1 ...6 7 8 10 11 12 ...33 Niklas schwieg. Er dachte, dass das Verhalten des Rektors typisch für jemanden war, der alles eigentlich nur verwaltete. Ein Wissenschaftler konnte an die Dinge doch wesentlich objektiver herangehen. Deswegen machte sich Niklas auch nichts aus dem Geschrei des Rektors, denn objektiv betrachtet bezog es sich auf die Sorgen Rüdengards, nicht Niklas persönlich. Offensichtlich beschäftigte sich Rüdengard mehr mit dem Golfstromproblem als Niklas. Was kümmerten ihn schon die Amerikaner?
»Lundgren, wir können nicht auswandern«, beantwortete Rüdengard seine eigene Frage, »wir müssen Vorkehrungen treffen« Er tupfte sich die Schweißperlen von der Stirn.
»Vorkehrungen?«, fragte Niklas, »welcher Art?« Meine Güte, er war Chemiker! Was sollte er denn bitte für Vorkehrungen treffen können?
»Aller Art natürlich! Was meinen Sie denn? Wir brauchen alles, was gegen Kälte hilft, jede chemische Formel ist mir Recht, jede Technologie, jedes mentale Konstrukt, das wir den Leuten einbläuen können…einfach alles!«
»Steckt dahinter irgendeine Institut-«
»Ja, ja«, Rüdengard nickte. Er schien sich langsam zu beruhigen und setzte sich wieder in seinen Stuhl hinter dem Schreibtisch. »Setzen Sie sich, Lundgren.«
Niklas gehorchte und nahm ihm gegenüber Platz. Der Rektor atmete schwer und zog noch einmal an seinem Asthmaspray, bevor er weitersprach.
»Sie kennen das doch, Lundgren, wenn etwas Schlimmes passiert, sind die Mächtigen der Welt plötzlich alle einer Meinung. Die UN hat sich mit allen Mitgliedsstaaten darauf geeinigt, dass jeder verfügbare Wissenschaftler, oder jeder, der es einmal werden will, sich an diesem Riesenprojekt beteiligen soll…Mengen von Geld fließen jetzt endlich einmal in die Forschung. Es gibt nur keine genauen Anweisungen, kein Leitprogramm…sind eben auch nur Verwaltungsleute bei der UN…«
Er wischte sich erneut den Schweiß von der Stirn. »Der Golfstrom wird nicht mehr fließen, nicht in den nächsten zweihundert Jahren, ach wahrscheinlich sogar länger, aber selbst zweihundert Jahre sind genug, finden Sie nicht?«
Niklas nickte. Ihm fiel ein, dass er den leckeren Räucherlachs gar nicht gegessen hatte und nahm sich vor, gleich nach diesem Gespräch Emelie anzurufen und sie zu bitten, einen neuen Lachs zu räuchern.
Wie konnte man nur dermaßen unstrukturiert an solch eine Sacher herangehen? Panik, schön und gut, aber bitte nicht in der Wissenschaft.
»Also wird jetzt geforscht, bis das Geld alle ist, Lundgren. Die Amerikaner arbeiten an den Häusern der Zukunft, stecken ihr Geld in den Fortschritt der Menschheit…Lilipads, Lundgren, Lilipads!«
»Liliwas?«
»Ja, genau, Liliwas…aber wir müssen das anders angehen, wir kämpfen hier ums Überleben!«
Niklas faltete die Hände ineinander, er hoffte, dass Rüdengard nun endlich auf den Punkt kommen würde.
»Wie kann ich da behilflich sein?«
»Nun ja, Sie sind Chemiker, nicht wahr? Und zwar einer der Besten in ganz Schweden. Ich verstehe immer noch nicht, warum Sie nicht Fakultätsleiter werden wollten, aber das ist nun endgültig Vergangenheit, Lundgren. Also suchen Sie sich ein Team aus, nehmen Sie die besten Mitarbeiter, Ihr Chef weiß Bescheid.«
»Aber was genau soll ich denn erforschen?«
Rüdengard schüttelte den Kopf. »Sie sind der Chemiker, Sie wissen was man mit dem ganzen Zeug anfangen kann, ich nicht. Beginnen Sie doch einfach mit…äh…einer neuen chemischen Formel, die Kleidung kälteabweisend macht!«
Niklas zog seine Braue nach oben, aber er sagte nichts. Offenbar hatte der Rektor wenig Ahnung von dem Aufwand, den eine solche Forschung mit sich brachte, ganz zu schweigen von der Zeit. Aber er sah auch, das Rüdengard mit der Situation völlig überfordert war und ganz und gar nicht positiv dachte, deshalb hielt er es für sinnvoll, ihn nicht noch mehr zu verunsichern.
