1 ...8 9 10 12 13 14 ...33 Als die Freunde bequem in den breiten Ledersitzen saßen, wurde Griffin noch nervöser.
»Aron, wenn du das hier zu Schrott fährst, bin ich tot. Und du auch. Und deine ganze Familie.«
Aron grinste erneut. »Wenn ich das zu Schrott fliege, sind wir wahrscheinlich sowieso beide tot - also von daher…«
Griffin sah ihn finster an. »Darüber macht man keine Witze. Bist du sicher, dass du das fliegen kannst?«
»Tja, wir werden sehen, oder? Hast du die Karten?«
Sein Freund wedelte mit einer Kugel in der Hand. Darin hatten sie die Kartensimulationen gespeichert.
»Die muss da rein«, Aron deutete mit dem Finger auf eine dafür vorgesehene Einbuchtung. Griffin steckte sie hinein und sofort zeigte das durchsichtige Fenster vor ihnen eine Karte und den Weg.
»Jetzt brauchen wir eigentlich nur noch…«, als Aron den orange leuchtenden Knopf drückte, erwachte der Jet zum Leben. Kleine weiße Lichter blinkten, das Innere erhellte sich und es wurde gemütlich warm.
Griffin staunte nicht schlecht, als Aron den ‚Öffnen‘-Button auf seinem Display drückte und sich vor ihnen die Tür der kleinen Garage beiseiteschob. Vor ihnen erstreckte sich der Solarpark, über den sie gleich hinweg fliegen würden.
»Na dann: Viel Glück. Ich kann nicht glauben, dass ich das mache.«
Wieder grinste Aron ihn an. »Du könntest auch sagen, ich hätte dich entführt.«
Dann schob er den Hebel nach vorne und sie flogen hinaus über die tausenden Solarzellen, deren Oberflächen in der Sonne glitzerten. Aron schwenkte ein wenig nach links und Griffin blickte auf die Stadt zurück, die er noch nie in seinem Leben verlassen hatte.
Wie das frühere Athen stand sie da, inmitten eines Meeres von blauen Solarzellen, strahlend weiß, unantastbar und riesig. Die Stadt der Zukunft, dachte er.
Aron flog mit Leichtigkeit. Weiter über die Ebene und irgendwann endete der Park unter ihnen. Danach kam ein weites Areal mit vertrockneten Gräsern. Nur dort, wo Flüsse hindurchflossen, war das Gras ein wenig grüner.
Die Karte zeigte ihnen an, dass sie noch zwanzig Minuten zu fliegen hatten und Aron lehnte sich zurück.
»Es sieht komisch aus«, sagte er in die Stille hinein und Griffin stimmte ihm zu.
»Ich dachte, es wäre grüner. Bei uns ist es grüner.«
Nach weiteren fünf Minuten sahen sie plötzlich wieder Solarzellen unter sich, aber diesmal kleinere und eher vereinzelt. Danach folgte eine Stadt, ihre kleinen Häuser wirkten winzig unter ihnen. Kaum hatten sie sie erreicht, flogen sie auch schon wieder darüber hinweg. Immer wieder kamen sie an Häuseransammlungen vorbei.
»Mann, die müssen es ja friedlich haben«, meinte Griffin, aber ein wenig Ironie schwang in seiner Stimme. »Wie einsam da draußen.«
»Computer, wie viele Menschen wohnen im Umkreis von hundert Kilometern außerhalb von Tiska?«
»Etwa vierzig Millionen, Sir.«
Aron sah Griffin an. »Du hast Recht, wirklichsehr einsam.«
Sie erreichten ein Gebirge und die Zahl der Siedlungen wurde weniger. Endlich flog Aron ein wenig höher. Er ließ den Jet langsam auf einem Vorsprung landen.
»So, geschafft. War doch ganz leicht! Und wir sind nicht gestor-ben.«
Sie stiegen aus und nahmen ihren Proviant mit. Der Anblick, der sich ihnen bot, war atemberaubend.
Unter ihnen erstreckte sich flaches, steiniges Gelände, dahinter kam fruchtbares Land mit einigen Siedlungen und Städten, die silbern in der Sonne glänzten. Dahinter sahen sie das weiße Tiska im blauen Meer und danach kam endlos weites Land. Ein Gebiet, das man vor hundert Jahren Wüste genannt hatte, Sahara.
Die Freunde standen staunend und blickten über die Ebene. Sie brauchten nicht zu sagen, was sie empfanden.
Ein wenig Wind kam auf und verfing sich in Griffins Haaren, er holte seinen Pulli heraus und streifte ihn über. Auch Aron wurde kühl. Sie setzten sich schließlich und packten ihre Sandwiches aus, ohne das Land unter ihnen aus den Augen zu lassen.
