Private Frage: Birgt es eventuell Gefahren für Men-schen/Tiere/Sonstiges auf dem Planeten?
Diese Frage stellte Ria immer. Sie wollte wenn möglich über jedes Detail informiert sein. Trotzdem mochte Julian diese Frage nicht. Er mochte sie nicht, weil er dann für kurze Zeit darüber nachdachte, dass durch sein Produkt, sein Werk und seine Energie Menschen zu Schaden kommen konnten. Darüber wollte er nicht nachdenken.
Möglich, schrieb er deshalb nur und verzichtete auf eine Erklärung. Die durfte Ria selbst finden, doch wahrscheinlich würde sie in ein paar Minuten vor seinem Schreibtisch stehen und ihn darüber mit Fragen löchern.
Mehr musste er dieses Mal glücklicherweise nicht beantworten. Vielleicht schickte sie ihm in den nächsten Minuten ein weiteres Dokument, wenn sie mit den jetzigen Antworten nicht zufrieden war.
Julian schickte es ab und checkte seine Nachrichten. Mr. Warrick und der General hatten beide am Nachmittagstermin ihr Häkchen gesetzt, was bedeutete, dass Julian noch knapp zwei Stunden hatte.
Mit dem neuen Projekt anzufangen würde sich nicht lohnen, denn dann würde er wieder für einige Tage in seiner Welt verschwinden. Gedanklich legte er sich bereits seinen Projektplan zurecht. Alle Arbeitsschritte, die durchgeführt werden mussten und alle Störungen, die er mit einplanen sollte. Schon bei dem Gedanken daran fing sein Herz an, schneller zu schlagen. Das war seine Bestimmung, seine Aufgabe. Und dafür brauchte er nicht einmal mit jemandem zu sprechen. Wie gut, dass er für vier Menschen denken konnte und keine Mitarbeiter benötigte.
Energisch stand Julian auf und wanderte durch das Büro auf die Glasscheibe zu. Er musste sich gedanklich ablenken und auf das Gespräch vorbereiten, sonst konnte er am Ende der Versuchung nicht widerstehen, das neue Projekt jetzt schon zu beginnen. Außerdem musste er zunächst die Einverständnis des Generals haben. Das war zwar mehr ein symbolischer Akt, aber Julian brauchte eine Unterschrift, damit er nicht haftete, wenn etwas schief ging.
Ein kleiner Ticker an der Seite der Glaswand zeigte die neusten Nachrichten, doch er wischte ihn fort. Viel zu selten betrachtete er den dichten Wald unter ihm. Bäume, wohin er sehen konnte. Seit Monaten hatte Julian die Station nicht mehr verlassen und er sehnte sich auch nicht danach. Er konnte die Menschen dort draußen nicht verstehen und sie verstanden ihn nicht.
Da unten war es sicher feucht und warm, laut und ungemütlich. Lieber stand er hier, in klimatisierten Räumen, in völliger Stille, nahe an seinem Simulationstisch. Der Regenwald ließ sich auch von hier oben sehr gut betrachten.
Julian wusste, irgendwo da unten, in ein paar Kilometern Abstand, befand sich die Ausbildungsstation der R.P.U. Manchmal testeten sie ein paar neue Produkte von ihm und er hatte dann die undankbare Aufgabe, dies zu überprüfen und Bericht zu erstatten. Natürlich war er niemals dort gewesen, alles lief über Ferngespräch ab.
Glücklicherweise waren die Ausbilder seit dem Massaker im Norden auf weniger elektronische Hilfsmittel umgestiegen. Nun arbeiteten sie wieder mit Kurzwellen und Funkgeräten mit Ausschaltknopf. Julian hätte über solchen Rückschritt den Kopf geschüttelt, wenn ihm nicht bewusst gewesen wäre, dass es ihn im Grunde nicht interessierte. Außerdem wussten die Männer schon, was sie taten.
Julian machte eine Handbewegung und holte sich eine Auswahl an Satelliten auf den Schirm. Er überflog kurz ihre Informationen, Hintergrunddaten und Laufzeitlänge. Alles sah ganz gut aus, was wieder Stolz in ihm weckte.
Dann sah er sich die problematischen Satelliten an. An manchen blinkte ein orangefarbener Knopf, an manchen ein roter. Hier ging es meistens um Wolkenstörungen oder Beschädigungen durch Weltraummüll. Doch bei einem Satelliten war keine Störung beschrieben. Julian staunte. Mit einem Wisch zog er den betroffenen Satelliten durch den Raum zu seinem Schreibtisch hinüber.
