„Ist das dein Ernst“, presste ich hervor und sah sie fassungslos an.
Ich glaubte es ja wohl nicht. Womit hatte ich das verdient? Ich wollte jetzt keinen Streit heraufbeschwören. Ich brauchte jetzt jemanden an meiner Seite, ermahnte ich mich im Stillen.
Als sie meine weit aufgerissenen Augen sah, kombiniert mit ungläubiger Miene und hoch erhobenen Händen, wurde ihr wohl doch irgendwie klar, dass ich es todernst meinte. Es war weder der erste April, noch war ich für meine überaus ausgeprägten Scherze bekannt. Ich konnte genau nachverfolgen, wie es in ihrem Kopf Klick machte und sie schließlich bereit war, mir zu glauben und sich auf das kommende Gespräch ernsthaft einzulassen.
„Fang von vorn an. Was hast du denn gesehen, Schatz“, hakte sie weiter nach.
Ich nahm einen großen Schluck Kakao, verbrannte mir die Zunge, hustete, kleckerte etwas von dem Getränk auf die Bettdecke, fluchte kurz und jammerte dann. Als ich mich wieder gefangen hatte, holte ich tief Luft, um fortzufahren. Währenddessen blickte meine Mutter mich erwartungsvoll an.
„Als ich reinkam, hing er über ihr auf unserem Esstisch“, begann ich und beendete meine Erzählung mit dem Augenblick, an dem sie mich heute Morgen vor der Haustür gefunden hatte. Ich musste alles loswerden, bevor mich der Mut verließ und die Trauer erneut überwältigte. Meine Augen waren mittlerweile sowieso furztrocken und die Tränenkanäle verstopft. Es war kein Wasser mehr da zum Vergießen. Darüber war ich heilfroh. Die Heulerei war wirklich sauanstrengend.
Mit versteinerter Miene und mucksmäuschenstill saß mir die Frau gegenüber, die mich zur Welt gebracht hatte.
„Das gibt’s doch nicht. So eine Sauerei“, schimpfte sie dann und rubbelte den Kakaofleck energisch mit einem Taschentuch aus der Decke. „Das hätte ich ja niemals von ihm gedacht. Mike war doch so ein Netter!“
Da mir ihr Gefühlsausbruch in keinster Weise weiterhalf, bemühte sich meine Mutter, ihre Fassung eilig wieder zurückzuerlangen. Plötzlich war die pragmatische Helferin zurück.
„Das ist alles gar kein Problem. Für jeden Mist gibt es eine Lösung.“ Zack, schon hatte sie die Hand erhoben und jeder nun folgende Punkt wurde einzeln an den Fingern abgezählt.
„Ich nehme mir morgen frei.“ Das war Finger Nummer eins.
„Du bleibst erstmal hier, wenn du Mike nicht sehen willst.“ Finger zwei.
„Wenn er morgen arbeiten ist, fahren wir rüber und holen deine Sachen ab.“ Handlungsschritt Nummer drei.
Der Plan stand also. Diese Frau war hochgradig faszinierend. Sie konnte Emotionen komplett ausblenden und sich nur auf die Problemlösung konzentrieren.
„Um die Hochzeit kümmerst du dich nicht sofort, es sind ja noch einige Monate Zeit. Wenn du dich beruhigt hast, kannst du das immer noch alles klären.“ Nun war der vierte Finger erhoben und dann ging es auch schon an der zweiten Hand weiter.
„Eure Traumreise trittst du selbstverständlich an. Und zwar allein.“
Wenn das mal so einfach wäre, dachte ich skeptisch.
Sie ließ die Hände sinken und lächelte zufrieden. In diesem einen Moment, ganz im Gegensatz zu früher, war ich froh, dass sie mir das Denken abnahm. Der Kater der vergangenen Nacht und mein Gefühlschaos ließen mir einfach keinen Spielraum, um lebenswichtige Entscheidungen zu treffen.
Erst, als es draußen schon dämmerte, hatte ich die Kraft, mich von meinem Bett zu trennen und aufzustehen. Ich fühlte mich krank. Trotzdem schwang ich mich in die Klamotten meiner Mutter, sammelte all meinen Mut zusammen und setzte ein gezwungenes Lächern auf, um meinem Vater gegenüber zu treten.
Die beiden saßen bei Schummerlicht am Küchentisch und waren in ihr Abendessen vertieft. Ich schaute ihnen eine Weile von meiner Beobachtungsposition am Türrahmen aus zu. Sie waren ganz ruhig, aber die Stille war nicht unangenehm. Niemand redete und hing stattdessen seinen eigenen Gedanken nach. Die beiden waren so vertraut miteinander.