»Warum haben wir das nicht vorher gemacht?«, fragte Griffin schließlich in die Stille hinein.
Aron zuckte mit den Schultern. »Das habe ich mich auch gerade gefragt.«
Sie schwiegen wieder, aßen ihre Sandwiches und ließen sich von der Sonne bescheinen. Es war Spätsommer, die Sonne schien noch warm, aber der Wind wurde merklich kühler.
»Stell dir vor, vor einhundert Jahren hatte es hier um diese Zeit mit Sicherheit über vierzig Grad.«
Griffin nickte. »Schwer vorzustellen.«
»Und das alles nur, weil ein Meeresstrom versiegt…«
»Und vor hundert Jahren hat hier auch noch kein Schwein gelebt«, fügte Griffin hinzu.
»Aber: Englisch war schon Lingua Franka.«
Griffin verdrehte die Augen. »Klugscheißer. Außerdem gilt das heute auch nur für die Westliche Zone. Die Östliche spricht Rus-sisch.«
Aron nickte. »Ich weiß.«
Eine weitere Böe kam auf und wehte durch Griffins Haar. Sie schwiegen wieder, hingen ihren eigenen Gedanken nach. Dann unterbrach Griffin die Stille.
»Aron, ich muss dir was sagen«, er sah seinen Freund ernst an. Aron erwiderte seinen Blick. Seine Gedanken überschlugen sich. Griffin war oft ernst, er dachte viel nach, aber so, wie er ihn jetzt gerade ansah, hatte Aron ihn noch nie gesehen. Da war dieses Weiche in seinen Augen…
»Ich habe nachgedacht…«, fuhr Griffin fort, aber Aron unterbrach ihn sofort.
»Halt, warte…Griff. Sag mir jetzt bitte nicht, dass du auf Männer stehst.«
Griffin lief sofort rot an, aber es war keine Schamesröte. Er war wütend.
»Hallo? Ich versuch dir grad was Wichtiges zu erzählen und deine einzige Angst ist, das ich mit dir vögeln will oder was? Alter! Deine Liebschaften steigen dir echt zu Kopf…nicht jeder steht auf dich!«
»Ok, ok!«, beschwichtigend hob Aron die Hände, »es klang nur so - «
»Nein!«
»Ok, gut. Dann rede weiter, ich bin still.«
Griffin atmete tief durch und versuchte sich wieder zu fangen. Es entstand eine kleine Stille. Der Wind wehte, Tiska glitzerte im Meer.
»Mein Vater hat Recht«, begann er schließlich, »ich bin ein Versager.«
»Griff, du bist kein - «
»Lass mich ausreden!«
»Schon gut!«
Griffin blickte aufs weite Land hinaus, der Wind ließ seine Locken wehen.
»Ich will ihm beweisen, dass ich auch anders kann, dass ich mutig sein kann.«
Aron mochte den Gesichtsausdruck seines Freundes überhaupt nicht. So entschlossen hatte er ihn selten gesehen. Das Weiche in seinem Blick verschwand.
»Ich will, dass er sieht, dass ich dem Namen Warrick gerecht werden kann und dass es ihm irgendwann leidtut, mich Versager genannt zu haben.«
Entschlossen blickten Griffins Augen in Arons.
»Griff«, begann Aron vorsichtig und suchte nach den richtigen Worten, »ich glaube nicht, dass deinem Vater jemals irgendetwas leidtun wird.«
»Doch«, Griffin nickte entschlossen, »es wird ihm leidtun.«
»Was hast du vor? Womit willst du ihn so beeindrucken? Abgesehen davon, dass alles was dein Vater sagt – entschuldige – gequirlte Scheiße ist. Du bist kein Versager, Griff, nur dein Vater ist ein Arschloch.«
Griffin blickte wieder in Richtung Tiska und nickte langsam. »Ja, vielleicht stimmt das sogar. Ich will es ihm trotzdem beweisen.«
»Womit?«
Ohne seinen Blick von der weißen Stadt abzuwenden und ohne auch nur einen Hauch von Zweifel in der Stimme sagte Griffin: »Ich gehe zur R.P.U.«
Entgeistert blickte Aron ihn an. Erst nach einigen Sekunden fing er sich wieder.
»Oh mein Gott, Griff. Warum…du kannst doch einfach irgendwas anderes… also ich meine, warum?«
Griffin blickte ihn erneut an. In seinen grünen Augen spiegelte sich Hass. Hass auf seinen Vater.
»Ich will, dass es ihm leidtut«, sagte er und seine Stimme klang beinahe wie ein leises Zischen.
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