Konflikte können dabei sowohl in eher flüchtigen als auch dauerhaften Beziehungen auftreten.
Ein Beispiel für einen Konflikt in einer flüchtigen Beziehung ist die Situation, dass eine Person, mit Waren in der Hand, an Kunden, die in einer Schlange vor der Kasse stehen, vorbeigeht. Ein Kunde sagt zu der sich vordrängenden Person, dass sie sich gefälligst hinten anzustellen habe. Die Person ignoriert jedoch den Einwand und stellt sich trotzdem vorne an.
Jedoch beeinflusst möglicherweise die Dauer einer Beziehung die Art der Konfliktlösung: Bei Konflikten in dauerhaften Beziehungen sind eher die Konsequenzen des Konfliktverhaltens zu berücksichtigen als in flüchtigen.
Sehe ich eine Person nach der Konfliktaustragung nicht mehr wieder, so muss ich mir keine Gedanken darüber machen, ob diese Person mir eine egoistische Art der Konfliktaustragung bei Gelegenheit heimzahlen wird. Derartige Überlegungen sind jedoch in dauerhaften Beziehungen von Bedeutung.
Im Rahmen dieser Arbeit wird die Aufmerksamkeit auf dauerhafte Beziehungen gelenkt.
Unvereinbarkeiten
Wird von einem Konflikt zwischen Personen in einer Beziehung gesprochen, so beinhaltet das weiterhin, dass Nichtübereinstimmungen/ Unvereinbarkeiten vorliegen:
- Personen können unterschiedliche Ziele verfolgen, Einstellungen (Werte) haben oder aktuelles Verhalten unterschiedlich (d. h. der eine positiv, der andere negativ) bewerten. Im Rahmen dieser Arbeit bezieht sich Verschiedenheit darauf, dass eine Person ein bestimmtes Verhalten ausführt und dieses Verhalten unterschiedlich bewertet wird: Die ausführende Person findet ihr Verhalten annehmbar, die andere Person hingegen unannehmbar.
So kann die Person, die sich mit ihren Waren nicht in der Schlange anstellt, sondern zielstrebig zur Kasse geht, der Meinung sein, dass das in Ordnung ist, da sie ja nur zwei Lebensmittel in der Hand habe und zudem in Eile sei. Für viele Personen, die in der Schlange stehen, hingegen ist das Verhalten unannehmbar, „weil sich jeder in der Schlange anzustellen habe“ und sie zudem dadurch später mit ihren Einkäufen fertig werden.
- Die Unvereinbarkeit besteht dann darin, dass eine Person ein bestimmtes Verhalten weiter ausführen möchte, hingegen die andere Person sich wünscht, dass das Verhalten unterlassen wird.
Schließlich beinhaltet ein Konflikt zwischen zwei Personen weiterhin, dass beide Personen von der Unvereinbarkeit wissen.
Ausgehend von diesen Überlegungen wird nun der Konfliktbegriff wie folgt verwendet:
a) Eine Person führt ein Verhalten aus, das für eine andere Person unannehmbar ist.
b) Die das Verhalten ausführende Person, weiß, dass das Verhalten für die andere Person unannehmbar ist .
c) Sie führt trotz allem weiterhin das Verhalten aus.
Die Konfliktdefinition orientiert sich an Thomas Gordon und soll im Folgenden mittels jeweils eines Beispiels aus dem Familien-, Ehe- und Arbeitsbereich verdeutlicht werden:
1) Familie
a) Die Mutter stört das laute Fernsehen ihres Sohnes.
b) Die Mutter hat das ihrem Sohn heute Vormittag auch schon gesagt.
c) Der Sohn macht das Fernsehen trotzdem am Nachmittag nicht leiser.
2) Ehe
a) Die Ehefrau findet es nicht gut, dass ihr Mann häufig Gewaltfilme ansieht.
b) Sie hat das ihrem Mann gestern noch gesagt.
c) Der Ehemann schaut jedoch auch heute Gewaltfilme an.
3) Arbeit
a) Wenn Herr S. morgens im Büro erscheint, ist die Heizung noch nicht an und das Fenster auf.
b) Herr S. hatte Herrn H., der morgens 30 Minuten früher da ist, Freitag letzter Woche noch gebeten, die Heizung morgens frühzeitig anzustellen und das Fenster zu schließen.
c) Als Herr S. montags ins Büro kommt, ist die Heizung wieder aus und das Fenster steht offen.
