Er konnte bereits das Gesicht des Mannes auf dem Mobil sehen, mit wutverzerrtem Mund schrie er etwas vollkommen Unverständliches. In der Hand hielt er ein Gewehr.
Nun brach das Entsetzen über Less herein. Völlig unkontrolliert schlackerte er mit den Zügeln herum, nur um die Hunde weiter anzutreiben. Sie spürten seine Angst und rannten um ihr Leben, aber gegen ein Schneemobil kamen sie nicht an.
Die Siedlung lag mittlerweile so weit hinter ihnen, dass Less nur noch braune Flecken als Häuser erkennen konnte. Im Augenwinkel sah er, wie der Mann auf dem Mobil das Gewehr anlegte, während er weiter lenkte. Der Lärm des Fahrzeugs drang kreischend an sein Ohr. Am liebsten hätte er die Zügel losgelassen und sich die Hände auf die Ohren gepresst.
Als er sich ein weiteres Mal umdrehte, sah er, wie der Mann zielte. Er zielte an ihm vorbei auf –
Die Hunde stoppten so unerwartet, dass Less über seinen Schlitten in den Schnee geschleudert wurde. Als er sich aufrappelte schmerzten seine Rippen, sein Arm und seine Schulter.
Plötzlich herrschte eine furchtbare Stille.
Less sah sich um. Alle Hunde hechelten wie verrückt, Malik und Maret starrten wie versteinert an ihm vorbei, Ciernick zeigte keine Regung und Amal atmete heftig ein und aus. In ihrer Hand hielt sie ein langes Messer.
Mit einem Blick zu dem Mann, der auf dem Mobil gesessen hatte, stellte Less fest, dass ein zweites Messer in dessen Brust steckte. Sein Blut sickerte in den Schnee und tränkte ihn rot. Seine toten Augen starrten in den Himmel.
Zuerst brachte Less kein Wort heraus, wie gebannt starrte er auf den toten Mann.
Maret fing sich als Erste. »Mein Gott, Amal. Was hast du getan?«
Amals Augen blitzten wütend. »Er hätte mich umgebracht, wenn ich nicht schneller gewesen wäre. Wir müssen weiter.«
»Warte mal. Halt. Warum hat der Mann uns verfolgt?«, fragte Malik mit einem Anflug von Zorn in den Augen. »Was hast du ihm erzählt? Was weiß er?«
»Ich habe ihm nichts erzählt, wer denkst du, bin ich?«, zischte sie ihn an. »Er ist wahrscheinlich selbst auf die Idee gekommen, dass - «
»Wahrscheinlich war der Wachposten am Schuppen doch nicht so dumm, wie er aussah, was?«, unterbrach Ciernick sie spöttisch.
Völlig entgeistert sah sie ihn an. »Das ist nicht witzig, Idiot. Wir müssen sofort weiter. Wir nehmen eine andere, längere Route. Es ist wichtig, dass wir unsere Spuren verwischen.«
»Was? Ich verstehe gar nichts mehr! Was ist passiert?«, fragte Less ungeduldig. Er hatte das Gefühl, jeder wusste über etwas Bescheid, nur er nicht.
Alle schwiegen. Amal schien abzuwägen, was man ihm anvertrauen konnte. Da wurde Less wütend.
»Ich bin mit hierher gefahren«, sagte er laut. »Ich stehe die gleichen Gefahren durch und ich muss jetzt wieder mit euch zurück, also wüsste ich gerne, was hier los ist! Ich bin kein kleines Kind mehr, verflucht!« Er sah Amal auffordernd an, wich ihrem harten Blick nicht aus. Bis sie nachgab, wenn auch nur ein bisschen.
»Der Typ im Schuppen hat vermutlich den Login gesehen, das Netzwerk. Das ist nicht das normale Netz und das hat er gesehen.«
»Was meinst du damit, es ist nicht das normale?«
»Wir loggen uns illegal in die Datenspeicher ein«, warf Ciernick ein, wieder mit einem leicht spöttischen Unterton. Less versuchte das zu ignorieren.
»Und warum war der Mann da so wütend?«
Amal verdrehte die Augen und fluchte. »Denk doch nach! Die Datenspeicher werden überwacht, was wann wo kopiert wird, wird aufgezeichnet und dem wird nachgegangen. Wir haben auf unsere externen Speicher Billionen von Datensätzen kopiert, die in sich noch mehr bergen. Wir haben auch militärische, höchst vertrauliche Informationen gezogen. Weißt du, wie schnell man darauf aufmerksam werden wird?«
Less nickte und seine Augen kniffen sich unwillkürlich zusammen. »Wir haben das andere Dorf nicht verfehlt, oder?«
Amal schüttelte den Kopf. »Wir fahren jetzt weiter.«
Less ging zu seinem Schlitten und fuhr hinter den anderen her über die riesige Eisdecke. Den Toten ließen sie hinter sich und binnen einer halben Stunde hatten sie mehrere Kilometer zwischen sich und die Siedlung gebracht. Eine seltsame Gleichgültigkeit hatte sich in Less ausgebreitet. In ein paar Tagen, das wusste er, würde diese einer tiefen Schuld weichen.
