Es war zu spät, um wegzulaufen.
„Morgen, Mutti.“ Ich hob schwach die Hand zur Begrüßung und versuchte, ein Lächeln aufzusetzen.
Das verfehlte allerdings seine Wirkung, denn meine Mutter ließ panisch ihren Autoschlüssel fallen, hielt sich die Brust und machte drei Schritte zurück, bis sie mit dem Rücken gegen die Garderobe krachte.
„Um Himmels Willen, Kati“, rief sie aus, als sie mich trotz des unkonventionellen Aufzugs erkannte. Da ich kein böser Einbrecher war, kam sie wieder aus dem Haus und las ihren Schlüssel vom Boden auf. „Hast du mich vielleicht erschreckt. Was treibst du denn hier im Dunkeln?“
Ich ließ mich zu keiner Antwort hinreißen.
Nachdem sie mich eingehend betrachtet hatte, fragte sie besorgt: „Wie siehst du überhaupt aus? Was ist das für ein Aufzug?“ Dann fiel langsam der Groschen und sie machte einen weiteren Schritt auf mich zu.
Ich sagte noch immer nichts.
„Ist was passiert?“ Ich sah, wie sich ihre Nase kräuselte, als sie dicht vor mir stand. „Hast du getrunken? Warum antwortest du nicht?“
Sie griff meinen Arm und ich ließ mich von ihr zur Haustür ziehen.
„Führ dich ruhig auf wie ein bizarrer Teenager, aber komm dazu bitte rein. Es ist viel zu kalt, um draußen herumzustehen.“ Typisch für meine Mutter war sie sofort von Null auf Hundert im Problemlösungsmodus. Sie scheuchte mich vor sich her und rein in die gute Stube.
„Leg dich ins Bett, schlaf deinen Rausch aus oder mach, was du willst. Ich muss erstmal zur Arbeit.“ Erneut begutachtete sie mich von Kopf bis Fuß.
Ich war das Ebenbild meiner Mutter. Von ihr hatte ich meine wilden roten Haare und die kleine Statur.
„Wenn ich wiederkomme und du nüchtern bist, reden wir“.
Es fehlte nur noch das Fräulein am Satzende, dachte ich im Stillen. Noch immer hatte ich keinen Laut von mir gegeben.
„Hast du überhaupt Klamotten dabei“, fragte sie mich in diesem Ton, der nichts Gutes bedeutete.
Ich schüttelte den Kopf. „Nein“, sagte ich schließlich und schluchzte, als ich verstand, was das hieß.
Darüber musste ich mir noch den Kopf zerbrechen! Ich musste meine Sachen holen. Als ob das alles nicht schon genug war für mich Sensibelchen! Irgendwie tat ich mir selbst unheimlich leid in diesem Moment.
Mutters strenge Miene entspannte sich. Ohne eine Antwort abzuwarten, entwarf sie bereits den ultimativen Raus-aus-der-Misere-Plan. Ihr Tonfall erinnerte mich jedenfalls sofort an einen Oberfeldwebel.
„Ich lege dir was von mir raus. Eine Zahnbürste müsste auch noch da sein.“ Forsch verschwand sie im Badezimmer und klapperte mit diversen Schranktüren. „Den Weg in dein altes Zimmer findest du hoffentlich auch sturzbetrunken.“ Sie warf mir einen vorwurfsvollen Blick zu und ließ mich dann im Flur stehen.
Als ihr kleines Auto vom Hof brummte, trottete ich leise ins Bad.
Der Blick in den Spiegel ließ mich zusammenzucken. Meine drahtverstärkten Zöpfe zeigten traurig nach unten und das Make-up war bis zur Unkenntlichkeit verschmiert. Meine Augen waren rot und geschwollen und auf meinem gelben Kleid entdeckte ich einen großen Fleck. Ich sah aus wie der Joker aus dem DC-Universum. So bekam ich nie wieder einen Mann! Ich würde als alte Jungfer sterben. An Mutters Stelle hätte ich nach meinem Auftauchen umgehend Polizei und Drogenfahndung gerufen.
Ohne mich eines weiteren Blickes zu würdigen, zog ich mich aus und putzte mir die Zähne. Ich machte mir gar nicht erst die Mühe, das Licht anzuschalten, als ich in Richtung meines Kinderzimmers wanderte, und kuschelte mich in völliger Dunkelheit in mein Jugendbett. Ich nahm noch wahr, dass die Bettwäsche herrlich nach Weichspüler roch, bevor ich in einen tiefen, traumlosen Schlaf fiel.
Einige Stunden später erwachte ich durch Motorengeräusche.
