„Du meinst, wenn du dich in diese komische Kugel verwandelst – das sieht echt toll aus!“, sagte Kishou anerkennend. „Aber was machst du damit, mehr passiert ja eigentlich nicht ...!“
„Oh nein – Oh doch, doch!“, wurde sie vom Unteren Squatsch fast erschrocken unterbrochen. „Um das Allsein zu verdrängen, bedarf es einer ungeheuren Kraft – einer ungeheuerlichen Kraft. Niemand verfügt über solch ungeheuerliche Kräfte – ... außer meiner Wenigkeit – Oh, oh – Verzeiht diese kleine Unbescheidenheit – außer euch selbstverständlich, selbstverständlich außer euch!“
Kishou stutzte. „Außer mir? Was ist das denn nun wieder – wie kommst du denn auf so was?!“
„Aber ihr habt eben nicht das Problem, das ich habe!“, Überhörte er die Frage Kishous. „Ihr seid viele, doch ich bin nur einer. ... nur einer! Da braucht es eben noch mindestens eines weiteren, der meine Kraft vom Allsein trennt! Nun ja ... Ohne so jemanden ... „sein Blick sprang wieder einen verstohlenen Moment zu Boorh hinüber ... „Ohne so einen angeberischen Kraftmeier ... Oh, oh – verzeiht die kleine Unbemessenheit meiner Verdrängung ... Also ich meine ... Also ich will es mal so bemessen: Ohne so einen Boorh ist meine Kraft eben ... nun ja ... eben nur eine Kraft. ... eine Kraft eben – nicht mehr! ... und eine Kraft ist nunmal Allsein. Es muss jemand da sein, der sie letztlich vom Allsein verdrängt. ... Meine Kraft! ... Und jeder meint dann aber zu bemessen, er wäre es gewesen! Er! Aber in Wirklichkeit ...”
„Ach so!“ In Kishous Gesicht ging ein großes Licht auf. „Jetzt verstehe ich!“, sagte sie, und ein breites Grinsen erschien in ihrem Gesicht. „Deswegen ...!“ Sie kicherte etwas vor sich hin. Endlich hatte sie verstanden, warum das Untere Squatsch immer so gegen Boorh stichelte ...
„Äh – deswegen? ... fragte das Untere Squatsch irritiert.
„Ist ja auch egal!“, wiegelte Kishou ab. Aber danke, dass du mir erklärt hast, was du da eigentlich machst. Dann verstehe ich jetzt dein Problem. Deswegen herrscht ihr hier eigentlich auch zu Zweit. Wenn du allein kommst, nimmt man dich wohl nicht so richtig ernst – oder?“
„Genau so ist es entschieden, und genau so verdrängt es das Allsein! Genau so ist es!“ Das Untere Squatsch machte einen ehrlich bemitleidungswürdigen Eindruck. „In meiner Wenigkeit verdrängt sich der Herrscher eines ganzes Volkes vom Allsein – eines ganzen Volkes – und das Volk bemisst keinen Respekt vor seinem Herrscher ... Nur weil der nicht ganz so dick ist ... Oh, oh – verzeiht meine kleine unbemessene Verdrängung ...!“
„Schon gut!“, lächelte Kishou und strich tröstend über seinen Arm. „Setz dich doch auch noch ein bisschen. Es ist gerade so schön hier zu sitzen und sich vorzustellen, wie es wäre, wenn hier vor uns nichts als Wasser wäre, und hinter uns eine bis zum anderen Horizont reichende große Wolke aus grünen Blättern und Blüten in allen Farben!“
„Oh, oh – wenn Ihr gestattet!“ Die kleinen Kulleraugen des Unteren Squatsch leuchteten auf, und er beeilte sich, neben ihr Platz zu nehmen.
„Jetzt wo Boorh wieder da ist, wird das Volk sicherlich sehr bald erkennen, wer du bist, und man wird wieder Respekt vor dir haben!“, tröstete Kishou. „Es ist nun einmal so entschieden, dass ihr nur gemeinsam das Allsein verdrängen könnt!“
„So entscheidet Kishou, und wie Kishou vollkommen bemessen entschieden ist, so verdrängt es das Allsein!“, bestätigte das Untere Squatsch, und es war zum ersten Mal eine erstaunliche Ruhe und Zufriedenheit in ihm zu entdecken – und Kishou lächelte in sich hinein, als sie bemerkte, dass sie bereits anfing, sich in den seltsamen Worten der Chemuren auszudrücken. Dann aber verzog sich ihr Gesicht doch wieder zu einer nachdenklichen Mine. „Mmh – das ist dann aber auch wieder so eine komische Sache ... Ich dachte, ich hätte verstanden, dass Boorh seine Kraft von dir braucht, um etwas in die Tat umzusetzen ... so ist es doch gemeint – oder?!“
„ja, ja – genau so. Genau so verdrängt es das Allsein!“, beeilte sich das Untere Squatsch zu bestätigen, um gar nicht erst irgendwelche Zweifel aufkommen zu lassen.