»Gut, ich sehe mal, was sich machen lässt. Gibt es sonst noch etwas?«
Der Rektor wurde wieder ernst und ein wenig sauer.
»Ja, es gibt noch etwas, Lundgren. Sie werden dieses Gebäude nicht eher verlassen, bis Sie etwas gefunden haben, ist das klar?«
Niklas seufzte. »Ich denke nicht, dass das nötig sein wird, weil - «
»Doch! Es ist nötig! Schlafen Sie in Ihrem Büro, holen Sie Ihre Frau nach, wenn Ihnen unbedingt danach ist, aber wenn mir zu Ohren kommen sollte, dass Sie zu Hause friedlich in Ihrem Bett schlafen, während andere arbeiten, dann…dann…«
»Feuern Sie mich?« schlug Niklas vor.
»Ja, genau! Das heißt, nein… das kann ich ja nicht, meine Zukunft und die meiner Kinder hängt ja von Ihnen ab, aber ich lass mir schon etwas einfallen!« Rüdegard zeigte drohend mit dem Finger in die Luft.
Niklas seufzte erneut. »Geht klar, das Gebäude nicht verlassen und arbeiten. Verstanden.«
»Gut, gut«, sagte der Rektor und lehnte sich erschöpft in seinem Stuhl zurück, »und ich möchte über alle Ergebnisse informiert werden!«
»Sicher«, Niklas stand auf, nickte Rüdengard kurz zu und verließ den Raum.
Dann überquerte er den Campus, lief auf den Parkplatz und wartete ein paar Sekunden in seinem Auto, um seine Gedanken zu ordnen.
Rüdengard war offensichtlich mit der Situation komplett überfordert und wenn der Rektor die Wahrheit sprach, so wusste auch die UN nicht so richtig, wo sie dieses Golfstromproblem anpacken sollten. Das konnte Niklas nachvollziehen. Immer mit der Ruhe, vielleicht sollten die da oben das auch zu ihrem Motto machen. Überstürzte Aktionen halfen niemandem etwas. Und was zum Teufel waren Lilipads? Er würde sich also ein paar ausgezeichnete Wissenschaftler zusammen suchen und dann mussten sie erst einmal erarbeiten, was sie als Chemiker tun konnten, um das Leben im Eis erträglicher zu machen.
Schließlich startete er sein Auto und fuhr – entgegen Rüdengards Verbot, dass Niklas für absolut schwachsinnig hielt - nach Hause, um mit Emelie über die neusten Ereignisse zu reden und mit ihr ein paar neue Erkenntnisse zu sammeln. Vielleicht könnte er dann auch endlich seinen Räucherlachs essen. Und wenn das nicht klappte, hatten sie zumindest noch einen Schnaps im Schrank.
Die Welt stellt jede Unternehmung vor eine Alternative:
Vor die Alternative von Erfolg oder Mißlingen,
von Sieg oder Niederlage.
- Roland Barthes
Irgendwann zwischen seinem vierzehnten und fünfzehnten Geburtstag hatte sich Griffin endlich getraut, einen Fuß in die unteren Luftareale zu setzen. Und er hatte es für ungefährlich befunden.
Seitdem gingen sie öfters dort hinunter und an manchen Tagen nahmen sie sogar den Aufzug bis ins Bodenareal und stellten sich vor den Zaun, der sie von dem riesigen Solarpark trennte.
Von unten sah die Stadt riesig aus und weniger pyramidenförmig als in ihrer Vorstellung. Nur ein Kilometer trennte sie von der höchsten Stelle, aber was auf dem Boden nur eine kurze Strecke darstellte, wirkte in der Luft unglaublich hoch.
Tiska sah dennoch friedlich aus und vor allem sauber. Von unten sah man, wie elegant und bunt die Grünpflanzen von den Terrassen herunter wuchsen und das Glas der Balkone glitzerte in der Sonne.
Auch der Winter konnte dem nichts anhaben. Er war hier meist trocken, mit wenig Schnee, aber dafür sehr kühl. Die Sonne schien trotzdem, was hieß, dass sie nicht auf externen Strom zurückgreifen mussten, sondern weiterhin die Solarzellen nutzen konnten.
Leider hatten ihre kurzweiligen Ausflüge Griffin nicht robuster gemacht, was Aron ursprünglich gehofft hatte. Griffin ging auf Wunsch seiner Mutter weiter zum Sport, doch das änderte nichts an seiner Verletzlichkeit. Nur seine Statur wurde ein wenig kräftiger. Aron hätte ihm gerne etwas von sich abgegeben. Denn für ihn lief im Moment wirklich alles bestens.
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