Als mein Vater mich dann doch entdeckte, erkannte ich an seinem mitleidigen Blick, dass meine Mutter ihn bereits in das akute Drama um seine Tochter eingeweiht hatte.
„Hallo, mein Spatz. Mutti hat mir schon das Wichtigste erzählt.“ Er klopfte neben sich auf den Stuhl. „Ich dachte mir immer schon, dass mit dem Jungen etwas nicht stimmt. Wenn ich ihn verhauen soll, musst du mir nur ein Zeichen geben.“ Seine Augen funkelten verschmitzt.
Papa sah ein bisschen aus wie George Clooney, wenn auch ein wenig stämmiger um die Körpermitte, und war mindestens genauso charmant. Seine dunklen Haare waren mittlerweile ziemlich grau und hingen ihm bis in die Stirn. Seine hellgrauen Augen ließen ihn immer hart wirken, was er aber nicht im Geringsten war.
Wortlos setzte ich mich zu meinen Eltern an den Tisch.
Mein Vater griff eine Schnitte vom Stapel neben sich, beschmierte sie mit einer mindestens fünf Zentimeter dicken Schicht Nutella und schob mir das Brot dann sanft lächelnd herüber. Er kannte mich und meinen süßen Zahn ganz genau.
Ich rechnete ihm diese Geste hoch an, weil es einfach seine leise Art war, mir sein Mitgefühl zu zeigen. Er war für mich da. Trotzdem konnte ich mich nicht dazu bringen, das Essen anzurühren. Mein Magen fühlte sich an wie abgeschnürt. Würde ich einen Bissen essen, würde er vermutlich platzen oder alles oben wieder herauskommen.
„Ich habe keinen Hunger“, winkte ich ab und schob das Brot wieder von mir weg bis in die Tischmitte. Dabei hinterließ ich eine verschmierte Nutellaspur auf der hellen Holzoberfläche. Mein Vater schaute besorgt drein und zuckte mit den Schultern, sagte aber nichts. Meine Mutter jedoch warf ihm einen warnenden Blick zu. Die beiden kommunizierten wortlos. Es war, als würden die beiden in meiner Anwesenheit über mich sprechen und das mochte ich gar nicht. Ich war doch anwesend. Man konnte auch mit mir reden.
„Spatz, du musst aber etwas essen“, versuchte er es noch einmal.
„Mir ist übel.“ Leider knurrte in diesem Augenblick mein verräterischer Magen. Da es so still war, bekamen es natürlich beide Elternteile mit.
„Du hast den ganzen Tag nichts gegessen. Los, wenigstens das eine Brot.“ Als er das sagte, schob Vater die Schnitte wieder zu mir zurück. Nun zierte den Tisch ein zweiter brauner Streifen. Es sah aus wie eine Autospur.
Ich zögerte.
„Soll ich dich füttern wie damals, als du ein Winzling warst“, erkundigte Vater sich mit einem Augenzwinkern.
Sollte ich jetzt erwähnen, dass ich noch immer ein Winzling war? Nää, beschloss ich. Und auf das Gefüttert werden hatte ich natürlich auch keine Lust. Also griff ich mir die Schnitte, die sich unter der dicken Schokoschicht regelrecht verbog.
„Nein, bloß nicht“, schaffte ich noch zu sagen, bevor ich zubiss. „Das war doch immer eine Sauerei.“ Wie jetzt, als das dunkelbraune Zeug an meinen Zähnen hing. Aber als die Süße meine Zunge traf, kam der Appetit rasch zurück.
Papa begann bereits, ein weiteres Brot zu bestreichen. „Hier, noch eine“. Glücklich betrachtete er mein Schmatzen. „Ich wusste doch, dass Süßes dir hilft. Mama hat bestimmt auch noch Schokoeis“, verriet mein Vater.
„Super“, freute ich mich auf eine große Portion Eis und fünf Kilo mehr auf den Hüften.
Nach dem Abendessen schauten wir im Wohnzimmer zusammen fern.
Ich blieb noch sitzen, als meine Eltern schon längst ins Bett verschwunden waren.
Im TV war viel wirres und irres Zeug los. Das glich beinah meinem Leben. Ich nahm die Bilder jedoch nur verschwommen wahr. Meine mittlerweile müden Augen blickten ins Leere. Die stundenlange Heulerei gestern tat definitiv nicht gut. Jetzt, da ich mit mir und meinen Gedanken erneut allein war, startete das Gedankenkarussell um das Warum und Wozu zum wiederholten Male und traf mich doch mit voller Wucht.
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