Womöglich lud er den Tod vieler Menschen auf sich. Und was tat er? Er fuhr davon.
Nun wusste er, was Hanah gemeint hatte, als sie davon sprach, wie furchtbar sie es fände, etwas Verbotenes zu tun. Es gab immer Unschuldige, die darunter litten.
Der Blick zurück machte ihm zu schaffen. Es schien, als wäre in der kleinen Gruppe eine Krankheit ausgebrochen, die jeden alle fünf Minuten über die Schulter sehen ließ. Less fühlte sich verfolgt. Und dieses Gefühl war neu für ihn und furchtbar. Es machte ihn krank.
Seit zwei Tagen fuhren sie nun durch die verschneite Landschaft, Kilometer von der geplanten Strecke entfernt. Sie vertrauten Amal, dass sie sie sicher führen würde.
Sie reisten nur bei Nacht und trugen helle Mützen und Jacken, damit sie auf dem leuchtenden Schnee schwerer zu erkennen waren. Tagsüber schliefen sie in den Wäldern und ketteten die Hunde an Bäume, damit sie nicht hinausliefen.
Maret, Malik und die anderen schwiegen über diesen angespannten Zustand. Ohnehin sprachen sie wenig miteinander. Und auch das machte Less zu schaffen. Er schwieg Dinge nicht gerne tot, besonders, wenn es wichtige Dinge waren, über die man unbedingt reden sollte. Aber niemand machte auch nur Anstalten, darüber zu sprechen, und wenn er versuchte, das Thema aufkommen zu lassen, schnitt man ihm das Wort ab. Less war kurz davor, Ciernick zu löchern, obwohl er das nur ungern tun wollte. Nach wie vor war ihm der Mann nicht geheuer. Aber Less hatte auch das Gefühl, dass er ihm Antworten geben konnte. Würde er seine Loyalität zur Gruppe verletzen, wenn er Ciernick fragte? Gab es hier überhaupt so etwas wie Loyalität? Amal schien nicht sehr loyal zu sein, jedenfalls nicht gegenüber schwächeren Mitgliedern wie ihm. Sie schien alles dem Gelingen der Mission zu unterstellen und diese Einstellung gefiel Less nicht. Es gab ihm das Gefühl, dass hier mehr vor sich ging, als er wusste. Viel mehr. Wie ein tiefer Ozean, in dem Kreaturen lebten, die man weder sehen noch hören konnte, denen man aber auch niemals über den Weg laufen wollte. Und das Wasser hier schien sehr, sehr tief zu sein.
Auf was hatte er sich da nur eingelassen?
Ciernick starrte in die verrauchende Glut. Er saß auf seinem Schlitten, den Oberkörper gebeugt wie ein alter, grimmiger Mann. Für Less war er genau das. Ergrautes Haar lag wirr auf Ciernicks Kopf und unter seinem graubraunen Bart, der ihm in den letzten Tagen gewachsen war, schimmerte seine wettergegerbte Haut wie rostiges Eisen.
Er saß alleine am ausgehenden Feuer. Die anderen lagen bereits in den Zelten und versuchten, ein wenig Schlaf zu bekommen. Erst in ein paar Stunden, wenn es die Abenddämmerung begann, wollten sie weiterfahren.
Less gab sich einen Ruck und stand von seinem Platz am nächsten Baum auf. Ciernick hatte ihn ohnehin schon bemerkt. Gezwungen ruhig setzte Less sich ihm gegenüber auf ein Alu-Kissen, das ihn vor der Kälte des Bodens schützte.
Ciernick sah ihn nicht an. In seinen Augen spiegelte sich das letzte, aufkeimende Gold des Feuers. Beim näheren Hinsehen bemerkte Less, dass Ciernick lange nicht so alt aussah, wie er vermutet hatte oder wie er ihn einschätzte. Im Gegensatz zu Murray sah er sogar richtig jung aus.
Eine lange Narbe verunzierte sein Gesicht. Sie zog sich von der linken Schläfe bis zum Mundwinkel. Less wusste nicht, woher sie kam.
»Was willst du, Junge?«, brummte Ciernick, nachdem Less eine Weile einfach nur dagesessen hatte.
»Ich? Gar nichts.«
Читать дальше