals der Neugier blindlings zu folgen, schwebe sie auch zu gern und reich an Hingabe zu Anregungen luftiger Höhen.
Usa hört Anton beruhigend brummen. Ihr nachfolgend hebt er seine Sandale spielend über die verflixte Wurzel.
„Dich brachte der Zedernwacholder aus dem Tritt? Der wurde selten im felsigen Umland, durch Abholzung stark dezimiert, wie das Deckenschnitzwerk der Kathedrale in Funchal nahe legt. Doch hilft sein Duft sehr gut gegen Motten.“
„Auch gegen Motten an Erdhaftung? Dann pflücke ich etwas!“
Die Füße theatralisch hebend, beendet Usa ihren Weg, knickt ein Zweiglein ab, zerreibt die Nadeln in der Hand, schnuppert am harzigen Aroma, und kehrt leicht benommen zu Anton zurück.
Ihr hält er den Korb mit pelzigen Blättern entgegen.
„Sieh, haariger Beinwell, der soll in meine Kräutermischung hinein. Demnächst grabe ich die zugehörigen Wurzeln aus.“
Er wendet sich zu einem kläglich vegetierenden Rizinus mit dunkelroten Fingerblättern. Dort führt unterhalb der Hütte ein schmaler Pfad abwärts. Dem folgt Anton, seinem hinkenden Gang verfallen, und, nach einem langsamen Rundblick, auch Usa.
„Wir graben den dann aber gemeinsam aus!“, ruft sie, im Ton für diesen Tag voll an neuen Eindrücke, und in ihrer leichten Benommenheit aus dem Zedernöl. Den Zweig in die Bluse steckend, ergänzt sie im Nähern: „Anton, würzige Aromen regen mir Freude an und im Kopf Leichtigkeit. Überdies finden meine Beine hier über alle Maßen mehr Bodenhaftung.“
„Fahren wir öfter, wäre keine Zeit für ...“ Anton hebt eine Hand und gluckst: „Da wäre fast in der alten Spur gelandet, im perfekten Plan meiner Idee. Ich hetze sogar dich. Vielmehr geht es mir, hier oben wo niemand geht, um Alleinsein. Hier bin ich, nun ja, auch uns und dir sehr nahe.“
Er neigt den Kopf, schaut von unten herauf Usa an mit einem Blinzeln treuherziger Wimpernschläge. Er öffnet die Arme. Schon schlägt der Korb an Usas Bauch. Auch die Wärme aus Antons Mitte und, zeitgleich damit, sein obligatorisches Zwicken aus seinem Beziehungsverhalten. Und das liegt ihm auch im Gesicht, mit dem er in die Luft weit neben Usa äugt. Offenbar verlegen.
„Wir sind uns einig“, japst Usa, und streichelt beidhändig Antons Arme, seine Mimik erforschend. Sein Kinn sinkt herab, im
Eingeständnis von Rumoren, bei dem Usa erinnert, wie oft er in die Hügel pilgert, und ihr einst bekannte: Nie wieder wolle er neben sich stehen und einen Unfall verursachen. Sein Bein trug ihn in Abstinenz vom Trinken aus Genuss, geringfügiger machte es ihn weniger abhängig von unmäßigem Jobben. Doch keinesfalls frei von Selbstmitleid, obgleich diese Unart die liebenswerten Menschen vertreibe, obenauf ihm seinen eigenen festen Willen unzugänglich halte. Ab und an empfinde er so, begierig danach.
Usa spürt, er senkt die Arme kraftleer. Fehl ging ihr Schub Bindeenergie. Zugleich rückt Anton das, was zuvor seinen Nacken belastete, scheinbar finster in die Miene, nun umwölkt vor der Weite des Himmels über den Bergeshöhen.
Anton überrascht sein Leben als der Knirps, dessen Mutter schluckte, und seine Ohnmacht, weil er zu spät kam. Tuschelnde Nachbarn hoben die Hände. Ein Wagen hatte seine hart torkelnde Mutter umgerissen. Nie wieder wollte er von anderen bemitleidet werden: So Eine, der arme Bub! Seine Oma nahm ihn auf, erlebte nicht mehr, wie erfolgreich er wurde, verbissen jobbte. Deshalb war eines Nachts der Unfall mit dem schlafenden Fahrer genauso unabwendbar wie die Alleebäume, vor die sie schleuderten. Beide Wagen Totalschaden, ursächlich wurden beiden Fahrern hohe Pegel diagnostiziert. Danach lernten sie miteinander das Hinken und Überdenken, ob es das wert war.
All das durchrüttelt Anton minutenlang. Erst danach gewahrt er, mit erstaunter Miene, Usa. Verlegen grinsend und rau in der Kehle, erklärt er sich etwas und ergreift sofort ihre Hand.
„Mit dir apart Leichtsinnigen fahre ich gerne heim. Rollen die Räder, rutschen bessere Gedanken ins Gemüt, und längere als mein Gesicht dir eben wohl wirkte. Heute ist ein zwar komischer doch prächtiger Tag, den es lohnt, zu erleben.“
Seine Finger umschlingen fest Usas, während sie die Kehre um einen schulterhohen, kleinblättrigen Heidelbeerbusch gehen. Im nachfolgenden Umrunden eines weiteren dröhnt ihnen, wie vom heiteren Himmel gefallen, in das Knirschen ihrer Sohlen ein metallenes Geräusch von Schaufelschlägen auf steinigen Grund.
Ein gutes Stück fern davon zuckt Anton zurück, duckt sich ins mannshohe Gebüsch. Usa prallt an ihn, kann nicht anders. Einen Zweig niederdrückend, beobachten sie das Gesicht von Carel aus einem Schacht auftauchen. Steine fliegen hinaus zum Rucksack, oberhalb liegend. Weiterbuddelnd im Loch, wirft seine Schaufel Erde und einzelne andere Gesteine an den Schachtrand.
Mit körperlichem Unbehagen empfindet Usa sein Rackern, will flott im Bogen um Carel herum, und schaut Anton an. Seine Hand raspelt am Bauch an einer weitaus lästigeren Abneigung.
„Spinnt der?“, flüstert Anton, presst den Mund ein, rülpst dann, und stößt aus: „Davon quasselte der Bauer! Durch hirnlos Abgedrehte wie Carel, leidet unser Ansehen! Ich muss ihn davon abbringen, bevor die Policia ihn erwischt. Wir kennen hiesige Regelungen. Dürfen wir das einem Neuling wie ihm verschweigen?“
Heftig nickt Usa, reckt sich. Anton lässt den Magen und den Zweig los, setzt einen Schritt an den Pfad zur Grube. Überlaut tönt seine Frage hinunter zum Auslöser der fliegenden Steine.
„Ein Geologe am Werk? Carel, wie kommst du hier herauf?“
Carel reckt den Kopf, wischt staubiges Haar aus der Stirn.
„Mit dem Wanderertransport am Morgen, geht spätnachmittags abwärts. Ausgemacht ist, wo ich zusteige.“ Schroff klingt sein Ton. „Wollt ihr etwa auch mit? Ach nee, ihr habt den Jeep.“
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