Das Untere Squatsch überhörte die kleine Ironie in der Bemerkung Kishous und fühlte sich endlich einmal wieder angemessen wichtig – wie lange hatte er das nicht mehr erlebt.
Über die ausgiebige Unterhaltung war die Sonne nun endlich unter dem Horizont verschwunden und ein unbeschreibliches Farbenspiel überzog den sterbenden Himmel. Kishou gähnte herzhaft. „Wir werden die Nacht wohl hierbleiben!“, stellte sie mit einem Blick zu Mo und Boorh fest, die nebeneinander sitzend, mit eingefrorenen Gesichtern auf dem Boden hockten. „Also dann – Gute Nacht, Unteres Squatsch!“, verabschiedete sie sich von ihm, krabbelte auf allen Vieren zu Boorh hinüber und machte es sich in seinem Schoß bequem. Es war doch allemal immer wieder sicherer dort – man wusste ja nie ... und im Gegensatz zum ersten Drom, waren hier zudem doch immerhin schon Temperaturunterschiede spürbar, und die Nacht war kühler als der Tag.
Kishou kuschelte sich tief in Boorhs Schoß, als sich plötzlich eine wohlige Wärme um sie herum ausbreitete. Als sie die Augen verwundert noch einmal aufschlug, sah sie um sich herum ein mattes rötlich fluoreszierendes Licht – wie eine Glocke lag es über Boorh und ihr. Eine Art wabernder, stehender Blitz ging von ihrer Wandung ab – und als ihre Augen der Erscheinung folgten, fand sie dessen Ursprung in einer kleinen, flirrenden Kugel, wie aus tausend unsteten Insekten, in dessen Mitte sich ein leuchtender Kern befand. Er strahlte nicht so heftig, wie sie es schon einmal gesehen hatte – es war dagegen eher nur ein glimmen. Aber Kishou verstand nun, was die Ursache der Wärme war. Mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen schlief sie ein.
~*~
Die ,Verbotene Stätte’ war nicht weit von Zargo entfernt. Gerade einmal ein Tagesmarsch trennte die Oase von jenem Ort, der von Suäl Graal bestimmt war, sich mit ihren Todfeinden zu verbünden.
Rahon wählte nicht den direktesten Weg dorthin. Er nahm einen etwas längeren in Kauf, um von einem der höheren Hügel das Areal dieses normalerweise gemiedenen Ortes überblicken zu können, bevor sie es endgültig erreichen würden. Das Misstrauen saß tief. Noch niemals in allen bekannten Zeiten war es zu einer Verbrüderung mit den Langen Schatten gekommen – und Rahon war nicht nur ein unerschrockener Krieger, er erwies sich auch immer wieder als äußerst scharfsinnig.
Suäl Graal war so verhasst wie gefürchtet unter den Afeten, was wohl für alle Völker aller Drome dieser Welt galt – sie war es ja schließlich, die das Große Belfelland mit seinen Dromen den langsamen aber unaufhaltsamen Untergang geweiht hatte. Und wenn man ihr folgte, dann nur ihrer Macht wegen, der niemand etwas entgegen setzen konnte – und um ihrer Wut zu entgehen. Sie alle kannten die Geschichte ihres Droms und die Zeiten der fließenden Wasser nur noch aus den Legenden. Aber alle sahen auch den weiteren, langsamen aber steten Niedergang ihres Lebensraumes, der jede zurückliegende Zeit bereits als eine ,ehemals blühende‘ erscheinen ließ. Jede bereits vergangene Zeit hatte allenthalben immer noch mehr geboten, als die Aktuelle.
Es muss eine außerordentlich große Macht sein, die es zu bekämpfen gilt, dachte sich Rahon. Suäl Graal hatte es nicht nötig, für irgend etwas Hilfe anzufordern, daran ließ keine der Legenden einen Zweifel. Wenn sie es dennoch tat, so musste etwas ungeheuerliches Geschehen sein. Wer waren diese Fremden, die imstande waren, Suäl Graal herauszufordern, und die das Große Belfelland, und damit auch ihren Lebensraum, zerstören wollten? – und warum will Suäl Graal sie vernichten, wenn die doch nichts anderes im Sinne führen, als Suäl Graal selbst? Das alles ergab keinen Sinn.
Aber Rahon hatte nun die Macht Suäl Graals am eigenen Leibe erfahren. Und wenn auch alles keinen rechten Sinn ergab, so blieb doch nur der Gehorsam, um vielleicht Schlimmeres zu vermeiden.