Eine Ansicht des Gebietes wurde sichtbar. Julian ging hinüber und zog die Fläche größer. Aus der Ferne konnte er nichts auf dem Boden entdecken, keine Wolken schwebten über irgendwelchen Siedlungen und die Sonne wurde auch nicht reflektiert.
Gerade als er sich die Sache näher ansehen wollte, öffnete sich die Tür des Aufzuges und Ria trat in den Raum.
»Was du geschrieben hast, reicht mir nicht ganz«, sagte sie for-dernd.
»Dann musst du spezifischer fragen«, entgegnete Julian kühl und schloss die Satellitenansicht. Darum konnte er sich auch später kümmern.
»Schön. Wie also muss man sich das vorstellen, mit der Gegen-standserfassung?«
»Es gibt Schwierigkeiten. Wir können die Satelliten im All steuern, aber durch ihre Rotation und Eigenbewegung ist es schwer, kleine, sich bewegende Ziele länger im Auge zu behalten. Das habe ich verbessert.«
»Kann man nicht einfach ein Programm entwickeln, mit dem es möglich ist, einen Gegenstand, ob er sich bewegt oder nicht, zu fixieren und der Satellit kümmert sich dann selbst darum, dass er am selben Fleck bleibt? Dann müsste man es nicht mehr per Hand machen.«
Dafür erntete sie von Julian einen eisigen Blick. »Wir machen es nicht per Hand. Und man könnte es sicher, wenn man ein paar Gelder dort hineinstecken dürfte.«
»Aber fünfzig Millionen ist nicht viel! Warum hast du nicht mehr eingeplant, um dafür mehr Verbesserungen vornehmen zu können?«
Julian zuckte mit den Schultern. »Ich habe eine Kosten-Nutzen-Rechnung aufgestellt und danach gehandelt, was den größten Nutzen für uns hat.«
Ria sah ihn kritisch an. »Na schön. Wenn du so ungesprächig bist, sauge ich mir eben selbst noch etwas aus den Fingern. Was hast du da gerade gemacht?«
»Nichts. Nur ein Satellitenproblem.«
Julian übersah ihre hochgezogene Augenbraue nicht, aber er ging auch nicht darauf ein und setze sich wieder an seinen Schreibtisch. Ria wartete noch ein paar Sekunden, doch als er nichts weiter sagte, ging sie wieder hinaus. Mit einem mechanischen Klicken schloss sich der Aufzug hinter ihr. Seit ein paar Tagen verzog sie sich zum Arbeiten in ihr eigenes Büro. Julian wusste nicht, warum, und er fragte auch nicht. Ria war eine erwachsene Frau und wenn sie ein Problem hatte, würde sie damit ohnehin nicht zu ihm kommen.
Mit einem Seufzer ging Julian ins Bad, richtete seine lose Krawatte und warf sich eine Handvoll kaltes Wasser ins Gesicht. Nachdenklich betrachtete er sein Spiegelbild. Er hatte dieselben kantigen Gesichtszüge wie seine Schwester, dieselben schwarzen Haare und dunklen Augen. Aber im Gegensatz zu Ria sah er unglaublich blass aus, beinahe krank.
Er schüttelte den Gedanken an seine ungesunde Lebensweise ab und ging zurück zu seinem Schreibtisch. Ihm blieb noch eine Stunde. Zeit genug, um die neusten Meldungen und Gefahrenberichte durchzusehen. In wenigen Sekunden loggte er sich in das Netzwerk ein. Das war nicht der Zugang, den alle benutzen konnten, er arbeitete nicht im Browser, er arbeitete direkt auf den Servern. Was bedeutete, dass er Zugriff auf beinahe alle Daten hatte, die seit Anbeginn des World Wide Web vor mehr als 250 Jahren, gespeichert wurden und nicht durch den Krieg zerstört worden waren. Früher hatte man es Darknet genannt. Aber die Zeiten, in denen viele Menschen darauf zugreifen konnten, waren vorbei.
Das waren nicht Millionen von Daten, auch nicht Milliarden, Billionen oder Billiarden. Es waren Trillionen und es wurden täglich mehr. Das alles war in Cluster gepackt, die Julian öffnen konnte, wie er wollte um darin zu suchen, was er brauchte. Außerdem hatte er spezielle Programme installiert, damit er die Cluster gezielter durchsuchen konnte. Darauf konnte Julian ebenfalls stolz sein. Er war schließlich einer von zwei Menschen, die diese Software benutzen durfte. Nur noch der General griff darauf zu. Mr. Warrick nur mit Erlaubnis des Generals. Und Julian konnte genau sehen, wann sich einer von ihnen einloggte.
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