Sind die vorangehenden Beispiele auf aktuell vorliegendes Verhalten abgestellt, so liegt ein Konflikt darüber hinaus auch dann vor,
- wenn eine Person die Absicht hat, ein Verhalten auszuführen, das für eine andere Person unannehmbar ist
- die Person weiß, dass ihr Verhalten für die andere Person unannehmbar ist,
- und sie trotzdem an der Absicht festhält.
Herr Steinfuhrt teilt seiner Frau mit, dass er für das nächste Wochenende Freunde einladen will. Seine Frau ist dagegen. Trotzdem hält der Ehemann an der Einladung weiter fest.
Wann liegt ein Konflikt nicht vor? Diese Frage soll beantwortet werden, um so zu einem vertieften Konfliktverständnis zu gelangen:
- Meinungsunterschiede
Äußert eine Person A eine Meinung, die von einer anderen Person B nicht geteilt wird, so kann das von B als unangenehm erlebt werden. A kann auch dann weiter auf seiner Meinung bestehen, wenn B ihn deshalb kritisiert. Hier liegt kein Konflikt vor, weil sich der Meinungsunterschied nicht auf unannehmbares Verhalten des Gegenübers bezieht, sondern nur auf dessen Auffassung über ein Verhalten. Beispielhaft soll der Unterschied zwischen Meinungs-unterschied und Konflikt verdeutlicht werden.
Ein Meinungsunterschied liegt vor
Herr Hanno äußert Frau Streif gegenüber, dass er Abtreibungen als legitim ansieht. Frau Streif ist gläubige Christin und teilt Herrn Hanno mit, dass sie dessen Meinung unmöglich findet. Herr Hanno ist deshalb jedoch nicht bereit, seine Meinung zu ändern und tut dies auch Frau Streif gegenüber kund.
Ein Konflikt liegt vor
Die Tochter von Frau Streif ist schwanger und möchte abtreiben. Die Mutter fühlt sich dadurch in ihrer Werthaltung beeinträchtigt und teilt das auch ihrer Tochter mit. Diese besteht jedoch weiterhin darauf, ihr Kind abzutreiben.
- Legitimes unangenehmes Verhalten
Eine Person A kann ein für eine Person B unangenehmes Verhalten zeigen, das jedoch von B als gerechtfertigt angesehen wird. Hierzu ein Beispiel von ungewohnter Kindeseinsicht.
Christian hat beim Umherlaufen in der Wohnung seiner Mutter eine wertvolle Vase zerstört und erhält daraufhin einen Tag Stubenarrest und für zwei Wochen Taschengeldentzug. Christian findet das in Ordnung, da seine Mutter ihn zuvor wiederholt gebeten hatte, in der Wohnung nicht so umherzurennen.
- Missverständnis
Schließlich kann eine Person A wiederholt ein für eine andere Person B unannehmbares Verhalten zeigen, ohne zu wissen, dass sein Verhalten für B beeinträchtigend ist. Es liegt dann ein Missverständnis vor.
Mona kommt häufig verspätet zu einem Treffen mit ihrem Freund Sven. Sven missbilligt das, hat dieses jedoch nicht Mona mitgeteilt.
(4) Ein gelöster Konflikt
Ein Konflikt ist zunächst einmal als gelöst zu betrachten, wenn die ein unannehmbares Verhalten zeigende Person dieses in der Zukunft unterlässt, nachdem das Verhalten zunächst auch bei Vorliegen von Missbilligung ausgeführt wurde.
So besteht ein Konflikt nicht mehr, wenn der Sohn in Zukunft das Fernsehen leiser macht, obwohl er zuvor die Lautstärke des Fernsehens, trotz des Wissens um die Missbilligung der Mutter, nicht verändert hatte.
Eine Anmerkung soll zum Schluss noch erfolgen: Das Unterlassen eines unannehmbaren Verhaltens kann auf freiwilliger Basis erfolgen, oder darauf beruhen, dass die beeinträchtigte Person Macht ausübt.
So kann der Sohn das Fernsehen leiser stellen, weil seine Mutter ihm Stubenarrest angedroht hat für den Fall, dass er die Lautstärke nicht verändert. Der Sohn kann jedoch die Lautstärke auch ändern, weil er zur Einsicht gekommen ist, mit Kopfhörer noch besser das im Fernsehen Gesprochene zu verstehen als ohne Hörer.
Liegt Machtanwendung vor, so kann das Verhalten wieder ausgeführt werden, wenn die andere Person keine Macht ausüben kann. Es ist deshalb sinnvoll, davon zu sprechen, dass der Konflikt durch Macht in den Hintergrund gedrängt, aber nicht gelöst wurde.
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