~*~
Sie hatten das angestrebte Ziel ihres Umwegs erreicht. Eine kleine Gruppe seines Gefolges bildete ein schweigendes Spalier, um Rahon den Weg zu der Stelle auf der Anhöhe frei zu machen, von dem man am besten auf das weite Feld der Verbotenen Stätte blicken konnte. Sie lag inmitten einer ausgedehnten, flachen Lichtung, die nur spärlich mit trockenen Gräsern überwuchert war, und bestand aus vier gigantischen dreieckigen Platten aus Felsgestein, die sich an den Ecken ihrer Fundamente vereinten, und sich nach außen geneigt, schräg in den Himmel erhoben, wie die Blätter einer gigantischen farblosen Blüte in der Morgensonne. Den Blütenkelch bildete gewissermaßen ein quadratischen Innenhof, den die vier gigantischen Felsplatten begrenzten.
Dieser Innenraum – die eigentliche ,Verbotene Stätte’ – die vielleicht 200 Schritte durchmaß, unterschied sich in nichts von seiner äußeren Umgebung. Ein kahler, trockener Boden breitete sich darin aus. Nichts außergewöhnliches war innerhalb seiner Begrenzung zu erkennen – wenn man davon absieht, dass man an diesem Ort nicht einmal einen einzigen vertrockneten Grashalm fand. Und doch würde kein Afetit es jemals wagen, diesen Hof zwischen den vier weit geöffneten Felsplatten zu betreten. Viele Legenden rankten sich um diesen Ort. Ihnen gemeinsam war ein Bezug zu Suäl Graal, die dort ihr Unwesen trieb – oder die sich zumindest zuweilen dort aufhalten sollte. Es war ein unheiliger Raum, um den man einen möglichst großen Bogen machte.
Rahons Hände krampften sich um den Schaft seiner Lanze. Es dürfte wohl kaum das erste Mal gewesen sein, dass er von einer Anhöhe herab den Feind erspähte. Aber noch niemals waren es so viele auf einmal – und noch undenkbarer war es, dass er nicht herabsteigen sollte, um gegen sie zu kämpfen.
Das ganze Unterfangen ergab für Rahon wenig Sinn – und noch weniger gab es einen Grund, Suäl Graal zu trauen. Was, wenn es nur eine Falle war – wenn sie sich mit den Langen Schatten verbündet hatte? – Was freilich auch nicht viel Sinn ergab.
Die einzig unumstößliche Tatsache war: die Langen Schatten waren da. Es mochten drei oder vier Stämme sein, die sich dort unten zusammenfanden – Stämme der Grabenmacher waren nicht auszumachen. Zeitlich betrachtet sollten zumindest zwei der Stämme der Grabenmacher zugegen sein. Sie wären räumlich ebenso wie er in der Lage, diesen Ort in der zur Verfügung stehenden Zeit zu erreichen. Das allerdings musste nicht bedeuten, dass sie nicht doch wenigstens in der Nähe waren. Sie würden sich nicht viel anders Verhalten als er selbst, und erst einmal aus sicherer Distanz das Geschehen erkunden. Die Grabenmacher mussten, so lange es irgend möglich war, vermeiden, sich mit den Langen Schatten in einem Nahkampf zu befehden. Sie wären ihnen in gleicher Stärke unterlegen – einfach schon von daher, weil die Langen Schatten um einiges größer waren als sie, und folglich mit ihren Handwaffen über eine größere Reichweite verfügten. Sie waren zudem hervorragende Nahkämpfer und trotz ihrer klobigen hölzernen Schilde äußerst beweglich.
Solange es also möglich war, bekämpften die Grabenmacher den Feind aus der Distanz mit ihren Bögen. Hier genossen sie den Vorteil der besseren Schützen – und den des Fängers, der jedem Schützen zugeordnet war. Sie trugen keine Schilde, wie die langen Schatten . Der Schütze brauchte zwei freie Hände für sein Tun. Die Aufgabe des jeweiligen Fängers war es daher, den Schützen zu sichern, und mit seinem Spinschuh die gegnerischen Pfeile abzufangen und möglichst zurück zu schleudern.
Aber auch die langen Schatten waren sich offenbar nicht sicher, ob Suäl Graal nicht versuchte, sie zu hintergehen. Das dumpfe Stampfen aus der Ferne zeugte davon, wie Rahon sofort erriet.
Eine besondere Kriegsstrategie der Grabenmacher bestand darin, sich unter die Stellungen der Langen Schatten zu graben, um dann überraschend mitten unter ihnen aufzutauchen – oder sie in unterirdisch ausgehobene Fallen stürzen zu lassen. Die Langen Schatten erwehrten sich gegen diese Strategie mit bolzenartig zugehauenen großen Steinen, die sie mittels einer auf Kufen gelagerten Hebevorrichtung herumzogen, um sie regelmäßig auf den Boden aufschlagen zu lassen. Auf diese Weise versuchten sie, etwaige Hohlräume und Untertunnelungen zum Einsturz zu bringen, bevor sie ihnen gefährlich werden konnten.
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