Mein Schädel brummte wie nach einem schlechten Scooter-Konzert, meine Kehle war trocken wie die Wüste Afrikas und meine Füße schmerzten, als hätte ich einen Marathon absolviert. Ich blieb still liegen und zögerte es noch einen Moment hinaus, die Augen zu öffnen. Vielleicht konnte ich mich einfach in Luft auflösen.
Ich wollte meinen Problemen nicht gegenübertreten.
Ich streckte mich ein paar Mal, zappelte herum wie eine Wahnsinnige, bis mir schlecht wurde, und öffnete dann doch die Lider, die sich noch immer schwer und dick anfühlten. Durch das Fenster gegenüber schienen mir Sonnenstrahlen ins Gesicht und ich sah Staubflocken im Zimmer auf- und abtanzen. Ich drehte mich um, damit die Sonne nicht länger meine Nase kitzelte und blickte genau in die Augen von Britney Spears. Mit einem Ruck setzte ich mich auf und wurde sogleich mit einem dumpfen Hammerschlag auf die Schädeldecke bestraft. Dann war das wohl kein schlechter Traum?
Irgendwo in der Nähe fiel eine Tür ins Schloss und ich hörte die Stimme meiner Mutter. Mit einem Mal kamen alle Erinnerungen an gestern zurück. Alle Emotionen waren da – die Wut auf Mike und Anna, die Trauer um Verlorenes, Verzweiflung, wenn ich an die Zukunft dachte, und was ich alles würde bewältigen müssen sowie das betäubende Gefühl, zutiefst verletzt worden zu sein.
Und alles um hunderte Male schlimmer als zuvor.
Ich hörte meine Mutter im Erdgeschoss herumwirbeln, konnte aber weder die Kraft noch den Mut aufbringen, aufzustehen. Das Gedankenkarrussell kreiste schneller denn je.
Meine Klamotten waren alle zuhause, die musste ich irgendwie abholen. Was wurde aus dem Reihenhäuschen, das ich zusammen mit Mike bewohnte? Was wurde aus Moses? Ich wollte meinen Schmusekater auf jeden Fall bei mir behalten. Und, am allerschlimmsten, was wurde aus unserer gebuchten Reise? Die Hochzeit musste abgesagt werden! Wer übernahm die Kosten dafür?
Das überlebte ich nicht! Das wurde mir alles zu viel.
Ich zitterte mittlerweile am ganzen Körper, die Tränen flossen wieder unaufhörlich und meine Kopfschmerzen wurden davon auch nicht besser. In meiner Verzweiflung bemerkte ich das Klopfen an der Tür erst beim zweiten Versuch.
Meine Mutter musste schon umkommen vor Neugier.
„Kati, bist du wach“, fragte sie nicht so leise, wie ich es mir gewünscht hätte, und steckte den Kopf durch den Türspalt.
„Nein.“
Als sie sah, dass ich heulend auf dem Bett saß, kam sie mit zwei Tassen voll dampfendem, göttlichem Kakao herein.
„Es gibt doch nichts, was eine heiße Schokolade nicht richten kann, oder“, erkundigte sie sich, bevor sie mir eine Tasse reichte und sich zu mir auf das Bett setzte.
Ich fummelte an meiner alten Pferdebettwäsche herum und blickte hilfesuchend die unzähligen Britney-Poster an. Als wenn das Popsternchen mir die richtigen Worte für das Auszusprechende in den Mund legen würde. Mental gab ich mir einen Klaps auf den Hinterkopf und ermutigte mich, mich mal wieder zusammenzureißen. Mach es wie mit einem Pflaster. Rück raus mit der Sprache und gut ist.
„Als ich gestern nach Hause kam, waren Anna und Mike schon da“, brachte ich mühsam hervor.
„Aber das ist doch nicht weiter schlimm“, runzelte Mutti die Stirn. Sie konnte leider nicht zwischen den Zeilen lesen.
Nun fing ich erneut an, hemmungslos zu schluchzen. Zwischen dem Hicksen eines heftigen Schluckaufs und ohne Luft zu holen, presste ich hervor: „Ichhabesieinflagrantierwischt“.
Meine Mutter schlug erschrocken die Hand vor den Mund, besann sich dann eines Besseren und nahm mich steif in den Arm. Das war eine Prämiere.
„Bist du dir da sicher? Siehst du aus Angst vor der Hochzeit etwa Gespenster?“ Sie schaute mich lächelnd an. „Oder warst du gestern zu dem Zeitpunkt vielleicht schon betrunken?“
Ich starrte entgeistert zurück. Was war denn jetzt kaputt? Dachte sie etwa, ich würde fantasieren? Mir einbilden, dass mein Verlobter mich hinterging? Hatte sie jetzt einen mentalen Platten? Sollte sie jetzt nicht auf ihn schimpfen und behaupten, dass er mich sowieso nie verdient hatte?
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