»Ich meine das so«, erklärte Lars, »damals haben sie doch Dinge aus Plastikteilen gedruckt, die dann ein großes Ganzes ergaben, zum Beispiel ein Kleid. Es war ein Kleid und es fühlte sich an wie ein Kleid aus Stoff, aber es war kein Stoff. Es war nur Plastik.«
»Na und?« Niklas verstand noch immer nichts.
»Ja und, vielleicht könntest du das auch so machen, nur umge-kehrt!«
»Lars, erklär bitte deinen Gedankengang zu Ende.«
»Jaja, ok. Also du brauchst einen Stoff, der gegen Kälte resistent ist. Warum sagst du dem Kleid nicht einfach, dass es ein Kleid ist?«
»Lars!!«
»Verändere die Eigenschaft der zusammenhängenden Moleküle, geht das nicht?«
»Nein, das geht nicht. Du kannst nicht aus einem Grashalm einen Diamanten zaubern.«
»Aber die Materialien verändern sich doch auch. Wasser zum Beispiel, allein durch die Temperatur. Oder andere durch zutun von Sauerstoff, Kohlenstoff, Hitze oder Zeit. Also warum kann man ein T-shirt nicht extrem kälteresistent machen?«
»Na weil - « Niklas hielt inne. Seine Gedanken überschlugen sich. War sein elfjähriger Sohn gerade auf die Lösung gekommen, nach der er seit Jahren suchte? Natürlich konnte man die Idee nicht ausgereift nennen, und so ganz, wie Lars sich das wahrscheinlich vorstellte, funktionierte es nicht. Aber der Ansatz… ja, der Ansatz könnte ihn ein kleines Stückchen weiter bringen.
»Papa?« Lars Stimme durchbrach aus der Ferne seine Gedanken. »Hast du mir zugehört?«
»Jaja, klar. Entschuldige.« Niklas rieb sich über den Kopf. »Es ist wohl schon zu spät. Wir sollten nach Hause gehen. Aber vergiss deine Idee nicht, sie war nämlich gar nicht schlecht.«
»Wirklich?« Lars strahlte über das ganze Gesicht.
»Ich müsste an ihr feilen und ja, das dauert auch Monate, aber vielleicht keine Jahre mehr.«
Als sie vor dem komplett eingeschneiten Haus parkten – mittlerweile fuhren sie nur noch mit Schneeketten, weil niemand mehr räumte - bemerkte Niklas sofort, dass kein Licht durch die vereisten Fenster schien. Das war ungewöhnlich. Selbst wenn der Strom ausfiel, schürte Emelie immer das Feuer, Tag und Nacht. Auch, weil jederzeit die Gasleitungen einfrieren konnten.
Auch Lars fielen die dunklen Zimmer auf. »Vielleicht ist sie eingeschlafen und das Feuer ist ausgegangen«, meinte er unsicher, doch Niklas konnte an seiner Stimme hören, dass er selbst nicht daran glaubte. Etwas nervös schloss er die Tür auf und sie traten gemeinsam in den dunklen Flur.
»Emelie, Lars hatte eine unglaubliche Idee!«, rief Niklas, während er weiter ins Haus hineinging. »Emelie?« Nichts rührte sich.
Lars streifte sich die Schuhe ab. »Mama, wo bist du?« Fragend sahen sich Vater und Sohn an.
»Ich sehe oben nach«, sagte Lars und rannte die Treppe hinauf.
Niklas hingegen betrat die dunkle Küche. Ein Eimer mit schaumigem Wasser darin stand auf den Fliesen, daneben ein hingeworfener oder fallengelassener Lappen. Das Wasser lief durch die ganze Küche. Emelie ließ niemals etwas liegen und ganz bestimmt keinen Putzlappen samt Eimer. Irgendetwas musste sie aufgehalten haben. Mit aufkommender Furcht stieg er über Eimer und Wasserlache hinweg und ging zur Wohnzimmertür. Sie war nur angelehnt.
»Liebling?«, fragte er in die Stille hinein und seine Stimme klang seltsam belegt.
»Oben ist sie nicht, ich hab alles durchsucht!«, rief Lars von der Treppe herunter.
Niklas stieß die Tür an, sie ging auf.
Auf dem Sofa saß Emelie, kerzengerade, mit dem Rücken zu ihm und starrte in die winzige Glut im Ofen.
»Sie ist hier«, rief Niklas zurück. Emelie bewegte sich nicht, sie schien seine Anwesenheit überhaupt nicht zu bemerken.
»Liebling«, flüsterte Niklas wieder und näherte sich ihr von hinten. Langsam ging er am Sofa vorbei und blickte in ihr Gesicht. Sie war kalkweiß.
Erst als er sich zu ihr setzte und ihre kalte Hand berührte, blickte sie ihn an. Es war Niklas, als wache sie aus einem tiefen Schlaf auf.
»Du bist da. Du bist endlich da! Ich warte schon seit Stunden, Ewigkeiten … hast du es gehört?« Sie sah ihn an und Niklas erkannte Angst in ihren Augen. Ein Gefühl, dass Emelie seit Jahren nicht gezeigt hatte. »Ach natürlich hast du es nicht gehört, du warst ja beschäftigt, nicht wahr? Aber ich habe es gehört, ich habe ganz genau zu gehört. Niklas, es geht los!« Sie flüsterte, sah ihn panisch an und brachte die Worte fast nicht heraus. »Es hat begonnen. Sie haben die Grenzen geschlossen. Niemand nördlich der Alpengrenze, kommt mehr in den Süden. Sie erschießen jeden, der es versucht. Es gibt bereits über tausend Tote.« Ihre Augen wurden endlich wieder klar.
Niklas atmete tief durch und ließ Emelie nicht los, die sich noch immer in seinen Arm schmiegte. Lars, der in den Raum getreten war, nahm neben ihm im Sessel Platz. In seinem Gesicht erkannte Niklas nun keine Angst mehr, sondern viel mehr Erkenntnis.
»Papa, ich fürchte, du wirst keine Jahre mehr für deine Wissen-schaft haben«, bemerkte er, als wäre es nicht eine Tatsache, von der ihr aller Leben abhing. Die Katastrophe hatte begonnen.
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