„Aber im Ersten Drom warst du doch nicht da, und Boorh hat doch alles allein gemacht ...?
„Oh nein, nein – Boorh hat im Ersten Drom kein Allsein verdrängt!“
„Aber ich war doch immer dabei, und hab’ geseh’n ...!“
„Oh nein, oh nein – nichts hat Boorh verdrängt vom Allsein. Boorh hat kein Sein vom Allsein verdrängt. Niemand kann im ersten Drom das Sein vom Allsein verdrängen – nicht einmal ihr…!“ Er stockte und schluckte verlegen. „Verzeiht die kleine Unbemessenheit dieser Verdrängung vom Allsein ... aber sie ist eigentlich doch vollkommen bemessen – wenn ihr gestattet ...!“
„Häh ... „ In Kishous Gesicht stand ein großes Fragezeichen. „jetzt versteh' ich aber gar nichts mehr!“
„Nun – äh – das Erste Drom ist Allsein. Allsein! ... und niemand kann ein Sein vom Allsein verdrängen, bevor es entschieden und vom Allsein getrennt ist! Niemand kann das!“
„Wie ...?“
„Nun, so ist es. So ist es vom Allsein verdrängt. Boorh und Mo haben das Sein ,entschieden’ und vom Allsein ,getrennt’ im ersten Drom – doch um das entschiedene und vom Allsein ,getrennte‘ vom Allsein zu ,verdrängen‘, ... braucht es das Untere Squatsch – braucht es meine Wenigkeit!“ Er fing wieder sichtlich an, nervös zu werden. „Das ist ja gerade mein Problem, dass niemand es versteht. Das niemand es versteht und jeder zu bemessen meint, es wäre Boorh allein! ... Boorh allen!“, er wiegte verzweifelt seinen Kopf hin und her und seufzte tief auf.
Das Gedankenkarussel, das in Kishous Kopf mal wieder heftig im Kreise fuhr, war ihr hinlänglich bekannt, und sie hoffte entsprechend auf den Augenblick eines rettenden Widerstands. Tatsächlich dauerte es dieses Mal gar nicht so lange ... „Das würde ja bedeuten ... das Erste Drom ist gar nicht wirklich – also ich meine ... es wäre ja dann eigentlich nur irgendwie sowas ... wie ... wie eine Idee ... oder sowas wie eine Art Traum!?“
„Eine Entscheidung!“, wurde sie vom Unteren Squatsch korrigiert. „Nur erst eine Entscheidung! So verdrängt es vollkommen bemessen das Allsein. Es ist zunächst eine Entscheidung. Es trennt das Sein vom Allsein ...!“
Kishou kamen in dem Moment die Worte Trautel Melanchfuls in den Sinn, in denen sie einmal meinte, das Große Belfelland sei ein besonderer Ort, an dem nichts so wäre wie es scheint, und doch läge in allem das Wahre ... „Das heißt ... das Erste Drom war noch gar nicht Wirklich, sondern nur erst die Entscheidung für ein Sein, das hier im Zweiten Drom dann zur Wirklichkeit wird ...!“, grübelte sie laut nach ...
„Dank meiner Wenigkeit! So ist es. Eben Dank meiner Wenigkeit. Genau so ist es entschieden und verdrängt es das Allsein. Eure Entscheidung ist vollkommen bemessen und vom Allsein getrennt, und ebenso verdrängt es das Allsein ...!“ Die Augen des Unteren Squatsch leuchteten hell und er wiegte seinen kugeligen Körper aufgeregt hin und her. Endlich, so schien es ihm wohl, hatte ihn jemand verstanden.
„Deshalb war das auch so’n komisches Gefühl, als wir das Erste Drom mit dir durch’s Allsein verließen – und aus dem Allsein rauskamen … als wenn man aufwacht ... is’ ja verrückt alles ...”, staunte Kishou. Sie schüttelte etwas resignierend den Kopf. „Also so irgendwie hab’ ich’s wohl verstanden ... Jetzt wird mir immerhin einiges klarer – aber ich glaube, es ist im Moment noch ein bisschen viel auf einmal!“ Sie schaute einen Augenblick in die kleinen Murmelaugen des Unteren Squatsch und grinste plötzlich. „Danke, dass du mich aufgeweckt hast!“, sagte sie mit einem kleinen Anflug von Spitzfindigkeit.
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